Rolf Peter Sieferle zum 10. Todestag
Am 17. September 2026 jährt sich der Todestag Rolf Peter Sieferles zum 10. Mal. Sein Schrifttum reicht von Marxismus zu Natur-, Technik- und Umweltgeschichte, von Ideengeschichte bis Ökonomie und Ökologie. Die posthume Veröffentlichung Finis Germania bescherte ihm 2017 nochmals eine breite Öffentlichkeit. Der Manuscriptum-Verlag verwaltet das vielfältige schriftstellerische Erbe dieses Jahrhundertautors und gibt die Werkausgabe Rolf Peter Sieferle heraus. Wer Sieferle nun neu entdecken oder vertiefen möchte, greift spätestens jetzt zu: Bis zum 31. Oktober 2026 legen wir jeder Bestellung mit wenigstens drei Bänden der Werkausgabe unsere neue Manuscriptum-Tragetasche kostenlos bei. Wer die komplette Werkausgabe bezieht, erhält eine kostenfreie Eintrittskarte zur Buchmesse »Seitenwechsel 2026« in Halle (Saale) – Sie finden uns dort in Halle 1, Stand F1.
Wir erinnern heute an Rolf Peter Sieferle und sein Werk mit einem Essay, der den Universalgelehrten Sieferle und dessen Werk gebührend würdigt:
Im Auge des Epochenwechsels
Die politische Nomenklatura der Bundesrepublik ist nervös. Unbenommen der üblichen linken Hysterie, die hinter jeder Meinungsäußerung außerhalb des von Links abgesteckten engen Korridors des Sagbaren sofort einen neuen Siegeszug des Faschismus aufziehen sieht, geraten die politischen Gewißheiten der geistig immer noch in Bonn verhafteten Republik in den letzten Jahren zunehmend ins Rutschen. Ein Ausdruck dieser Erosion ist der Aufstieg der politischen Rechten inner- und außerhalb des Parlaments. Das Erstarken hat seine guten Gründe: Ein wesentlicher ist, daß die Unzulänglichkeiten einer auf den Liberalismus fixierten Demokratie im gleichen Maße immer mehr zutage treten, wie sie die Probleme nicht lösen kann, die in direkter Verbindung mit den Glaubenssätzen eines ihrer geistigen Fundamente stehen, dem ethischen Universalismus.
Für die Bundesrepublik kommt erschwerend hinzu, daß die seit ihrer Gründung existierende feste Einbettung in die Pax americana, die noch jede apolitische Sorglosigkeit und Entrückung aus den Realitäten in Nachkriegsdeutschland begünstigte und unterstützte, in Auflösung begriffen ist und spätestens mit der zweiten Trump-Amtszeit ihrem Ende entgegengeht. Das wirkt wie ein Brandbeschleuniger und läßt die bundesrepublikanischen Eliten in ihrem Handeln noch hilfloser erscheinen, während sie mit altem Besteck und überkommenen Denkschablonen versuchen, die Logik der Pax americana fortzuführen – nur eben ohne die USA und ihren geopolitisch eigennützigen Realismus, sozusagen eine Fortführung durch den »besseren Westen«. Der Universalhistoriker Rolf Peter Sieferle hat diesen epochemachenden Umbruch vorhergesehen bzw. Mitte der 1990er Jahre in seinem Buch Epochenwechsel. Die Deutschen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert anhand der sich bereits abzeichnenden Entwicklungen dargelegt und in einer »Theorie des gegenwärtigen Zeitalters« (Hans-Christof Kraus), die insbesondere die Fallstricke des ethischen Universalismus für eine stabile politische Ordnung herausschälte, systematisiert. Sieferle war bereits vor Veröffentlichung der ersten Auflage des Epochenwechsels in Fachkreisen eine Koryphäe, der breiten Öffentlichkeit aber weitgehend unbekannt.
