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Sebastian Hennig

Nie zweimal in denselben Fluss

Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Hennig

Die Berichterstattung zu Björn Höcke besteht überwiegend aus Meinungen über ihn. Äußerungen von ihm sind den Medien eher selten zu entnehmen. Wenn es dann doch geschieht, werden seine Worte nur ausschnittsweise mit skandalisierender Absicht wiedergegeben. Derart wie ein bedrohliches Phänomen analysiert, kommt er als eigenständiger Autor seiner Äußerungen nicht in Betracht. Er dient nur als die harte Kante, an der die gegen ihn ausgesandten Signale zur Resonanz kommen. Keinesfalls soll er als Sender eines eigenen Programms wahrgenommen werden.

Vorliegendes Buch korrigiert das Missverhältnis, indem es Björn Höcke selbst ausführlich zu Wort kommen läßt. Seine Auffassung von den gegenwärtigen Verhältnissen ist dargelegt im Gedankenaustausch mit dem Künstler und Publizisten Sebastian Hennig. Beide Gesprächsteilnehmer gehören dem gleichen Jahrgang an, verlebten jedoch ihre Kindheit und Jugend in getrennten deutschen Teilstaaten. Die während eines Jahres geführten Gespräche spiegeln damit zugleich die Empfindungen einer Generation wider, die unmittelbar nach der deutschen Wiedervereinigung ihr Berufsleben angetreten hat.

Wir erfahren zugleich, welche politischen Ziele Björn Höcke verfolgt und welche Vorstellungen von der Welt er hegt. Darüber hinaus vermittelt das Gespräch einen Eindruck von der Person hinter dem diffamierten Politiker, zeigt auf welchen Erfahrungen und Erlebnissen seine Einsichten gegründet sind.

306 Seiten Klappenbroschur, Fadenheftung
ISBN: 978-3-944872-72-8

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Beschreibung

Details

Politische Bühne. Originalton

Die politmediale Öffentlichkeit in Deutschland ist ein artenarmes und steiniges Gelände: Brennessel und Brombeere wuchern, aber sobald sich trotz der der intellektuellen Nährstoffarmut ein anderes Pflänzchen zeigt, soll’s im Namen der Vielfalt mit Herbizid behandelt werden.

Ausnahmen gibt es freilich: Themen, Thesen und vor allem Personen, die im Spiel bleiben müssen, weil sie regelmäßig Anlaß und Ansporn zu theatralischer Empörung liefern. Von ihnen hört man freilich nur von journalistisch-dritter Seite und nur im Rahmen des inszenierten Tumults, zu dem sie sie mit einer Äußerung, einem Halbsatz, dem Gebrauch eines Wortes (oder gar nur mit einem Schweigen zu diesem oder jenem) angeblich Anlaß gaben, nie aber durch einen Originalbeitrag oder ein rückfragendes Interview.

Für solche Figuranten auf der Politischen Bühne, die also stets nur in der Dritten Person und unter viel Zeter und viel Mordio auftreten, haben wir diese neue Reihe Politische Bühne. Originalton geschaffen. Dort können sie aus der ihnen zugedachten „Stummen Rolle“ heraustreten und in ihrem Originalton sprechen.

Unsere Anforderungen an die Langlebigkeit von Beiträgen in dieser Reihe sind also weniger strikt als bei den Kernprogrammen. Das Motiv hinter ihr ist aber dasselbe und schon im ersten Absatz angesprochen: Ein Habitat der Vielfalt zum Schutz vor den giftspritzenden Diversitätsbeauftragten.

