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Von der Diskursanalyse zur Sprachkontrolle

Von der Diskursanalyse zur Sprachkontrolle
Von Stefan Flach vom 8. Mai 2020 ...

Von Felix Menzel


Die Schriften des französischen Philosophen Michel Foucault (1926-1984) habe ich immer mit großem Gewinn gelesen, denn seine Beobachtungen ließen sich sehr einfach in der Realität wiederfinden. So erleben wir z.B. eine subtile Einschränkung der Meinungsfreiheit, die Foucault bereits 1970 in seiner Vorlesung über „Die Ordnung des Diskurses“ meisterhaft beschrieb.

Der Diskurs habe etwas „unberechenbar Ereignishaftes“ an sich und müsse durch seine „bedrohliche Materialität“ eingehegt werden. Dies geschehe durch Ausschließungen – also eine „Verknappung der sprechenden Subjekte“ –, durch Verbote und einen Zwang zur Wahrheit. Durch diese „Disziplinarmacht“ werde eine Normalität konstruiert, die Foucault nicht anerkennen wollte. Der Intellektuelle solle sich deshalb als „Zerstörer der Evidenzen und Universalien“ betätigen, „der fortwährend seinen Ort wechselt (…), weil seine Aufmerksamkeit allein der Gegenwart gilt“.

Das imponierte mir insofern, da von Ideologen – ganz egal, ob rechts, links oder liberal – wenig zu erwarten ist, da ihre Meinung meistens schon vorher feststeht. Die Sozialisten finden, daß der Staat in jeder Krise noch mehr tun sollte. Die Liberalen fürchten sich vor einer Interventionsspirale und die Rechten schaffen es ebenfalls stets, auf ihre Steckenpferde (Grenzen, Ethnie, …) zu sprechen zu kommen.

Freilich ist das bei Foucault trotz seiner hehren Ideale kaum anders. Will er seine These vom „Zwang zur Wahrheit“ belegen, nimmt er als Beispiel den „Rassismus“, der „zunächst keine politische Ideologie gewesen“ sei, sondern als eine „wissenschaftliche Ideologie“ in den Universitäten beheimatet war und folglich dort seinen Ursprung hat. Darüber hinaus finden sich in seinem Werk sogar Stellen, die man als pädophil bewerten könnte. Ihm dienten sie aber dazu, die konstruierte Normalität der Sexualität anzuprangern.

Trotzdem finde ich viele seiner Analysen stimmig. Foucault lehrt uns, daß der Souverän in der Moderne kein Übervater im Sinne der Leviathan-Theorie von Thomas Hobbes mehr ist. Passender ist das Bild einer vielköpfigen Hydra. Verliert dieses Ungetüm einen Kopf, wachsen mehrere nach. Das heißt: Darauf zu hoffen, daß nach Merkel in Deutschland alles gut wird, ist töricht, denn die Macht allein im Bundeskanzleramt zu verorten, verkennt die Realität.

Wir haben es, so Foucault, mit einer „netzförmigen Organisation“ zu tun. Die Macht zirkuliere zwischen verschiedenen Institutionen, da so die „Unterwerfung“ der Bürger am besten gelinge. Mal sind es die Medien, die den Taktstock schwingen. Mal die Gerichte und im nächsten Moment, wenn Kritik an den übermächtigen Gerichten aufkommt, wandert die Macht wieder zurück in die Hände der eigentlichen Regierung.

