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Werk ohne Autor

Werk ohne Autor
Manu Scriptum 14. Februar 2019

Von Sebastian Hennig


Die Überzeichnungen auf der steinernen Gedenkwand für die Opfer des Februar 1945 auf dem Dresdner Heidefriedhof ist in ihrem augenscheinlichen Nachweischarakter herzlich zu begrüßen.

Unbekannte Tachisten hatten in der Nacht zum Sonntag mit körperbetonten Schwüngen Bitumen auf der Sandsteinmauer am Ende des Prozessionswegs verteilt. Die Proportionen der formatfüllenden Grafik entsprachen einem bewegten Seestück. (Noch die Impressionisten verwendeten die hergebrachten Leinwandmaße für Stillleben, Porträt und Marine.) In Windeseile wurde das Kunstwerk jedoch getilgt. In seiner kontrastreichen Vollblüte ist es nur auf der Bekennerseite indymedia dokumentiert, die sich die Urheberschaft daran sicher zu unrecht anmaßt. Eine Stilanalyse führt nämlich unschwer auf die malerische Handschrift des 1912 geborenen Jackson Pollock. Konzeptionelle Verkommenheit kennzeichnet seine Malerei und die Inkontinenz des Farbverlaufs ist Ausdruck eines emanzipierten Alkoholismus. Wie Jack the Dripper sich für den psychologischen Krieg einspannen ließ, ist gut nachzulesen in dem hierzulande viel zu wenig beachteten Buch Who Paid the Piper? The CIA and the Cultural Cold War (1999) der britischen Journalistin Frances Stonor Saunders (dt. Wer die Zeche zahlt ..., 2001). Sein Dresdner Action-Painting bringt nun wie mit dem Stechheber den Weinstein und den Essig aus einem Faß an die Oberfläche, daß lieber keiner aufmachen möchte. Darum sind diese Malereien von schwitzendem Pech, lateinisch pix tumens, rasch getilgt worden. „Ist alles vom Feinsten, gebohnert, gewischt, entwanzt und gesichert in Hast.“ wie Lisa Fitz in ihrem sprechgesungenen Kommentar zur Münchner Sicherheitskonferenz bemerkt.

Fotos in der Presse zeigen nicht das Werk selbst, sondern nur die verwaschenen Spuren seiner Entfernung. Gäbe es nicht die antifaschistische Produktpiraterie, wir könnten uns kein Bild von der künstlerischen Intention machen. Keine unschönen Bilder, lautet die Parole, keine politische Schönheit. Denn der Verein Denkmalfurz e. V. und die Anwesenheit von Oberbürgermeister MC Hillbilly-Bert und seinen ohrgesteckerten Gästen aus Coventry und Vrotzwaff mit ihren Simultandolmetschern würde von moderner Kunst nur gestört werden. Ein Omnibus der Initiative WoD (Weltoffenes Dresden) bietet tea & talk und will als Ventil für “Erinnern und Vergessen” fungieren. Zu vergessen wäre jedoch zunächst die Rede “eines der profiliertesten Dresdner Historiker”. Im Rondell der Stelen mit den Namen der Orte von Ausbombungen, Hungerblockaden und Vernichtungslagern bemängelte er, daß für dieses Denkmal von 1965 jedes Menschenleben gleichviel gilt. Das Rund unterlaufe jegliche Chronologie. Es wäre ihm nicht zu entnehmen, welche Taten und Missetaten dem Sterben vorausgegangen sind. Deutsche Verantwortung für die genannten Ort sei anzunehmen. Eine solche Störung der Friedhofsruhe wäre im Unrehtsregime der SED nicht möglich gewesen. Vor dem Tod sind die Menschen also keineswegs gleich, merke. Justus hatte vergessen, das Mikrofon anzuschalten, in das er sprach. Frivol und überflüssig waren freilich auch die beschrifteten Schleifen an den Kränzen, wohl gut gemeint zwar, aber ebenso unpassend und von schlechtem Geschmack zeugend wie die langstieligen Rosen. Vor zwei Jahren noch wurden diese erst hinter dem Rondell ausgegeben. Damit sollte offensichtlich ein Niederlegen an der Dresden-Stele unterbunden werden. Diesmal ist es mir wieder möglich, dies zu tun. Denn die Trauer um die Stadt berührt mich tiefer als der Verlust einzelner Menschen. Denn die gemordete Stadt enthielt deren verlorenes Wesen, von dem vor vierzig Jahren noch ein feinster Hauch über der Stätte zu spüren war, in dem Überlebenswillen und der bewährten Lebensfreude. Die Inschrift besagt sehr zutreffend: “An deinen Wunden sieht man die Qual der Namenlosen”.

