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Wie zu einem Duell oder einem Staatsakt

Wie zu einem Duell oder einem Staatsakt
Manu Scriptum 27. Mai 2019

von Stefan Flach


Mitunter trägt man es uns, den Mitarbeitern dieses Verlags wie diversen seiner Autoren, nach, daß wir so detailversessen, ja so übermäßig partikular seien. Daß wir Elefanten aus Mücken machten wie etwa einer ungünstig eingerückten Zeile, einem Gedankenstrich oder der satztechnischen „Luft", die ein Absatz manchmal benötigt, um über seine Gestalt eine Modulation im Geist des Lesers zu erreichen, die auch auf seinen Inhalt zurückwirkt.

All das sei bloßes Kleinvieh, sagen jene, die sich die Eiligkeit des landschaftslosen Blickes zu eigen gemacht haben. Wer sowas übertrieben ernst nehme, zuviel Zeit darauf verwende, gehöre „noch in die 90er Jahre". Was eine lustige Formulierung ist, sagten Gegenwarts-Chauvinisten damals doch, man gehörte vielmehr „ins 19. Jahrhundert". Selbst in diesem Vorwurf wird die Zeit inzwischen also zusammengerafft. Nimmt man ihn allerdings einmal für voll und stößt - man muß nicht suchen, sondern finden - auf eine Textstelle, die wie die Faust aufs Auge paßt, eröffnet sich eine neue, viel weitergespannte Perspektive. So schickte mir ein alter Freund neulich per physischer Post ungefragt die untenstehenden Zeilen. Liest man sie, reißt eine Wolke auf und man erkennt wie in einer aufblitzenden Traumerinnerung, woran man hier Anschluß hat, welche alten (von den Weiterziehenden längst abgeschriebenen) Posten man nicht nur ideell, sondern qua des eigenen Verhaltens und Handelns bereits eingenommen hat. Wer weiß, wie vorherbestimmt.

„Dauthendey hatte dem Herausgeber der Blätter für die Kunst ein Gedicht als Beitrag eingesandt, er erhielt einige Tage danach eine briefliche Einladung, sich zu einer Besprechung über einige Fragen, die sich auf seine Gedichteinsendung bezogen, im Café Bauer einzufinden, worhin der Herausgeber und George kommen wollten; es war im Februar 1893. Als sich Dauthendey um halb zehn Uhr abends im oberen Saal des Cafés Bauer einfand, begrüßte ihn dort ein Herr, er war im Zylinder und englischen Gehrock erschienen, und er sagte ihm: Herr Stefan George wünsche ihn wegen einiger Punkte und Kommas, die in dem Gedicht vermieden werden sollten, zu sprechen. Dann kam nach einer Weile ein schlanker, gleichfalls mit Gehrock und Zylinder bekleideter Herr an den Tisch: George. Wir sprachen dann, fährt Dauthendey fort, über Satzzeichen, und schließlich stellte sich heraus, George wünschte in dem fraglichen Gedicht die Fragezeichen, wie es in der spanischen Literatur üblich sei, an den Anfang der Sätze gestellt zu sehen.

Fragezeichen an den Anfang der Sätze gestellt und dazu eine feierliche Zusammenkunft von drei Herren wie zu einem Duell oder einem Staatsakt, das war in gar keiner Weise Manier, auch in gar keiner Weise überspannt, es war der tiefste Ernst Europas beim Ausbruch des Jahrhunderts, es war männlich, ja mönchisch, es war Schicksal. Es war Gesetz aus jenem Evangelium der Kunst, das im Willen zur Macht verkündet war, dem Artistenevangelium von der Kunst als der letzten europäischen Metaphysik.“

Aus: Gottfried Benn, Lebensweg eines Intellektualisten, 1934