Autor

Leseprobe

Vorwort

Kostenlose Leseprobe: Vorwort von Frank Böckelmann

Falls die AfD bei der nächsten oder übernächsten Bundestagswahl 30 oder 35 Prozent der Wählerstimmen erhält (im europäischen Vergleich nichts Ungewöhnliches und noch immer fernab einer Regierungsbeteiligung), wird in den Talkshows und Life-Style-Foren ein ansteckendes gekränktes Jammern einsetzen: „Müssen wir jetzt Asyl in Neuseeland oder Südafrika beantragen? Wird jetzt der voreheliche Beischlaf verboten? Sollten wir schon mal üben, ‚Heil Höcke!‘ zu sagen?“

Nazi-Hysterie und Anrufung „europäischer Werte“ ersetzen bei den Meinungsführern in Deutschland heute weitgehend die politische Orientierung. Das Zeitalter der Digitalisierung ist zugleich das der moralischen Lauffeuer. Ein Begriffsnetz wird über das Weltgeschehen geworfen, und dieses hat gefälligst zu parieren. Die Macht hat, wer die Sprache regelt und die Themen ausruft. Setzen sich die Themen selbst, schwillt das Tremolo der Sprachregler zu einem schrillen Diskant an. Seit dem Beginn der Massenzuwanderung im Sommer 2015 überrascht nicht nur die Aufkündigung des Gehorsams im Volk, sondern auch die Mobilisierung der Gutgläubigen. Letztere sehen ihre moralische Alleinherrschaft in Frage gestellt – da muss das alte Böse am Werk sein!

Den Namen „Björn Höcke“ verbinden die tonangebenden Moderatoren und ihre dienstbaren Experten und auch einige Parteifreunde gewohnheitsmäßig mit den Attributen „rechtsextrem“, „völkisch-nationalistisch“, „biologistisch-rassistisch“ oder „apokalyptisch“. Doch am liebsten würden sie Björn Höcke einfach nur „Nazi“ nennen. Zwar räumen sie ein, dass Höcke die Doktrin von Hitler und Goebbels nicht ausdrücklich propagiere – doch berufen sie sich auf Politikwissenschaftler, die Höcke ein rechtsextremes Weltbild attestieren. Er verrate schreibend und sprechend häufig „eine übergroße Nähe zum Nationalsozialismus“ (so der AfD-Bundesvorstand im Januar 2017), nehme entsprechende „rhetorische Rückgriffe“ vor, transportiere „antisemitische Bedeutungsinhalte“, äußere sich mit einem „für Rechtsextreme typischen Duktus“ – „ähnlich“ wie die Identitären, zeige keine „Berührungsängste mit dem rechten Rand“, distanziere sich jedenfalls nicht von ihm. Wenn er es aber tue, dann offenbar aus taktischen Gründen.

Der vorliegende Gesprächsband bietet Gelegenheit, aus erster Hand zu erfahren, wie Björn Höcke den Nationalsozialismus versteht und bewertet, und zu prüfen, ob diese Einschätzung glaubwürdig ist. Selbstverständlich achtet der Politiker Höcke im Gespräch mit Sebastian Hennig immer auch auf mögliche Effekte seiner Äußerungen in einer Öffentlichkeit, die ihm feindlich gesinnt ist, und auf den Leumund des von ihm repräsentierten „Flügels“ in der AfD. Überzeugen können seine Aussagen aber nur, wenn sie zusammenpassen und eine bündige, eigenständig gewonnene Auffassung von der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert erkennen lassen – wenn sie nicht abstrakt, vom Interesse an Selbstrechtfertigung, zusammengesucht worden sind. Sie müssen einen belastbaren, annähernd widerspruchsfreien, auch künftig präsentierbaren Zusammenhang herstellen.

Stellen wir unter diesem Gesichtspunkt einige Thesen Höckes nebeneinander (und nehmen wir einen ersten Lektüre-Befund vorweg, nämlich den Eindruck, dass Höckes Freude an der Selbstdarstellung den Gesprächsverlauf weitaus stärker bestimmt als die Absicht, sich von Vorwürfen reinzuwaschen).

