Haralampi G. Oroschakoff

Erdrandsiedler (Visages des frontières)

Wenn es Multikulturalität jemals wirklich gegeben hat, dann auf der Grenze von Europa und Asien vor dem Ersten Weltkrieg. Haralampi Oroschakoff, geb. 1955 in Sofia als Kind von Emigranten aus der russischen Aristokratie und von lebendigen Kindheitserinnerungen geprägt, ließ sich viele Jahre lang von Reiseberichten und dem Orientalismus des 19. Jahrhunderts inspirieren, um sich künstlerisch, ethnologisch und historiographisch der eurasischen Völkervielfalt zu widmen. Multikulturalität ist hier keine Abstraktion: Jedes Volk hat ein individuelles Gesicht, dem sich eine konkrete und unverwechselbare, raumgebundene Identität ablesen läßt. Die in der Ausstellung „Visages des frontières“ (dt. „Erdrandsiedler“) gezeigten Personen in ihren traditionellen Trachten und zeugen von einer ethnischen, sprachlichen, kulturellen und religiösen Vielfalt, die im Eurasien am Vorabend des Ersten Weltkriegs vielleicht ihren Höhepunkt erlebte. Ein Jahrhundert später wirft Oroschakoff einen zeitgenössischen Blick auf diese „Minderheiten“ mit ihrem starken Selbstbewußtsein sowie auf ihre turbulente Geschichte und deren geopolitische Bedingungen: Abchasen, Inuit, Kurden, Tschetschenen, Tscherkessen, Tataren und viele andere. Oroschakoffs eigene Erläuterungen auf Deutsch, Russisch, Englisch und Französisch kommen ohne sattsam bekannte Denkmuster und Sprachregelungen aus. Der Schriftsteller Martin Mosebach nennt Oroschakoff einen „orthodoxen Maler und heterodoxen Historiker“.

Seit 1981 als Maler, Zeichner und Autor tätig, ist Oroschakoff in der internationalen Kunstszene ein anerkannter Mittler zwischen Orient und Okzident. Er lebt und arbeitet in Berlin und Cannes. Mitglieder seiner Familie haben im zaristischen Russland und im südslawischen Reich Bulgarien und Serbien hohe Ämter bekleidet. Im Jahre 1960 flohen seine Eltern mit ihm nach Wien. Die Suche nach dem verlorenen Raum, dem angestammten Territorium, ist ein Generalthema in Oroschakoffs Werk und zugleich eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. In den 1990er Jahren kehrte er zu seinen byzantinisch-orthodoxen Wurzeln zurück und schuf eine Reihe von Gemälden, die das orthodoxe Kreuz – das doppelte Patriarchenkreuz – als Symbol für die kulturelle Vitalität des Ostens aufgreifen.

Dieses Buch ist als Begleitband zur Ausstellung „Visages des frontières“ erschienen, die bis zum 29. Mai 2022 im Musée des explorations du monde, Place de la Castre – Le Suquet, in Cannes zu sehen ist.
Gebunden, Fadenheftung, Schutzumschlag aus Surbalin, 89 meist farbige Abb., 22,5 x 30,5 cm

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ISBN: 978-3-00-070770-4
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Beschreibung

Details

Haralampi G. Oroschakoff: „1988 habe ich begonnen, ein Archiv der verschiedenen Völker der östlichen Welt anzulegen, wobei ich keinen Unterschied zwischen den Weiten des Osmanischen und des Russischen Reiches gemacht habe. Auf dem Höhepunkt der dramatischen Entwicklung im Ost-West-Konflikt jener Jahre, welcher mit dem Fall der Berliner Mauer und der deutschen Wiedervereinigung ein so glückliches Ende fand, habe ich sämtliche Kriege, Bürgerkriege und Grenzverschiebungen, die sich aus der Auflösung der Sowjetunion und Jugoslawiens ergeben haben, akribisch aufgezeichnet und auf ein Kartenbild übertragen, welches bei Bedarf weitergeführt wird. Während damals die Experten jubelnd »das Ende der Geschichte« propagierten und den endgültigen, das heißt globalen Sieg des Kapitalismus westlicher Prägung feierten, legte ich eine Sammlung der willkürlich von westlichen Geostrategen gezogenen Grenzen an. Über die Hälfte der dargestellten Völker sind in beiden Reichen anzutreffen und offenbaren in bezug auf Trachten, Linienführung der Ornamente, deren Materialien und im Habitus eine gemeinsame Klangfarbe, ähnlich wie die verwandten Sprachen, wenn sie auch bei gleicher Ausgangslage der Worte im Zweifel das Gegenteil ausdrücken. (…) Die Sammlung umfaßt diverse Stiche, Kaltnadelradierungen, Zeichnungen und Photos, die ich im Zuge meiner vielfältigen Reisen und Ausstellungsprojekte in Südosteuropa, der Russischen Föderation und der turkmenischen Welt gesucht und nach werktreuen Angaben koloriert, weitergeführt oder vollendet habe. Ich bin dieser Spurensicherung wie ein Ethnograph gefolgt, die untergegangene Vielfalt aus einer immer vernebelten wie problematischen Welt suchend, um sie als objektivierbare Wirklichkeit in der Sprache der Kunst im Raum zu verankern. In der Ödnis unserer westlichen Betonwüsten wirkt die kulturelle Eigenart berauschend und bezeugt eine Einheit in der Vielfalt, die sich nicht nur verbal äußert. Wenn wir heute auf das unendliche Leid, den endlosen Tod und die Zerstörung im Nahen Osten blicken, auf die frischen Wunden in den Regionen des Balkans, der Ukraine und des Kaukasus, müssen wir anerkennen, daß die »orientalische Frage«, dieser erbitterte Kampf zwischen den Großmächten und dem schon damals im europäischen Konzert isolierten Zarenreich um Macht und Einfluß auf den diversen Schauplätzen vom Nahen Osten bis zu den südrussischen Steppen, seine moderne Analogie gefunden hat. Sämtliche Konfliktherde entzünden sich auf den Trümmern dieser Imperien, und wir sollten daraus andere Schlüsse ziehen, als wir sie im 20. Jahrhundert gezogen haben, diesem Jahrhundert der Ideologien und der Emigration.“