In memoriam Hans Joachim Hoof
(1939–2022)

Mein Bruder Hans Joachim Hoof ist am 5. August 2022 im Alter von 83 Jahren verstorben.

Hans Joachim Hoof regte im Jahre 1994 die Gründung der Manuscriptum Verlagsbuchhandlung an, indem er anmerkte, daß die damals 500.000 Katalogempfänger des von mir fünf Jahre zuvor gegründeten Versandhauses Manufactum sich ausweislich ihrer Kataloglektüre als lesefähig, -willig und -geübt erwiesen hätten und deshalb nichts näherliege, als ihnen auch Bücher anzubieten. Wir gingen recht unbekümmert zur Sache und druckten nach, was uns entweder den Manufactum-Kunden auf den Leib geschneidert erschien (Merck’s Warenlexikon, Das Manuscriptum- Haushaltungsbuch) oder was wir in unseren eigenen Bibliotheken als Lücke schmerzlich vermißten (die Meyrinksche Dickens-Übersetzung oder Gustav Frenssens Otto Babendieck). Beide Linien verzeichneten einen rauschenden Erfolg.

Mein Bruder war gelernter Buchhändler und hatte sich schon in seinem dritten Lehrjahr in Recklinghausen den Ruf eines überaus handfesten und hoffnungsvollen Vertreters seines Faches erworben, eines Buchhändlers, der stets wußte, in welcher Auflage Dubbels Taschenbuch für den Maschinenbau (und fünfzig andere Standardwerke) derzeit vorliege und wann die nächste zu erwarten sei; der den Kartenschnitt der Deutschen Generalkarte auswendig kannte und den der Meßtischblätter der Umgebung; der jedes noch so zerzauste Titelfragment eines Kunden mit Hilfe der Deutschen Nationalbibliographie und alter Barsortimentskataloge zuverlässig bibliographierte und der jedem Arno-Schmidt- oder Hans-Henny-Jahnn-Neuling den passenden Lektüreweg ins Werk weisen konnte. Seine Belesenheit und sein Gedächtnis waren schon damals phänomenal.

Seine Buchhändlerlehre füllte den zuvor fast bücherfreien Haushalt meiner Eltern mit Weltliteratur, die er von seiner schmalen Lehrlingsvergütung mit Kollegenrabatt oder in Form von Leseexemplaren herbeischaffte. Plötzlich stand ich also einer völlig anderen Lesewelt gegenüber, als sie die Kinder- und Jugendbücherei unserer Stadt mit Enid Blyton und Friedrich Gerstäcker bot.

Nach seiner Lehre reüssierte Hans Joachim Hoof direkt als sogenannter Erster Sortimenter in einer großen Universitätsbuchhandlung des Ruhrgebietes. Zu Beginn der 1970er Jahre machte er sich nach dem Übergang der Lehrmittelbeschaffung an die Kommunen reaktionsschnell als Schulbuchhändler selbständig. Zwölf Wochen intensiver Arbeit vor und in den Sommerferien sorgten für ein sehr üppiges Jahreseinkommen. Ich jobbte in den Semesterferien bei ihm und vervollkommnete kurz nach dem Erwerb des Führerscheins mein Augenmaß und meine Fahrfertigkeiten, indem ich 7,5-Tonner-Lkw in die verwinkelten Bergstädtchen des Ennepe-Ruhr-Kreises steuerte. Dieses geschäftliche Glück währte nur drei Jahre, bis der örtliche Buchhandel vor den „ruinösen Rabatten“ meines Bruders durch eine Höchstrabattverordnung behütet wurde.

So gerüstet machte Hans Joachim Hoof sich dann auf den Weg durch die Branche, der ihn auch auf die andere, die Verlagsseite führte. Einige Jahre war er beim Bertelsmannschen Institut für Buchmarktforschung unter Wolfgang Strauß tätig, in Warendorf leitete er den FN-Verlag der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, und in Bielefeld war er Leiter des zur Oetker-Gruppe gehörigen Ceres-Verlags.

Dann, ab 1995, also Manuscriptum. Hans Joachim Hoof war in dem damaligen Ein-Mann- Unternehmen alles in einer Person: Programmplaner, Herausgeber, Lektor, Redakteur, Hersteller. Nur der Vertrieb lief über Manufactum – und demnach an den Absatzstatistikern der Branche vorbei, was ihm den Ruhm versagte, mit bis zu sechsstelligen Auflagen einen Bestseller nach dem anderen zu produzieren. Um nur die wichtigsten zu nennen:

1995 – Die schon erwähnte zwölfbändige Gustav Meyrinksche Dickens-Übertragung erreichte eine fünfstellige Auflage, 2002 wurde sie in Lizenz von Zweitausendeins nachgedruckt, und wir brachten sie im Jahre 2005 noch einmal in einer buchtechnisch besonders schönen sechsbändigen Ausgabe, die heute im Antiquariat weit höhere Preise erzielt, als wir sie jemals verlangten.
1996 – Merck’s Warenlexikon für Handel, Industrie und Gewerbe (Gesamtauflage über 100.000);
1997 – Anna Knon, Das Manuscriptum-Haushaltungsbuch;
2002 – Deutsche Romanbibliothek (Gustav Freytag, Gustav Frenssen, Friedrich Spielhagen, Willibald Alexis, Fritz Reuter);
2004 – Heinrich Grupe, Naturkundliches Wanderbuch;
2006 – Lutz Mackensen, Deutsches Wörterbuch (unreformiert-undeformiert).

Mit seiner Auswahl deutscher Gedichte in zwei Bänden (Deutsche Balladen von Johann Wilhelm Ludwig Gleim bis Georg Trakl und Deutsche Gedichte von Walther von der Vogelweide bis Gottfried Benn) gab Hans Joachim Hoof 1998 den ersten Fruchtkorb seiner Belesenheit weiter. Der Doppelband wurde von Piper in Lizenz übernommen und erreichte auch dort mehrere Auflagen. Schon ein Jahr zuvor hatte er mit der vierbändigen Reihe „Philosophie für den Alltag“ die Werke Arthur Schopenhauers, Theodor Fontanes, Wilhelm Buschs und Friedrich Nietzsches auf Beihilfen zur praktischen Lebensbewältigung hin durchgesehen.

Der Tod war im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte bei Gelegenheit zweier sehr ernster und dramatisch verlaufender Erkrankungen an ihn herangetreten. Er hat ihn jedesmal abgewiesen, wahrscheinlich mit dem ungnädig geknurrten Bekunden, er habe noch zu tun. Sein Lebenswille war imposant und machte auch die Ärzte staunen.

Während der letzten zehn Jahre seines Lebens brachten die Entwicklungen in Deutschland ihn in eine steigende Fassungslosigkeit, die in einen galgenhumorigen Spott auslief. Er fühlte sich in einem Irrenhaus, in dem die Insassen ihre Ärzte und Pfleger nur aus den eigenen Reihen wählen. Auch dies war vielleicht ein Grund dafür, daß er am 5. August 2022 den Tod nicht mehr brüsk abwies.

Er war mir immer zehn Jahre voraus, und die geringste seiner Sorgen war gewiß, seinem jüngsten Bruder ein Vorbild sein zu müssen. Wer ein Vorbild geben will, wird niemals eines. Das schlichte Vorleben wirkt.

In großer Dankbarkeit dafür
Thomas Hoof

Reken, im August 2022