Höcke beruft sich auf den „patriotischen Widerstand gegen Hitler“, namentlich auf Stauffenberg und Dietrich Bonhoeffer. Er beklagt, dass der „aufrichtige Wille“ der Deutschen, „die Verfehlungen und Verbrechen des Dritten Reiches zu verarbeiten“, von den Siegermächten missbraucht worden sei. (S. 65) Er lehnt die Unterstellung einer Kollektivschuld ab, vertritt aber eine Art von Kollektivschamthese: Auch als nachgeborener Deutscher könne man sich „nicht einfach mit der Bemerkung aus der Verantwortung stehlen, das ginge mich gar nichts an“, denn eine solche Haltung fördere wiederum ein „atomistisches“ Selbstverständnis. (S. 70) Im „ständigen Verweis auf die einzigartige, fabrikmäßige, durchorganisierte Tötung“ schimmert nach Höckes Empfinden jedoch „bisweilen ein perverses Identitätsbild von uns Deutschen durch: Keiner mordet so perfekt, der Tod kann nur ein ‚Meister aus Deutschland‘ sein.“ (S. 71) Höckes Fazit: „Der Nationalsozialismus und Faschismus sowie der Kommunismus versuchten Anfang des 20. Jahrhunderts mit brachialen Mitteln und Methoden die Krisen der Moderne in den Griff zu bekommen, scheiterten aber dramatisch und hinterließen Trümmerfelder, auf denen sich der zersetzende Materialismus noch ungezügelter ausbreiten konnte.“ (S. 261) mehr lesen ...

Sebastian Hennig hat in diesem Gespräch einfühlsam und doch hartnäckig Regie geführt. Mit lebensgeschichtlichen und weltanschaulichen Themen beginnend und dann die aktuelle politische Problematik ansprechend, folgen seine Fragen den Assoziationen Björn Höckes, ohne ihnen völlig freien Lauf zu lassen. Wiederholt regt er den Gesprächspartner dazu an, auf die bekannten öffentlichen Anwürfe gegen seine Auftritte einzugehen. Doch Höcke meidet sowohl das Lamento der Selbstrechtfertigung als auch die Unschuldsmiene. Er zeigt auf diese Weise, dass die Anwürfe nicht (zu)treffen. Wer Höcke durch die Medienberichterstattung zu kennen glaubt, wird im vorliegenden Buch viel Neues und Unerwartetes finden, vorausgesetzt, er hat seine Zweifel am Tenor der Berichterstattung und ist neugierig auf diesen vielgeschmähten Mann mit dem freundlichen, aber zurückhaltenden, eher einladenden und abwartenden als zielstrebigen Gesicht, einen Mann, der sich zu provozierendem Auftreten jeweils erst durchzuringen scheint. Wer dem Medienurteil vertraut, wir nicht neugierig sein; es zu überprüfen, scheint sich zu erübrigen. Die Auseinandersetzung wird gleichsam für beendet erklärt. Und eben darauf zielt die Diffamierung ab: den Gegner zum Verstummen zu bringen. Der „Rechtsextreme“ kann fortan sagen, was er will. Man weiß ja schon Bescheid. Entweder bestätigt er seinen üblen Leumund, oder er will sich herausreden.

