Andrew Stüve im Interview

Das sittliche Vermögen Preußens und die Tugend der Jugend

Im Gespräch mit Andrew Stüve.

Ist die Jugend verloren, gleichgültig und nur zu aktivieren, wenn ein Schulstreik winkt? Andrew Stüve, geboren 1990, hält dagegen und erklärt, warum er es für möglich hält, Begeisterung für preußische Vorbilder und Ideale zu wecken. Aus seiner Feder ist soeben das Buch Schwarz und Weiß. Eine preußische Geistesgeschichte erschienen.


Manuscriptum: Lieber Herr Stüve, wie kommt es, daß sich ein junger Autor wie Sie für Preußen interessiert? Wann begann Ihre Faszination für die preußische Geschichte und warum?

Andrew Stüve: Mein Interesse an Preußen entstand bereits während der frühen Jugendphase und ist maßgeblich durch meinen Vater geweckt worden. Als ehemaliger Kapitän der Volksmarine besitzt er einen enormen militär-historischen Wissensschatz, den er oft mit mir teilte. Neben den militärischen Leistungen Preußens war ich ebenfalls früh vom preußischen Stil beeindruckt, der sich in den Königen, dem Funktionsadel, in der Architektur, in Potsdam und Königsberg, zuletzt im Habitus und Ethos wiederfinden läßt.

Früh gefiel mir zudem der spröde, deftige, zähe, bescheidene und höchst anständige Typus des Preußen, der noch von meinem märkischen Großvater lebhaft verkörpert wurde. Es läßt sich sagen, daß mein erstes Interesse an Preußen emotionaler und ästhetischer Natur gewesen ist. Mit der Zeit erwuchs sodann eine Faszination für die Art und Qualität der preußischen Staatsführung.

Joachim Fernau hat ein fesselndes Buch über Preußen als Land der armen Leute geschrieben. Und Sebastian Haffner sowie Wolfgang Venohr haben sich sogar schon ausgewählte „preußische Profile“ (Bismarck, Friedrich Engels, …) vorgenommen, um anhand dieser Portraits das spezifisch Preußische herauszuarbeiten. Warum bestand Ihrer Meinung nach trotzdem die Notwendigkeit, eine „preußische Geistesgeschichte“ zu verfassen?

Die „Preußischen Profile“ habe ich vor Jahren mit großer Begeisterung lesen dürfen. Mein Hauptanliegen war es, das immense sittliche Vermögen herauszustellen, das im preußischen Staats- und Gesellschaftsmodell steckt. Unter den Dingen, die heutigen Tags fehlen, ist insbesondere der Mangel an Sittlichkeit zu beklagen, denn ohne sie zerfällt jede Gemeinschaft und geht zugrunde.

Aus Gründen der Anschaulichkeit und Lebensnähe habe ich die preußische Sittlichkeit anhand von vier Studien höchst unterschiedlicher Persönlichkeiten aufzeigen wollen, wie sie sich bei ihnen in Wort und Tat äußert. Daß alle vier Personen keine geborenen Preußen sind, sondern sich dezidiert in den preußischen Staatsdienst gestellt haben, soll dessen hohe Kompatibilität unterstreichen und dem heutigen Leser bewußt machen, daß die preußische Gesinnung keine Grenzen kennt und sich rein durch die Kraft des Willens angeeignet werden kann.

Höchste Notwendigkeit sehe ich ebenso in der Heranbildung von Staatsmännern, da dieser Typus in der Bundesrepublik schlechterdings nicht mehr vorhanden ist. In diesem Belang gibt es keine höhere Schule als die preußische und so war es mein Anliegen, ihre Vorzüge zu betonen, sowie die erforderlichen Eigenschaften des Staatsmanns herauszustellen.

Sie portraitieren in Ihrem Buch zwei Philosophen und zwei Militärstrategen. Bestätigen Sie damit nicht insgeheim das bekannte Klischee über Preußen als Vorstufe des Nationalsozialismus? Oder anders gefragt: Konnte die preußische bzw. deutsche Eigenart, alles stringent bis zum Ende zu denken, gepaart mit den „preußischen Tugenden“ (Disziplin, Pflichtbewußtsein, …), nur in einer bestimmten Spielart des Totalitarismus enden? Was halten Sie diesem Argument entgegen?

Daß ich sowohl zwei Denker, als auch zwei Offiziere behandelt habe, liegt in der Natur Preußens, dessen Früchte mannigfaltig sein mögen, doch meist in die zwei Körbe Geist und Militärwesen fallen, was eindeutig auf die Strukturen von Staat und Herrschaft zurückzuführen ist. Wie aus meiner mecklenburgischen Heimat aufgrund seiner bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts ständischen Landesstruktur außerordentlich zahlreiche und verdienstvolle Gutsbesitzer, Förster und Stallmeister entsprangen, so sind die größten Preußen in den allermeisten Fällen Philosophen und Offiziere.