Also lege ich meine Rose auf das symbolische Grab von Dresden. Bald danach stellen sich fünf junge Burschen während des Historikergesülzes mit ihrem Kranz davor auf. Dieses Nationalquintett trägt allerdings Blue Jeans. Diese Facetten eines Satyrspiels heben die Qualität der grafischen Aktionsmalerei zusätzlich an. Deren Entfernung war ein Fauxpas und es sollte geprüft werden, ob damit ein Verstoß gegen das Kunsturhebergesetz vorliegt. Immer wieder heißt es, wir müßten reden. Und wenn dann einmal eine gewichtige Botschaft aufscheint, wird sie sogleich getilgt. Auch gibt es keine Fotos von der Entfernung. Es war wohl alles abgesperrt während die Sandstrahler pfiffen. Eine zeitlang glaubte ich einer Fotomontage auf den Leim gegangen oder einer längst verjährten Spur zu sein. Die Praxis ähnelt jener vom Wegretuschieren der Ungnade gefallenen Funktionäre auf historischen Fotos. In unseren Museen bleiben solche Sudeleien bestehen, aber hier beschämen sie die Verantwortlichen, dadurch, daß sie deren geheime Begierde jäh verraten. Dem Priester flattert eine erotische Daguerreotype aus dem Brevier. Eine Dickmadame schlägt ihr Kleid hoch und ein riesiges weißes Hinterteil leuchtet neben dem Vertiko mit der Gladiolenvase. Der Oberbürgermeister wird sofort rot. Unter der Röntgenstrahlung wird das Gestänge sichtbar, welches die Wirbellosen zusammenschraubt. Schließlich sagt der Redner inhaltlich nichts anderes als die Pechschwünge auf dem Stein vorgaben. Sie waren die Partitur zu seinem Gesang. Wenn hier Totengedenken geschändet wurde, dann sollen doch die Parteien und Marketingexperten mit erprobter Wehleidigkeit und selbstgerechter Betroffenheit dem entgegentreten.

Freilich ist es ein Schlag ins Angesicht. Aber nur der erste Schlag schmerzt. Längst haben wir Hornhaut am Haupt, sind verpanzert und die schmerzlichen Regungen in unseren Zügen sind Schauspielerei. Lassen wir uns diesmal nicht die Simulation von Gefühlen abpressen. Danken wir stattdessen den Entwicklern eines latenten Bildes auf der steinernen Wand mit dem erhabenen Schriftzug „Wieviele starben? Wer kennt die Zahl? An deinen Wunden sieht man die Qual der Namenlosen die hier verbrannt im Höllenfeuer aus Menschenhand.“ Wie die autokatalytische Vergrößerung von Silberkristallen ist durch ihre Aktion die wahre Gestalt unseres Gedenkens zutagegetreten. Das regelmäßige Reden von den Opfern wird von allen Seiten mißbraucht zum Aufstand gegen das Sterben selbst. Das Gräberpech und der Gestus der Schwünge ist ebenso selbstredend wie ein silberner Totenkopf auf einer schwarzen Uniform. Das eine bedeutet Todesverachtung, das andere die Verachtung für die Toten. Doch gegen deren Übermacht ist nichts auszurichten. Ihre Heere sind größer als wir auf der Erde. Im Ewigkeitssymbol des Kreises die Toten zu vereinen ist ein würdiger Gedanke. Um sie zu überwinden, sollen sie nun auseinanderdividiert werden in Chronologie und Hierarchie. Das gelegentliche Argument, die Vernichtung der Stadt habe doch den sicheren Abtransport Gefährdeter unterbunden, ist ein Beispiel für solche Bestrebungen.

Die nahe Autobahn faucht ununterbrochen in die Reden hinein. Vorbei an dem Sicherheitsdienst gehe ich durch das Schwingtor im Drahtzaun in die Junge Heide, über die Anne-Frank-Schule und die Kindertagesstätte Geschwister-Scholl gelange ich zur Karl-Marx-Straße und gehe nach Hause. Dort läßt sich die Sirene am Arzneimittelwerk vernehmen und der Lautsprecher tönt wie jeden Mittwoch um drei Uhr: „Achtung, Achtung, dies ist ein Probealarm“. Die Dresdner haben nichts zu verlieren außer ihren Menschenketten.