Indem Sie diesen Gesprächsband aufschlagen, lassen Sie den unbekannten Björn Höcke zu Wort kommen. Dieser zeigt sich skeptisch gegenüber Vorstellungen, die man bei einem Konservativen erwartet: „Orthodoxe Konservative“, die „keine Alternative zum Bestehenden sehen“, lehnt er ab: denn „das Bestehende (…) beginnt vor unseren Augen zu zerfallen“. (S. 59) Zugleich, erklärt Höcke, sei das Vergangene immer „auch in Heute präsent und damit real“ (S. 25). Es sei aber vergebliche Liebesmühe, „vergangene Zustände wiederholen zu wollen“ (S. 24). Daher dürfe und könne es keine „Rolle rückwärts“ geben. Höckes Standpunkt: „Es geht nicht um die Restauration alter Strukturen, um ein ‚neues Mittelalter‘, sondern darum, an die schöpferischen Stränge der Neuzeit wieder anzuknüpfen“, anders gesagt, die „sinnstiftenden Traditionsstränge“ erweitert fortzuführen. (S. 264) Doch Höcke bekundet, ihm fehle „die feste Glaubensgewißheit“. Als überzeugten Christen könne er sich nicht bezeichnen. (S. 50) Autorität und Hierarchie akzeptiere er nicht als Selbstzweck, sondern nur in einer „dienenden Funktion“. (S. 47) Auch hänge er keinem „völkischen Reinheitsideal“ an. Die Deutschen selbst seien ein „Mischvolk“. „Bei der Ethnogenese der Deutschen zwischen 800 und 1200 n. Chr. waren neben der germanischen Grundsubstanz auch bedeutende keltische, romanische und auch slawische Anteile dabei.“ (S. 129) Und Höcke erwähnt – man höre! – die „Grenzen und Gefahren des Populismus“: Wer könne schon im Namen des Volkes sprechen? „Wir sind als Volk bereits stark fragmentiert und bringen im Grunde keinen einheitlichen Volkswillen mehr hervor, sondern eher eine dissonante Kakaphonie.“ (S. 235) Nationalem Hochmut begegnet Höcke mit einer anthropologischen Erkenntnis: „Über alle kulturellen und ethnischen Grenzen hinweg“ teilten die Menschen einen „tragischen Riß“, die Erfahrung der Unvereinbarkeit von himmelstürmenden Ideen und eigener Schwäche und Endlichkeit. Aus dieser Demuts-Erfahrung, so Höcke, speise sich sein „tief verankerter Humanismus“. (S. 63) Im Übrigen rate er dringend dazu, „den Unmut niemals pauschal gegen die hier lebenden Ausländer zu richten (…), sondern ausschließlich gegen die für die Misere verantwortlichen Politiker“. (S. 218)

Auf kluge Weise geht Höcke auf die Kritik am Begriff des Volkes ein: „Für uns Menschen ist alle Wirklichkeit Konstruktion, eine bestimmte Vorstellung von der Welt.“ Alles real Greifbare sei „einmal entstanden, also auch ‚konstruiert‘ worden. Die Feststellung, daß Völker Konstruktionen sind, ist also banal.“ Und: „Allein aus der Tatsache, daß etwas ‚konstruiert‘ ist, leitet sich noch kein Imperativ zur Dekonstruktion ab. Dann müßte man ja beispielsweise alle Gebäude der Welt abreißen. Vielleicht sind aber etliche gute, schöne Konstruktionen dabei, die erhaltenswert sind.“ (S. 126)

Hier spricht kein Missetäter, der am Pranger steht und nach Ausflüchten sucht, sondern ein Intellektueller, der die Debatte um den Volksbegriff souverän durchdacht hat – eine Rarität im politischen Schlagabtausch. Die erwähnten eigenwilligen Ansichten sind Höcke-typisch und zeugen von der Spannkraft eines ebenso nachdenklichen wie ruhelosen Charakters. Wie erklärt sich dann die Diskrepanz zwischen dem Selbstverständnis des Politikers und den Attesten von „Rechtsextremismus-Experten“ wie Hajo Funke und von Moderatoren, die sich ihrer bedienen? Ist Höcke ein Demagoge, der im persönlichen Gespräch den selbstkritischen Denker mimt?

Denken wir an die skandalisierte Dresdner Rede vom 17. Januar 2017. Die zentrale Aussage dieser Rede, sagt Höcke, sei eine Warnung an seine Parteifreunde gewesen: „sich von den lockenden Futtertrögen der Parlamentsmandate nicht korrumpieren zu lassen“. (S. 227) Dann aber gab er eine Steilvorlage zu einem böswilligen Missverständnis und zur „skandalösen Falschmeldung der dpa“. Er nannte das Holocaust-Mahnmal in der Nähe des Reichstags ein „Denkmal der Schande“, übernahm dabei eine Formulierung des Intendanten des Humboldt-Forums, Neil McGregor. Gemeint war eindeutig: Wer sonst außer uns Deutschen stellt seine eigene Schande in den Mittelpunkt des nationalen Gedenkens? In vielleicht vorbewusst ungezähmter Erbostheit jedoch – er unterließ es, vom „Denkmal der deutschen Schande“ zu sprechen – riskierte Höcke die Fehldeutung, er habe das Mahnmal selbst ein Schandmal genannt. Seine Richtigstellung folgte auf dem Fuß. Sie wurde in den Medien wiedergegeben und als solche nie angezweifelt. Vielmehr wurde und wird sie meist einfach ignoriert. Die Wendung vom „Denkmal der Schande“ wird zitiert, als verstehe sie sich von selbst und bedürfe es keines weiteren Belegs für Höckes Schlechtigkeit. Manchen Journalisten dürfte die Fehldeutung durchaus bewusst sein. Doch weil sie Höcke schädigt, erscheint sie als Nachrede für einen höheren guten Zweck.