Berücksichtigung finden auch Demoskopen und Statistikbehörden. Ihr Einfluß sei nicht zu unterschätzen. Denn: „Die Macht hört nicht auf, uns zu fragen, hört nicht auf, zu forschen, zu registrieren, sie institutionalisiert und professionalisiert die Suche nach der Wahrheit und belohnt sie. Im Grunde müssen wir die Wahrheit produzieren, wie wir Reichtümer produzieren müssen, ja wir müssen sogar die Wahrheit produzieren, um überhaupt Reichtümer produzieren zu können.“

Neben dieser Disziplinarmacht, die bis in alle Verästelungen der Gesellschaft reiche, verdienen nun noch die von Foucault beschriebenen Sicherheitsdispositive besondere Beachtung. 1978 hielt er am Collège de France in Paris eine Vorlesung über die „Geschichte der Gouvernementalität“. Unter diesem ungewöhnlichen Begriff versteht er eine Machtform, „die als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als wichtigste Wissensform die politische Ökonomie und als wesentliches technisches Instrument die Sicherheitsdispositive“ hat. Die Sicherheitsdispositive prüfen in diesem Zusammenspiel, welche Probleme eine Gesellschaft überhaupt als solche erkennt. Wo muß der Staat mit wie viel Aufwand eingreifen? Um dies beantworten zu können, bedarf es einer ständigen Kalkulation von Kosten, Nutzen und Risiken.

Die aktuelle Coronakrise verdeutlicht, was damit gemeint ist: Die Bundesregierung hatte schon im Jahr 2012 eine Risikoanalyse über den Ausbruch einer großen Pandemie vorliegen. Sie ignorierte die darin enthaltenen Warnungen jedoch, weil die Präventionskosten als zu hoch erschienen. Foucault nennt als weiteres Beispiel für den Einsatz der Sicherheitsdispositive die Kriminalität und Strafverfolgung. Mit wissenschaftlicher Sorgfalt überwache man, welche Gruppen besonders zu Gewalt greifen, wie viel es kosten würde, die Gewalt einzudämmen, und ob es sich lohnt, die Täter nach der Strafe umzuerziehen. Der Staat schränkt daraufhin überall dort die Handlungsfreiheit ein, wo die Norm- und Toleranzwerte der Gesellschaft überschritten werden.

In einer Demokratie könne man sich somit sehr viel erlauben, solange man sich im Rahmen der vereinbarten Normen bewegt und die Systemfrage umkurvt. Sobald jedoch die Scheinwerfer der Sicherheitsdispositive ein Thema oder einen Raum erfassen, ist Schluß mit der Toleranz. Der Staat und die Gesellschaft greifen dann als Ultima Ratio zu Überwachungs- und Unterdrückungsmaßnahmen, um ihre gewünschte „Normalität“ herzustellen. Dem Bürger bleibt in diesem Fall nur die Wahl, sich diesem Kampf auszusetzen oder in der Masse unterzutauchen.

Die Kritik dieser harmlosen Normalität kann sowohl von links als auch von rechts erfolgen. In der Analyse wird man sich dabei vielleicht sogar häufig einig sein. Dennoch erwachsen aus diesen Analysen auch schnell neue politische Programme. Hier setzt Michael Esders mit seinem gerade erschienenen Buch über das heutige Sprachregime und die „Macht der politischen Wahrheitssysteme“ an. Er zeigt auf, daß aus Foucaults Diskursanalyse innerhalb weniger Jahrzehnte eine neue Sprachkontrolle entstand.

Dahinter steckte ein genialer Schachzug. Mit ihrer Warenanalyse, also ihren kruden ökonomischen Theorien, scheiterte die Linke regelmäßig an der Realität, so Esders. Sie ließ deshalb dieses Themengebiet hinter sich und fand in der Diskursanalyse ein neues Betätigungsfeld, auf dem sie sich konkurrenzlos austoben konnte.

Die Folgen sind bekannt und werden von Esders sehr differenziert geschildert. Er meint, der Diskriminierungsvorwurf sei „anfangs als berechtigter, ja notwendiger Beitrag zum Ausgleich ethnischer Spannungen“ gestartet, habe aber später „autoritäre Züge“ entfaltet, um politische Gegner abzuschießen und „die Abweichung zur Norm“ zu erheben.

Michael Esders: Sprachregime. Die Macht der politischen Wahrheitssysteme. Werkreihe von Tumult #10. Hier bestellen!

(Bild: Michel Foucault, von: Inge Knoff, flickr, CC BY-NC 2.0)