Nachruf auf Rudolf Kreis

geboren am 21. Juli 1926, gestorben am 13. April 2016

»Wer im Alter von siebenundsiebzig Jahren beginnt, sein Leben aufzuschreiben, der trifft seine Toten wieder, auch die, die er tötete im Krieg, und alle leben, lachen, leiden und sterben sie in ihm weiter, sucht er sie auf in ihrer Welt. Ich gehe über die großen Gräberfelder der Normandie vorbei an den Legionen weißer Grabsteine, die meisten in der Form von Kreuzen, einige in der des Davidsterns. Dort, wo ich vor sechzig Jahren als ganz junger Richtschütze gekämpft habe, liegen vereint in der einen Erde und doch getrennt immer noch die guten Toten neben den bösen Toten, letztere kollektiv verurteilt und geächtet, obwohl die Jungen alle, fast Kinder noch, sich keines Verbrechens schuldig gemacht haben. Ich war einer von ihnen. Ich zahlte dafür, dass ich sie überlebte.«

Rudolf Kreis

 
 

Rudolf Kreis, 1926 in Neuwied am Rhein geboren, erlebte »zwischen den Kriegen« eine glückliche Kindheit und Jugend (Gerhard Nebel war einer seiner Lehrer), bevor er 1943 Soldat wurde und, kaum achtzehnjährig, als Panzersoldat und jüngster Junker der Waffen-SS gegen die hoffnungslos überlegenen Waffen der Alliierten in der Normandie kämpfte. Nach Krieg und Gefangenschaft studierte er Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte, promovierte und wurde Deutschlehrer. In den folgenden Jahrzehnten unterzog Kreis, auch als leidenschaftlicher »68er«, die deutsche Geistesgeschichte einer tiefschürfenden Kritik, deren auch in Büchern über Goethe, Heine, Nietzsche und Kafka veröffentlichte Ergebnisse sein späterer Briefpartner Ernst Nolte ihm als »ausgeprägten Philojudaismus« auslegen sollte.

Kreis‘ Anliegen war aber nicht auf einen Kampfbegriff zu bringen. Davon zeugt seine Autobiografie Die Toten sind immer die anderen, 2009 im Landt Verlag erschienen. Der Autor hatte per Post ein Konvolut mit Aufsätzen und Essays eingereicht, unter denen einige autobiografische Schriften deutlich herausragten. Befragt, ob es noch mehr davon gäbe, schickte er postwendend ein im Laufe von mindestens zwei Jahrzehnten entstandenes Manuskript, das in der deutschen Nachkriegsliteratur einen einzigartigen Platz einnimmt. Kreis erwies sich darin nicht nur als ein begnadeter, bildreicher Erzähler, dessen Erinnerungen nach Verfilmung rufen. Er brachte es vielmehr zu der meisterhaften Fähigkeit, im Rahmen eines Privathistorismus Rankescher Prägung sich alle Epochen seines Lebens gleichermaßen unmittelbar zugänglich zu erhalten und ihre spezifischen Erkenntnisgewinne nicht gegeneinander auszuspielen.

Kreis konnte sich auf das Lebhafteste in die Armut der Vulkaneifel, in den Weinberg seiner Großmutter »Brasiljisch Marie«, in die ersten Autofahrten entlang des Rheins, in Nebels geistreich-exzentrischen Unterricht, in die »Schmach von Versailles«, in das Erlebnis seiner scheinbar sterbenden, tatsächlich im Euthanasie-Programm ermordeten Mutter, in das militärische Inferno bei Caen, ins erniedrigende Wiesenlager-Gefangenendasein, schließlich in die radikalste Aufarbeitung und Genealogisierung deutscher Moral zurückversetzen (und sie weiter vorantreiben), ohne dabei – wie sich an dem rasant geschriebenen Kapitel »60 Jahre Dooms-Day« zeigt – über der von Nietzsche beklagten und von Kreis oft zitierten »Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des deutschen Reiches« die sinistren Interessen der gegnerischen Mächte zu vergessen. Gekonnt revisionistisch analysierte er den von 1918 bis 1945 reichenden Vernichtungswillen westlicher wie östlicher Staaten und Mächte, der in den totalen Zwei-Fronten-Krieg nicht nur gegen Wehrmacht und Nationalsozialisten, sondern gegen das deutsche Volk als Ganzes mündete. Alles Erlebte und Gelesene ließ Kreis in schärfstem Kontrast nebeneinander stehen.