Niemand, der Höcke je aufmerksam zugehört hat, kann ihn für einen Rassisten oder Antisemiten halten, und das Gespräch mit Sebastian Hennig bestätigt dies ein weiteres Mal. Dennoch wird ihm weiterhin unterstellt, er habe sich mit diesem Satz entlarvt. Denn ihm darf alles zugetraut werden. Er hat die herrschende Phraseologie von „Toleranz und Weltoffenheit“ und das staatstragende Ritual deutscher Selbstverachtung aufgekündigt und sich damit die erbitterte Feindschaft derer zugezogen, die sich daran gewöhnt haben, edel und gut zu sein, wenn sie die Formeln des humanitären Universalismus aufsagen. Da sie aber nicht viel mehr haben als die Überzeugung, ein für alle Mal bei den Siegern der Geschichte zu stehen, verleumden sie den Zweifler als Ketzer.

Gewöhnen wir uns daran, dass jedes Beharren auf kulturellen und ethnischen Unterschieden und nationalem Eigensinn heute als „rechtsextrem“ gescholten werden darf. Björn Höcke hat die extreme Feindseligkeit gegen seine Person selbst zu erklären versucht: „Und ich glaube, die polit-mediale Klasse hat – mehr unbewußt als bewußt – erkannt, daß ich nicht ‚einfangbar‘ bin im Sinne einer ‚Hegemonie durch Neutralisierung‘, wie sie der marxistische Intellektuelle Antonio Gramsci beschrieben hat. (…) Ein wie auch immer geartetes Arrangement wird es mit mir nicht geben.“ (S. 221) Den Hass auf die AfD insgesamt erklärt er an gleicher Stelle mit der Angst der Machthaber, „von ihren etablierten Positionen verdrängt zu werden und die angesammelten Pfründe zu verlieren“. (88) Und weil er beobachtet hat, dass sich in der politischen Szene Deutschlands „notorische Realitätsverweigerer, Hysteriker, Schizophrene, Autoaggressive und auch Psychopathen“ tummeln (35), rät er seinen Mitstreitern: „Je hysterischer die herrschende Kaste reagiert, (…) desto ruhiger sollten wir werden (…). Jeden Anflug von Rechtfertigung sollten wir unterdrücken.“ (S. 222)

Indirekt immerhin antwortet Höcke auf Diffamierungen, die ihn im Raum des regierungsamtlich beglaubigten Vorurteils wie der eigene Schatten begleiten. Faschismus? Für Höcke „eine geschichtlich und räumlich begrenzte Erscheinung“, die „heute in Deutschland nur als bizarrer Fremdkörper existieren (könnte)“. (S. 141) „Rechtsextremistisch“? Ein vom politischen Gegner aufgeklebtes Etikett, ein reiner Kampfbegriff. Höcke lehnt jede Art von Extremismus als „Vereinseitigung, ein Ausblenden von Wirklichkeit“ ab, und jede Ideologie als „Verabsolutierung von Einzelaspekten“. (S. 146) „Biologistisch“? Höcke bestreitet, „Anhänger eines biologischen Reduktionismus“ zu sein, sieht vielmehr „den Menschen mit Arnold Gehlen vor allem als Kulturwesen“, hält aber die Vorstellung von „einer Kosmopolis mit ethnisch-indifferenten Weltmenschen“ weder für realisierbar noch für wünschenswert. (S. 129) „Völkisch“? Nirgendwo gebe es „phänotypische Einheitlichkeit“, und alle Völker seien „rassische Legierungen“, aber eben nicht beliebig und in wenigen Jahren entstandene, sondern jeweils Resultate einer langen Geschichte, einschließlich der „Tropfeneinwanderung“ kulturell kompatibler Personen. Den Begriff völkisch“ hält Höcke für unglücklich; die Bezeichnungen „volksverbunden“ und „volksfreundlich“ zieht er vor. (S. 133)