Mit seiner 1982 veröffentlichten Studie Der unterirdische Wald. Energiekrise und industrielle Revolution legte er ein umwelthistorisches Standardwerk vor, das in seiner akademischen Pionierleistung im deutschsprachigen Raum durch die Etablierung eines energetischen Ansatzes zur Erklärung gesellschaftlicher Prozesse nicht zu unterschätzen ist. Im Kern postuliert die energetische Perspektive, daß die verschiedenen Grundgesellschaftsformen (Jäger und Sammler, Agrar- und Industriegesellschaften) von unterschiedlichen Energiedurchflüssen und -niveaus abhängig seien: »Mit der Entwicklung des Kapitalismus und des Industriesystems entsteht […] eine Gesellschaftsform, die auf permanentem ökonomischen Wachstum beruht«, und daher laut Sieferle auf den »Durchfluß großer und in der Regel wachsender Mengen an Energie und Rohstoffen«[1] angewiesen ist. Darüber hinaus hat er die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten der modernen Umweltkrise verdichtet auf den Punkt gebracht: »[Im Industriesystem] werden Handlungen mit sehr großer Reichweite vorgenommen, ohne daß man auch nur ansatzweiße wüßte, zu welchen Effekten sich ihre Folgewirkungen summieren und aggregieren können. In universalgeschichtlicher Perspektive ist der Übergang zum Industriesystem daher ein ungeheuer riskantes Unternehmen.«[2]
Möglicherweise war es unter anderem ebenjene Kunst, komplexe Sachverhalte prägnant auszuformulieren, ohne daß ihr Informationsgehalt darunter litt, die Sieferle zum Berater der Bundesregierung machte. So verfaßte er beispielsweise im Jahr 2010 für den »Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen« der Bundesregierung die Abhandlung Lehren aus der Vergangenheit, in der er anhand einer konzisen Analyse der Menschheitsgeschichte die generelle Offenheit der Zukunft der Industriegesellschaften darlegte: »Der Weg der Transformation war […] in vielfacher Hinsicht offen. Es handelte sich um einen grossen [sic!] Prozess der Suche, der sich im Medium starker sozialer und politischer Konflikte vollzog. Alle Versuche, ein bestimmtes Stadium oder eine bestimmte Organisationsform zu fixieren, sind früher oder später gescheitert. Die industrielle Transformation blieb in dieser Hinsicht ein evolutionärer Vorgang.«[3]
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Allerdings sorgte seine für die akademische Zunft der Bundesrepublik teils eigenwillige Herangehensweise an Forschungsgegenstände für Irritationen in Feuilleton und (links-)liberalen Kreisen. Das traf vor allem auf den bereits erwähnten Epochenwechsel und seine rund ein Jahr danach erschienene Studie Die Konservative Revolution. Fünf biographische Skizzen[4] zu. Beim Epochenwechsel waren es unter anderem seine beißende Kritik am Universalismus und die schonungslose Darstellung des deutschen Fin de siècle im gesellschaftlichen Rahmen der Bundesrepublik, die die Wächter der liberalen Wertegemeinschaft auf den Plan riefen. Sieferles im Epochenwechsel gezogene Schlußfolgerungen wie »[d]er moderne bürgerliche und nachbürgerliche Universalismus, der das Egalitätsprogramm in seinen fundamentalen weltanschaulichen Bestand aufgenommen hat, ist im Selbstvollzug dieses Programms auf eine Bahn geraten, an deren logischem Ende seine Selbstaufhebung steht. […] Er schließt die Augen vor der Härte der Probleme, weil nur so sein konsequenter Moralismus möglich ist«[5] konnten nicht ohne die übliche Abkanzelung stehengelassen werden. Fast noch schlimmer wogen seine Gedankenspiele zum Wiederanknüpfen an den »preußischen Sozialismus«, indem er eine mögliche Entwicklung zu einem »re-kontinentalisierten Deutschland« in den Raum stellte, in welchem »eine denkwürdige Koinzidenz zweier Strömungen«[6] existiere: »nationale Umverteilung und Solidarität einerseits, andererseits das Modell einer im hohen Maße von Staatsinterventionen geprägten Wirtschaft.«[7]
In seiner Studie zur Konservativen Revolution machte er sich dadurch verdächtig, daß er versuchte, »eine Perspektive von außerhalb der alten Bürgerkriegsgräben einzunehmen und sie [die Konservative Revolution] als ein rein historisches Phänomen anzusehen, das es nicht primär zu bekämpfen, sondern zu begreifen gilt«[8].