Was die vermeintliche Folgerichtigkeit von Preußen und Nationalsozialismus betrifft, so erscheint es zunächst außerordentlich merkwürdig, das System einer lauten Massenpartei, die von Blutreinheit besessen war, mit einem Modell zu vergleichen, das auf herausragenden Einzelpersönlichkeiten jeder Herkunft und deren Verdiensten beruhte, die schließlich allein das Blut legitimieren können – „ein Orchester von Blechinstrumenten, statt alter Kammermusik“, um mit Oswald Spengler zu sprechen.

Wer nicht vergessen hat, welch gewaltige Veränderungen Preußen seit dem deutschen Schicksalsjahr 1918 durchlitten hatte (Verlust der zentralen Machtfigur des Königs, Entbehrlichkeit des Adels, Preußenschlag etc.) und wie das nationalsozialistische Deutschland Preußen geschliffen und Schritt für Schritt entmachtet hat, der sieht doch deutliche Kursabweichungen, die die Annahme von Stringenz sehr fragwürdig erscheinen lassen.

Die späte Verehrung für Friedrich den Großen, die in der drohenden militärischen Niederlage ihren Höhepunkt erfuhr, ist politische Romantik. Die Bewunderung Hitlers für englische Sitten und Politik war hingegen echt. Was die preußischen Tugenden betrifft, so sind sie lediglich der modus operandi, weder sind sie der Telos, noch waren sie total. Jedem muß bewußt sein, daß sowohl gute als auch böse Taten auf tugendhafte Weise verrichtet werden können und dies die Tugend in keiner Weise berührt.

Ebenso verhält es sich mit dem Staatsdienst. Das von Friedrich Wilhelm I. etablierte Pflichtethos gegenüber dem Staat ist seines Wesens nach weder gut noch schlecht. Es kommt maßgeblich auf den Staat und dessen Regierung an, die sich in Preußen wesentlich von denen im nationalsozialistischen Deutschland unterschieden hatten. Im alten Preußen war der vom höchsten Diener geführte Staat zentral, nicht die Partei und ihre Führung, die sich eines Staates bedient hatten.

Hegel beschreiben Sie als den Philosophen des „organischen Lebens“ und zitieren in diesem Zusammenhang Nietzsche, der meinte: „Wir Deutschen sind Hegelianer, auch wenn es nie einen Hegel gegeben hätte.“ Sehen Sie eine Chance, etwas von diesem Geist in die Zukunft zu tragen und oder wird es nur noch vereinzelte Ausläufer des preußischen Ethos geben können?

Zuvörderst muß ich gestehen, daß ich als Christ natürlicherweise Optimist bin, weswegen ich durchaus lebendige Hoffnung für die Zukunft besitze. Das preußische Ethos wie die Philosophie Hegels werden meines Erachtens unbedingt überleben. Sie bedürfen allerdings einer weit stärkeren und ansprechenderen Verbreitung in Deutschland.

Im Ausland dagegen, man besehe sich bloß die jugendlichen Gegenkulturen in Europa und Amerika, ist seit längerem bereits eine unverkrampfte und regelrecht offensive Prussophilie, wie auch ein zunehmendes Interesse an Hegel am Werke, wie wir es hierzulande noch bitterlich benötigen. Es wird sich allerdings zeigen müssen, ob dieser Schwärmerei auch Berufung und Tatkraft folgen werden.

Zu meiner großen Freude beobachte ich in unserer Heimat eine zunehmende Abkehr vom liberalen, also unverbindlichen Lebensstil. Die schrillen und lauten Gegenbeispiele aus den großen Medien ändern daran wenig. Man bekommt nun dessen atomisierende Konsequenzen immer deutlicher zu spüren. Eine Hinwendung zu harter Arbeit, insbesondere an sich selbst, stärkere Leidensfähigkeit, Beharrlichkeit und eine auf Gemeinsinn gegründete Einstellung könnten bald schon jene Sitten und Marotten ablösen, die seit Ende der 60er Jahre zu unserem Leidwesen in unserem Lande Einzug gehalten haben.

Meine Hoffnung ist, daß man sich wieder stärker auf Gott bezieht, da nur er dem Leben die höchsten Aufgaben und Funktionen zuweist. Für unseren modernen, durchrationalisierten Verstand ist es allerdings bisweilen schwer, sich in das sanfte Kissen des Glaubens fallen zu lassen. Hier empfiehlt sich die Literatur des Deutschen Idealismus, insbesondere die Schriften Fichtes und Hegels, um die Lebendigkeit Gottes, das „Geist-Sein“ des Menschen und die Existenz der Seele zu erkennen.

Es ist meine tiefe Überzeugung, daß wir Deutschen ein Volk von Idealisten sind und zwar mit allem Für und Wider. Daß diese idealistische Weltanschauung, wie der Verstand überhaupt, korrumpierbar ist und nunmehr banalstem Götzendienst folgt, ist außerordentlich betrüblich. Es läßt sich behaupten, daß die Abkehr von falschen Idealen niemals so notwendig war, wie es heutigen Tags der Fall ist. Hierfür eignen sich die Schriften Hegels ausgezeichnet und es war mein Anliegen mit meinem ihm gewidmeten Kapitel einen ersten Anstoß dazu zu geben.


Vielen Dank für das aufschlußreiche Gespräch!

Andrew Stüve: Schwarz und Weiß. Eine preußische Geistesgeschichte. Hier bestellen!