Björn Höcke kennt sich im Zeitgeist, im „ichsüchtigen Kollektivismus“, gut aus und ist ihm gründlich abgeneigt. Ihn einen „bürgerlichen Konservativen“ zu nennen, trifft ins Schwarze, wenn man den Akzent auf „bürgerlich“ legt. Sein Welt- und Menschenbild ist von „synthetisch-harmonisierenden Denkfiguren“ bevölkert, um mit Panajotis Kondylis zu sprechen. Er hält einem Bildungsbürgertum die Treue, das von der Massendemokratie längst überwältigt, aber von keiner anderen, keiner orientierenden Ordnungsvorstellung abgelöst worden ist. „Ordnung“ ist ein wichtiges Stichwort. Höcke orientiert sich staatspolitisch am „klassischen Maß“, das er dem Preußentum zuspricht, und denkt vom Ausgleich, vom Gleichgewicht der großen Daseinsmächte her: dem zwischen Dauer und Veränderung, Wiederkehr und Fortschritt, Vernunft und Körperlichkeit, Natur und Geschichte (sich durchdringend in der Landschaft, was Höcke angeht, in der mittelrheinischen Kulturlandschaft). Höckes Volks-Begriff enthält die Idee von Entelechie, einer eigentümlichen „Selbstentfaltung“ im Zusammenwirken schöpferischer Individuen, die sehr unterschiedlich disponiert, einander aber doch eng verbunden sind. Wenn sich Höcke im Rahmen dieses Weltbilds mit deutlich pädagogischen, auch studienrätlichen Zügen selbst einen „tief verankerten Humanismus“ zuspricht, so ist dies keine Schutzbehauptung.

Ist die Massenzuwanderung aus Vorderasien und Afrika nach Zentraleuropa Folge und Ausdruck einer humanistischen Haltung (wie die Allianz der Altparteien nicht müde wird zu beteuern)? Björn Höcke erkennt in ihr gerade das Gegenteil. Aus der „massenhaften Einwanderung von Glücksrittern und Menschen, die sich einfach ein besseres Leben in Europa und Deutschland versprechen“ (14), resultieren Chaos, Rechtlosigkeit und Willkür und langfristig „die brutale Verdrängung der Deutschen aus ihrem angestammten Siedlungsgebiet“ zugunsten einer brisanten Koexistenz von Bevölkerungsteilen, die kaum integrierbar sind und sich in Parallelgesellschaften gegeneinander abkapseln. Zugleich werden „die wirklichen Flüchtlinge“ praktisch unsichtbar – jene, „die nicht nur auf unsere Hilfe berechtigten Anspruch erheben können, sondern denen wir um unserer selbst willen helfen müssen, damit wir keinen Schaden an unserer Seele erleiden“. (S. 188) Wer wünscht sich eigentlich die Massenansiedlung von Orientalen und Afrikanern nebst fortschreitender Islamisierung? Die Deutschen werden nicht gefragt, und für das Schicksal ihrer Nachkommen fühlt kein Regierender Verantwortung. Hinter „der weichen humanitären Phraseologie unserer herrschenden Klassen“ verbirgt sich Höcke zufolge „ein hartes politisches Programm“ (S. 201). Dieses musste indessen nicht eigens vereinbart und ausformuliert werden, sondern ist schlicht „die logische Folge des Globalkapitalismus mit seiner Forderung nach weltweit freier Bewegung von Gütern, Kapital und eben auch Menschen“ (S. 244). Um diese Einsicht vom Geruch der Verschwörungstheorie zu befreien und ihr Plausibilität zu geben, „reicht schon die Kenntnis des UN-Berichts ‚Replacement Migration‘ von 2001, der die Öffnung Deutschlands für über 11 Millionen fremde Zuwanderer verlangt, angeblich, um ‚demographische Lücken‘ zu füllen“ (S. 205). Den vertrauensseligen Wählern der Altparteien wird diese globalpolitische, transatlantische Weichenstellung als Barmherzigkeit gegenüber menschlichen Einzelschicksalen nahegebracht, und als Gelegenheit für reuevolle Deutsche, sich weltoffen zu zeigen.