Dabei sezierte Sieferle sowohl im Epochenwechsel als auch in dem 1997 erstmalig veröffentlichten Rückblick auf die Natur. Eine Geschichte des Menschen und seiner Umwelt die Bewegungsrichtung der westlich geprägten liberalen Moderne und die daraus resultierenden gesellschaftlichen Zerwürfnisse fast gleichlautend wie andere Geisteswissenschaftler, die jedoch nie derart vom Kulturestablishment angefeindet wurden. »Die Gesellschaft der Transformationsära dagegen löst alle Bestände in Flüsse und Funktionen auf, an welche sich die Individuen zwangsläufig anschließen müssen. […] Die Transformationsgesellschaft muß, gerade weil sich in ihr keine stabilen Muster herausbilden, permanent offen für Veränderungen aller Art sein, denen sich ihre Elemente jederzeit flexibel anpassen müssen. […] Die verbreiteten ideologischen Ausdrucksformen für diese strukturelle Nicht-Festgelegenheit sind die populären Gedankenfiguren ›Freiheit‹, Gleichheit, Individuum, Diskurs, Markt oder Demokratie, die eine enorme Plausibilität besitzen, wiewohl oder gerade weil sie inhaltlich leer sind.«[9] Die soziologischen Konzepte der »Flüchtigen Moderne« von Zygmunt Bauman oder der »Gesellschaft der Singularitäten« von Andreas Reckwitz legen eine ganz ähnliche Gesellschaftsanalyse vor, jedoch schieben sie in ihren Demaskierungen des liberalen Emanzipationsprojekts einen Fluchtpunkt hinterher. Bauman ist der Ansicht, »daß eine in der täglichen Auseinandersetzung über Werte, Vorlieben und Lebensformen zwischen den Mitgliedern der Polis geschaffene Einheit die vielversprechendere Alternative [zum nationalistischen und patriotischen Glauben] ist«[10], um eine politische Ordnung in der »flüchtigen Moderne« zu stabilisieren. Reckwitz empfiehlt derweil als Antwort auf das Dynamisierungsparadigma des »apertistischen Liberalismus« – Reckwitz’ Definition für einen Liberalismus, in dessen Mittelpunkt die Erweiterung der subjektiven Rechte gegenüber der Gesellschaft und die kulturelle Diversität stehen und der letztlich ein politisches Destillat der »flüchtigen Moderne« darstellt – das neue politische Paradigma des »einbettenden Liberalismus«, für den die drei Elemente »Soziale Ordnungsbildung«, »Revitalisierung des Allgemeinen« und »Einbettung der Dynamik der Identitäten und der Globalisierung in neu zu schaffende Rahmenbedingungen« leitend sind.[11] Es bleibt indes Baumans Geheimnis, wie eine direkt aus der liberalen Utopie abgeleitete »tägliche Auseinandersetzung über Werte, Vorlieben und Lebensformen« inmitten des von ihm dargelegten mächtigen Zersetzungsstroms, der selbst ebenjener Gesellschaftsutopie entspringt, eine belastbare »geschaffene Einheit« hervorbringen und stabilisieren soll. Das Gleiche gilt für Reckwitz’ »einbettenden Liberalismus«. Selbst grundsätzliche Abrechnungen mit dem westlichen Liberalismus und dessen Grundprinzipien wie Das Licht, das erlosch des bulgarischen Politologen Ivan Krastev und des US-Rechtswissenschaftlers Stephen Holmes enden mit der Hoffnung, »dass ein geläuterter Liberalismus […] noch immer die politische Idee ist, die dem 21. Jahrhundert am ehesten entspricht«[12].