Gewürdigt hat diese hohe Kunst kein Geringerer als Jan Assmann in seiner lobenden Rezension von Kreis‘ Autobiografie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: »Dieses Buch stellt sich als wichtige Ergänzung neben Günter Grass’ Beim Häuten der Zwiebel und Martin Walsers Ein springender Brunnen. Mit beiden durch viele Parallelen verbunden, unterscheidet es sich durch den Verzicht auf literarische Stilisierung, das Bemühen um Präzision, die Schlichtheit der Erzählung, bei aller szenischen Dichte. Anders als Grass hat Kreis aus seiner Mitgliedschaft bei der Waffen-SS nie einen Hehl gemacht, anders als Walser hat er versucht, die Kindheitserinnerungen in aller Authentizität darzustellen und doch die nachträgliche Bewertung aus gereiftem moralischem und historischem Bewusstsein nicht auszublenden. Dies ist ihm gelungen. Kreis hat gezeigt, dass solche Beleuchtung die Erinnerung nicht verfälscht.« Assmanns vor sieben Jahren aufgeschriebene Konklusion lautete: »Wer die Deutschen verstehen will, der lese dieses Buch.«

In lebensgeschichtlicher Perspektive standen für Kreis Verblendung und Umkehr – um ein verbrauchtes Wort einmal sinnvoll einzusetzen – gleichberechtigt nebeneinander. Ein Verfahren, das sich an seinem Beispiel als die einzige ehrliche Alternative zu der seit Jahrzehnten üblichen, »reuedeutschen« Heuchelei erweist. Daher auch der seitens des Verlages einem Aufsatz von Peter Furth entlehnte Titel seiner Autobiografie … Es geht dabei nicht um eine Rechtfertigung des Unrechts, sondern darum, auch den Tätern gegenüber die Menschlichkeit zu bewahren, um nicht von ihnen mitgerissen zu werden. Nicht nur Auschwitz öffnete Kreis die Augen, sondern – ungewollt – auch Bundeskanzler Gerhard Schröder, als der zum 60. Jahrestag der Landung der Alliierten, wie Kreis schreibt, »nicht den Mut aufbringt, seinen Kranz auf dem Gräberfeld unserer 21000 Soldaten in La Cambe niederzulegen, weil unter ihnen 5000 meiner Waffen-SS-Kameraden begraben sind. Ich war ja einer von ihnen. Ich habe dafür bezahlt, dass ich sie überlebt habe, und ich wusste, dass sie alle, fast Kinder noch, gefallen waren, ohne sich jemals eines Verbrechens schuldig gemacht zu haben! Und dennoch verfolgte sie ein abstrakter Hass bis in die Gräber hinein, der noch verständlich wäre, machten die Ergebenheitsgesten unserer Amtsträger, allesamt ›Nachgeborene‹, ihn nicht immer wieder so unwürdig und unglaubwürdig, wenn sie in einem Atemzug den Frieden der Lebenden beschworen und die Toten weiterhin ihre Schlachten schlagen ließen.« (S. 530 f.)

Kreis hielt so hartnäckig wie idealistisch dagegen und glaubte die »Versöhnung der Erb- und Todfeinde von einst (…) mit den Abermillionen Toten (…) so teuer erkauft, dass kein Zurück mehr möglich ist.« Sein souveräner Privathistorismus war das Modell, das Kreis im Schatten »einzigartiger« deutscher Schuld seiner Versöhnungshoffnung voranstellte, einer Hoffnung, die von den deutschen Pächtern der neuen Moral bis heute zynisch verworfen zu werden pflegt. Nichtsdestotrotz geben die aktuellen Entwicklungen Kreis‘ Mahnung einen neuen Klang: »Europa kann keine Einheit werden, wenn nicht all seine Toten redlich in sie mit aufgenommen sind.« Möge dieser Satz erhört werden, eines nahen oder fernen Tages.

Andreas Lombard