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Wer hat hier gefeixt?

Wer hat hier gefeixt?
Manu Scriptum 21. August 2018

von Sebastian Hennig


Was dem Leipziger Maler Axel Krause jüngst von seinem Galeristen widerfahren ist, regt einmal mehr dazu an, die Wirkungsweise von Repressionen zu untersuchen. Beim gegenwärtigen Abservieren Unbotmäßiger wird gelegentlich an die operativen Vorgänge der Staatssicherheit erinnert. Aber wir steigen nie zweimal in denselben Fluß. Was wir heute erleben ist schlimmer.

Zu erkennen war es schon vor vierzig Jahren. Ein Humorist-Ost berichtete damals im Kreise der Kollegen einem Humoristen-West eine taufrische Anekdote: Gerade hatte er zur Eröffnung der VIII. Kunstausstellung der DDR in Dresden den Staatsratsvorsitzenden durch den Raum mit den satirischen Zeichnungen und Objekten geleitet. Vor einer Schreibmaschine (Adler Modell 7) mit nur den drei Tasten „B“, „L“ und „A“ soll Honecker in andächtiger Freude ausgerufen haben: „Auf so einer Schreibmaschine habe ich das Maschineschreiben gelernt!" Über die unterschiedlichen Reaktionen, die sein Bericht auslöste, erzählt Harald Kretzschmar weiter: „Ausgelassenes Gelächter in der Runde. Nur Loriot blieb todernst und sah mich mit großem Blick an. Blitzschnell erfaßte er die Brisanz der für den Staatslenker so blamablen Situation. Sichtbar dachte er: Das hätte schiefgehen können!“ Gelächter hier und todernster großer Blick dort. Ist die Angst vor der Gefahr womöglich gefährlicher als diese selbst? Dienststellen und Organe wirkten damals politisch-operativ zusammen mit dem Ziel, beruflichen Mißerfolg zu organisieren. Stärkung und Ermunterung kam seinerzeit aus einer Richtung, von der unterdessen nahezu automatisch die Desintegration mißliebiger Elemente selbst ausgeht. Während persönliche Nähe und Wertschätzung die Ausgestoßenen damals wieder aufzurichten vermochten, geht im Zeitalter stets kündbarer, projektbezogener Herzlichkeit zuerst die Verbundenheit aus dem Leim. Die Lösungsmittel dafür sind ein instrumentalisierter Neid und die blanke Angst. Es mangelt an echter Gefahr, die Charaktere herausbildet. Stattdessen herrscht allenthalben eine nicht eingestandene Sorge um den eigenen Anschluss. Diese viehische Furcht der großen Herden kommt ganz ohne Zaun, Hirten und Schäferhunde aus. Konspirative Treffpunkte und Führungsoffiziere sind überflüssig geworden.

„Ich muss nicht jede Meinung abbilden, die innerhalb der Gesellschaft existiert“ meint der Galerist Christian Seyder, als er sich nach fünfzehnjähriger Zusammenarbeit entscheidet, den Maler Axel Krause nicht länger zu vertreten. Einerseits soll das ganz normal sein, anderseits titelt Die Welt dazu: „Galerie schasst Künstler – wegen seiner Meinung zur Flüchtlingspolitik?“ Ein stahlbewehrter Holzhammer kommt da auf Samtpfötchen geschlichen. Die vom eliminatorischen Eifer besessenen Toleranten handeln nach der verwirrten Konsequenz jener Übeltäter, die ihre Geschlechtskrankheit durch das gewaltsame Beschlafen von Jungfrauen heilen wollen. Was sie zu bekämpfen vorgeben, das breiten sie aus. Maler Krause war ein Erstunterzeichner der von Susanne Dagen initiierten Charta 2017. Die Buchhändlerin und Literaturveranstalterin traf es jüngst ebenfalls wieder einmal. Viele Jahre hat sich ihr Buchhaus Loschwitz mit der Dresdner Stadtbibliothek die Kosten und die Wirkung einer gemeinsamen Werbung geteilt. Diese Zusammenarbeit wurde nun gekündigt, wie es fortan keine weitere öffentliche Einbeziehung in städtische Veranstaltungen mehr geben soll. In einem Gespräch wirft Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (LINKE) Susanne Dagen vor, dass sie keine "politisch neutrale Postion" einnimmt, diese sei allerdings unerläßlich für eine öffentliche Mitwirkung in städtischen Häusern. Seit Jahren häufen sich dergleichen Vorkommnisse. Die für ihre Weltoffenheit exponierten Honoratioren empfehlen den ihnen bekannten Kunden der Buchhandlung, dringend auch die ethischen Konsequenzen ihrer Kaufentscheidungen zu überdenken.

Die Berlinische Galerie macht „auf dem Weg zum inklusiven Museum“ ihre Exponate neuerdings Blinden mittels tastbarer Modelle und hörbarer Beschreibungen zugänglich. Was für ein Kunstbegriff! Hörspiele für Taube, Malerei für Blinde, vor allem aber kein Fußbreit den Intoleranten. Der Künstler selbst wird von der Gesellschaft offenbar nicht mehr gebraucht. Deshalb besteht auch keine Notwendigkeit, seine Launen weiter hinzunehmen oder allenfalls solange sie unverbindlich bleiben. Anything goes, but nothing serious. Zugleich wird der vom lästigen Künstler bereinigte Kunstbereich eifrig weiter bewirtschaftet.

Anders als diese Duodezfürsten des heutigen „Fellachenrokoko“ (Reinhard Jirgl) hat der katholische König Philipp II. die Bilder des mutmaßlichen Häretikers Hieronymus Bosch wirklich gebraucht. Er war sich seiner so sicher, daß eine Wertschätzung der ketzerischen Malerei seine grundsätzliche Heilsgewißheit nicht erschütterte. Beängstigender als die Ausgrenzungen ist die Unsicherheit in den eigenen Grundsätzen, die durch sie zum Ausdruck kommt. Wer sich seiner Sache auch nur einigermaßen gewiß ist, der reagiert nicht derart gereizt.

Wie verhält man sich eigentlich gegenüber einem Müllkutscher, der unter dem Deckmantel der Stadtreinigung eine untragbare Gesinnung verbirgt? Wird in Deutschland die Zivilcourage bald zum Himmel stinken?