Derartige intellektuelle Purzelbäume waren Sieferle fremd. Er blickte illusionslos und scharfsinnig auf die Auflösungsprozesse der »Transformationsgesellschaft« und ihre möglichen Endpunkte, was das Unwohlsein der bundesdeutschen Intelligenzija gegenüber seinen Analysen befeuerte.
Dezidiert politisch und gleichzeitig einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Sieferle aber erst mit seinen letzten Texten, die postum im Jahr 2017 veröffentlicht wurden: Das Migrationsproblem und Finis Germania. Zieht man in Betracht, daß die Textfragmente, die Finis Germania versammelt, schon Jahrzehnte vor ihrer Veröffentlichung verfaßt wurden, stellte Das Migrationsproblem den eigentlichen öffentlichen Sprung Sieferles in die scharfe Zivilisationskritik dar. Was in vorigen Arbeiten angeklungen war, wurde nun unter dem Eindruck der Massenmigration zur unerbittlichen Abrechnung mit dem Status quo: »Die letzten Menschen haben [der Invasion durch Migranten] nichts entgegenzusetzen. Sie verzichten auf Honig, um ihn nicht den Bienen wegnehmen zu müssen. Sie stellen die Ernährung ihrer Katzen auf vegane Kost um. […] Es fragt sich also, was diese Menschen den Invasoren entgegensetzen können.«[13] Sieferle sah die zivilisatorischen Errungenschaften Deutschlands in Gefahr: die deutsche Leistungsfähigkeit, das kulturelle Kapital (Kooperationsbereitschaft und Vertrauen) und den davon abhängigen Sozialstaat: »Vielleicht haben wir hier einen evolutionären Prozeß der Selbstdestruktion vor uns: Die Menschen in den reichen Zonen reißen selbst das Wohlstandsplateau ein, auf dem sie (mit schlechtem Gewissen angesichts des Elends in der Welt) leben.«[14]
Gleichwohl wurde dem Bändchen Finis Germania die größere öffentliche Aufmerksamkeit zuteil, was zweifelsohne der bundesdeutschen Erregungskultur geschuldet ist. In der Reaktion auf Sieferles Gedankenfragmente konnte man diese in ihrer paradigmatischen Form begutachten. Alles begann damit, daß der Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel Finis Germania auf die gemeinsam von NDR Kultur, Süddeutscher Zeitung und Börsenblatt des Deutschen Buchhandels veröffentlichte Liste der »Sachbücher des Monats« setzte. Die Entrüstung folgte prompt, und Saltzwedel trat aus der Jury aus. Der damalige Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer verlautbarte dazu: »Ich habe nach der Lektüre der wesentlichen Kapitel kein Verständnis dafür, dass der Kollege Saltzwedel dieses Buch empfohlen hat. Und wegen des entstandenen Schadens begrüße ich seinen Rücktritt aus der Jury.«[15] Sieferle hatte es in Finis Germania gewagt, den letzten Mythos der Bundesrepublik zu kritisieren und die Mechanismen seiner Mystifizierung offenzulegen: Auschwitz. »Steht hinter dem Pochen auf die ›Unvergleichlichkeit‹ nicht die alte Furcht jeder offenbarten Wahrheit, daß sie verloren ist, sobald sie sich auf das aufklärerische Geschäft des historischen Vergleichs und der Rechtfertigung einläßt? Auschwitz ist zum Inbegriff einer singulären und untilgbaren Schuld geworden.«[16] Indem Sieferle die Singularität des Holocausts als größter und unvergleichbarer Greuel der Menschheitsgeschichte in Frage stellte, löste er eine Lawine der Empörung aus, die, ohne daß die Empörten sich dessen selbst bewußt waren, den empirischen Beweis für seine Analysen zum »Mythos Auschwitz« und dessen Hohepriestern antrat. »[Die] Aufgabe [der Priester] ist es zu mahnen, zu erinnern und den Mythos wachzuhalten. Aus dem Dogma entspringt ein Auftrag, eine Sendung: die totale ethische Beweihräucherung und Missionierung der Welt.«[17]Nichts anderes war beim Eklat um Finis Germania auf der Sachbuchliste zu beobachten. Nachdem er das Buch durch den Trubel sogar in die Spiegel-Bestsellerliste katapultierte, sah man sich in der Hamburger Blattzentrale aus einer besonderen Verantwortung in diesem Fall heraus dazu genötigt, es einfach von dieser Liste zu streichen. Finis Germania zu kaufen und zu besitzen, wurde zum Widerstandsakt gegen das linksliberale Establishment – eine Ketzerschrift.