Um diesen unaufhaltsam erscheinenden Erdrutsch aufzuhalten, ist die Rückkehr des Politischen vonnöten – in Höckes Worten „der Ausstieg aus der internationalen ‚Anti-Islam-Koalition‘ und die konstruktive Zusammenarbeit mit muslimischen Ländern – je nach nationaler Interessenlage“ und eine „konsequente Verhinderung der drohenden Islamisierung Deutschlands und Europas“ durch „Stop der unkontrollierten Masseneinwanderung“ und „Durchsetzung unserer Rechts- und Werteordnung“ (S. 195). Darüber hinaus regt Höcke an, „man sollte darüber nachdenken, die Zahl der hier lebenden Muslime zu verringern“ (S. 197), wohl im Gegensatz zu anderen Flügeln der AfD, die vor allem auf konsensfähige Überzeugungsarbeit im Rahmen des großmedial betreuten Diskurses setzen. „Entscheidend ist der Wille zum Schutz unserer Außengrenzen …“ (S. 202)

Die entscheidende, die genuin politische Frage für Gegner der Massenzuwanderung ist, ob man im Wesentlichen auf ein Arrangement unter den politischen Kräften in ihrer gegenwärtigen Konstellation hofft oder der Realität, der absehbaren Entwicklung, die bessere Überzeugungsarbeit zutraut. Für Björn Höcke stellt uns die Lage vor eine letztlich unausweichliche Alternative: Selbstbehauptung der Völker oder Untergang. Die Altparteien, die in Ansehung der Schicksalsfrage als Block auftreten, klammern sich, um ihre Haut zu retten, an die Formel: Kosmopolitismus oder Untergang. Den Untergang sehen sie durch die Machenschaften der „Rechten“, „Rechtspopulisten“, „Völkischen“ heraufdämmern – von außen kann er nicht kommen, denn ein Außen darf es nicht mehr geben. Deshalb dürfen Debattenbeiträge von AfD-Abgeordneten im Block grundsätzlich nicht beklatscht werden. Um an jene Formel weiterhin glauben zu können, muss der Block den großen weißen Elefanten ignorieren: die Gefahr einer muslimischen Mehrheitsbevölkerung in den Großstädten und, ein wenig später, landesweit. Um gegen den Populismus, die „vermeintlich einfachen Lösungen“, Widerstand zu leisten, ist der Block nun in ein wahrhaft populistisches Dilemma geraten. Er ist gezwungen, darauf zu wetten, dass der Islam tolerant und selbstkritisch ist oder in Europa tolerant und selbstkritisch werden wird oder durch Entwicklungshilfe in Afrika zu einem verkraftbaren Immigrationsrinnsal kanalisiert werden kann. Wenn der weiße Elefant weiterhin im Raum steht, und vor den Toren Europas eine ganze weiße Elefantenherde, die AfD somit weiterwächst, bleibt den Altparteien nur ein einziger Ausweg: Um die populistische Gefahr zu bannen, müssen sie selbst das Programm der AfD in die Tat umsetzen (dies aber als Notmaßnahme gegen den Populismus deuten).

Björn Höcke wäre dann einer jenen Männer und Frauen, die Recht behalten, indem sie die Rolle von Sündenböcken übernehmen.

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