Welche menschlichen Abgründe sich auf dem Schlachtfeld der deutschen Vergangenheitsbewältigung auftun können, demonstrierte indes der Literaturkritiker Gustav Seibt. Kurz nach Sieferles Freitod im September 2016 hatte Seibt für die Süddeutsche einen Nachruf verfaßt und darin Sieferles Lebensleistung und seine geistige Brillanz noch gewürdigt: »Sieferle war ein unerschrockener, immer rationaler Denker, der sich auch dann nicht aus der Ruhe bringen ließ, wenn er apokalyptische Möglichkeiten erwog.«[18] Nur um dann nach der Veröffentlichung von Finis Germania in den Duktus der von Sieferle beschriebenen Hohepriester zu verfallen und auf öffentlicher Bühne nachzutreten: »Umso erschreckender und bedrückender ist eigentlich dieser Absturz jetzt in seiner letzten Phase in auch wüstes Schimpfen und Primitivität. […] [E]r verliert dann auch den Glanz seiner Differenzierungsfähigkeit, wenn er zum Beispiel […] in diesem kleinen Büchlein sich […] kulturkritisch lustig macht über die massendemokratische Gesellschaft.«[19] Eine der wenigen Verteidigungen kam vom Philosophen Rüdiger Safranski, der von einer »fahrlässigen und hysterischen« Debatte sprach und kritisierte, daß Sieferles Ausführungen zur Singularität von Auschwitz zur Holocaustleugnung aufgeblasen werde.
Viel ist seit dieser Erregungsepisode geschehen. Während wir heute den zehnten Todestag von Rolf Peter Sieferle schreiben, ist der Epochenwechsel in vollem Gange. Das Migrationsproblem entwickelt von Jahr zu Jahr mehr die katastrophalen Ergebnisse, die eine sich tribalisierende Gesellschaft hervorbringt. Unter anderem deswegen reüssiert zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik eine dezidiert rechte Partei in den deutschen Parlamenten und steht kurz davor, die christdemokratische »Mitte«, die sich über Jahrzehnte als Aufhalter rechter Parteien in Deutschland verstanden hat, zu marginalisieren. Mittlerweile ist die rechte Gegenöffentlichkeit so stark, daß Diskurshüter wie Gustav Seibt nur noch an ihr eigenes urban-bürgerliches Milieu appellieren. Der postume Erfolg von Sieferles Schriften zeugt davon.
Damit besteht die Möglichkeit, Sieferles tiefschürfendes Lebenswerk in all seinen Facetten zu durchdringen und seine »Theorie des gegenwärtigen Zeitalters« als Fundament für konservative, rechte Gesellschaftsanalysen der Umbruchzeit des 21. Jahrhunderts fruchtbar zu machen – mit den entsprechenden Handlungsdevisen. Die Ansätze dafür sind in Sieferles verdichteten Schriften Legion. Sei es zu Themen wie dem Sozialstaat: »Wenn aber unter der Bedingung der Globalisierung der Sozialstaat nur als expliziter Nationalstaat gerettet werden kann, liegt hier ein mögliches Politikfeld für eine künftige Rechte, die im Namen des ›nationalen Sozialismus‹ argumentiert.«[20] Zu Fragen der Aufrechterhaltung des kulturellen Kapitals: »Die Kehrseite der Multikulturalität kann in der Zerstörung von sozialem bzw. kulturellem Kapital liegen, von Vertrauen und Kooperationsbereitschaft, mit der Folge steigender Transaktionskosten.«[21] Oder im Hinblick auf die feste Stilbildung als Teil einer rechten Ökologie: »Die totale Landschaft ist eine vollständig ortlose, eine mobilisierte und planlos kontrollierte Landschaft. Es fragt sich schließlich, ob dieses Ende der herkömmlichen Stilbildung selbst ein bloßes Übergangsphänomen ist und an die Lebensdauer der Transformationsphase gebunden bleibt, so daß nach deren Abschluß mit einer neuen Strukturbildung im Sinne einer stabilen, stilistisch durchgeprägten Landschaft zu rechnen ist.«[22]
Sieferle hat ein universalgeschichtliches Denkgebäude von riesiger Spannweite hinterlassen. Nutzen wir es, damit der letzte wertvolle Beitrag Europas zur Menschheitsgeschichte nicht darin besteht, anderen Nationen als mahnendes Beispiel dafür zu dienen, wie eine totale Selbstaufgabe in den Niedergang führt.
[1] Rolf Peter Sieferle (2021): Der unterirdische Wald. Energiekrise und Industrielle Revolution (Neuausg.), Lüdinghausen u. Neuruppin (Landt), S. 71.
[2] Ebd., S. 71 f.
[3] Rolf Peter Sieferle (2010): Lehren aus der Vergangenheit, Berlin (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung), S. 26.
[4] Vgl. Rolf Peter Sieferle (2019): Die Konservative Revolution. Fünf biographische Skizzen (Neuausg.), Lüdinghausen u. Berlin (Landt).
[5] Rolf Peter Sieferle (2017a): Epochenwechsel. Die Deutschen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, Lüdinghausen u. Berlin (Landt), S. 390 f. u. 481.
[6] Ebd., S. 171.
[7] Ebd.
[8] Sieferle (2019), S. 28.
[9] Rolf Peter Sieferle (2020): Rückblick auf die Natur. Eine Geschichte des Menschen und seiner Umwelt, Lüdinghausen u. Berlin (Landt), S. 234 u. 236.
[10] Zygmunt Bauman (2003): Flüchtige Moderne, Berlin (Suhrkamp), S. 209. Hervorhebung im Original.
[11] Vgl. Andreas Reckwitz (2019): Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Berlin (Suhrkamp), S. 285 f.
[12] Ivan Krastev u. Stephen Holmes (2019): Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung, Berlin (Ullstein), S. 304.
[13] Rolf Peter Sieferle (2017b): Das Migrationsproblem. Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung, Waltrop u. Berlin (Manuscriptum), S. 131.
[14] Ebd., S. 126.
[15] o. A. (2017): »Der Fall ›Finis Germania‹«, in: spiegel.de vom 12. Juni 2017, letzter Zugriff am 14. September 2026.
[16] Rolf Peter Sieferle (2017c): Finis Germania, Schnellroda (Antaios), S. 64.
[17] Ebd., S. 71.
[18] Gustav Seibt (2016): »Der Unerschrockene«, in: sueddeutsche.de vom 9. Oktober 2016, letzter Zugriff am 14. September 2026.
[19] Nicole Dittmer u. Julius Stucke (2017): »›Ein erschreckender Absturz‹«, in: deutschlandfunkkultur.de vom 12. Juni 2017, letzter Zugriff am 14. September 2026.
[20] Sieferle (2017a), S. 171.
[21] Sieferle (2017c), S. 125.
[22] Sieferle (2020), S. 262.