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Unschickliche Lieblingsbilder

Unschickliche Lieblingsbilder
Manu Scriptum 17. Januar 2019

von Sebastian Hennig


Zu Jahresbeginn ist im Dresdner Albertinum nach sieben Monaten die Ausstellung „Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949-1990“ zu Ende gegangen. Von 1953 bis 1989 wurden in dem Neorenaissancebau von 1889 neben der Gemäldesammlung Neuer Meister alle vier Jahre die zentralen Kunstausstellung der DDR präsentiert. Denn nicht allein in Leibesübungen gedachte man zu brillieren. Dem sportlichen Körper des sozialistischen Menschen sollte zudem ein gesunder Geist innewohnen. Aus der Leistungsschau der Kunst bezogen die Museen des Landes einen Teil ihrer Erwerbungen. Als diese Bestände nach der Wiedervereinigung immer tiefer in den Depots der mitteldeutschen Museen versunken waren, entzündete sich im Herbst 2017 ein scharfer öffentlicher Disput darüber, der vorläufig in jene gut besuchte Ausstellung einmündete. Neben vielen Veranstaltungen und Diskussionsrunden wurde dabei das Publikum nach seinen Lieblingen befragt. Als wäre Jahrzehnte lang nichts Neues passiert, rückte Walter Womackas Am Strand auf den ersten Platz. Diesen hatte es bereits im Jahr seiner ersten Ausstellung 1963 inne. Format erfüllend lagern darauf ein junger Mann und ein Mädchen in Freizeitkleidung vor der Ostsee im pommerschen Sand. Damals verschlossen sich die Dresdner Museumsleute der dringlichen Empfehlung, dieses ebenso beliebte wie banale Bild für ihre Sammlung zu erwerben. Das eher bunte als farbige Idyll wird ihnen zu beliebig und zu modisch gewesen sein, um es des Eingangs in die traditionsreiche Galerie für würdig zu erachten. Doch das Urteil der Fachleute wurde von der Diktatur des Proletariats beiseite geschoben. Das Politbüro schenkte dem Genossen Walter Ulbricht das Bild zum Geburtstag. Der wollte seine Freude daran unbedingt mit den Werktätigen des Landes teilen. Darum lieh der Staatsratsvorsitzende es dauerhaft der Dresdner Galerie, die nicht mehr ablehnen konnte. Auf den zweiten Platz in der gegenwärtigen Publikumsgunst rangiert mit Harald Hakenbecks Peter im Tierpark ein ähnlich harmloses Bild, das einen pausbäckigem Knaben im Wintermantel zeigt.

Immerhin können beide Gemälde tatsächlich unter ostdeutsche Kunst subsumiert werden, denn Hagenbeck wurde in Stettin geboren und Womackas Wiege stand im böhmischen Erzgebirge. Beide Bilder wurden zu Ikonen des sozialistischen Alltags in der DDR. Auf Kunstdrucken und auf Briefmarken kamen sie millionenfach in Umlauf. Reproduktionen von Am Strand sollen gar in Westeuropa und den USA massenhaft Wände geschmückt haben. Inzwischen gehört das Werk dem Bundesvermögensamt.

Diese Bilder waren Einhitwunder. Werke der Leipziger Schule von Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer kommen in der Umfrage erst an dritter und vierter Stelle. Allgemeine Beliebtheit kann freilich der mangelnden Qualität von Bildern nicht abhelfen und doch gelangt darin ein Bedürfnis zum Ausdruck, das im Zusammenhang mit Kunstwerken schon immer wesentlich war, heutigentags aber zumeist als unstatthaft abqualifiziert wird.

Die Bevorzugung des oberflächlichen Frohsinns, mehr noch aber des Eindruckes von Stabilität, läßt deutlich werden, daß die befragten Besucher im vertrauten Anblick die Spuren einer verlorenen Heimat suchen. Ganz gleich wie seicht sie ist, der Mensch will sich in der Betrachtung der Malerei wieder begegnen können. Das taten bereits die früheren Besucher. Die Anhaltspunkte dafür enthüllt unfreiwillig der Dichter Andreas Reimann, der Am Strand charakterisiert, als „kompositorisch Paul Gaugin, inhaltlich der Vorstellung »Flakhelfer und BdM-Mädel« entlehnt“. Darin fanden die Menschen von 1963 ihre biografische Erfahrung wieder, gehüllt in das Schnittmuster der aktuellen Saison. Den Geschichten über die Individualität des Künstlers, seine Verfemung, privaten Geschicke, revolutionäre Formgebärde oder ähnliche anekdotische Arabesken, antwortet das störrische Publikum mit der Verschiebung des Taupunktes seiner Aufmerksamkeit hin zu der vom Bild selbst erzählten Geschichte.

Gegen das elementare Bedürfnis der Selbstbegegnung in der Kunst hat der Geniekult der Moderne bislang nichts vermocht. Der Besucher von Kunstmuseen will nicht das Innovative und Progressive an der Kunst bestaunen. Er will der Welt im Bild begegnen. Da entscheidet er sich mangels Alternative lieber für nachrangige Malerei als für erstklassige Scharlatanerie.

Im Raum 13 der Münchner Pinakothek der Moderne hängt seit einiger Zeit ganz selbstverständlich und unkommentiert Adolf Zieglers Akt-Triptychon Die Vier Elemente aus dem Vorbesitz Adolf Hitlers und der NSDAP gegenüber einer ungefähr zeitgleich entstandenen großformatigen abstrakten Komposition des Bauhaus-Schülers Fritz Winkler aus dem Jahr 1936. In der Nachbarschaft strahlt eine ähnlich kühle Weiblichkeit aus, wenn auch kostbar bekleidet, von dem ebenfalls 1936 gemalte Mädchen mit Schmuck des Dresdner Malers Wilhelm Lachnit , der zwischen den Kriegen Mitglied der KPD war. Solche von Vorurteilen gereinigten Blicke auf Bilder markieren vielleicht den Beginn einer Moderne-Dämmerung. Die Museumspädagogik wird auf Dauer nur Nachhutgefechte führen und sich in Frontbegradigungen verwickelt sehen. Wir werden uns noch wundern, über den unverminderten Zuspruch zur guten alten Malerei, sobald der Blick auf sie wieder frei wird. Freilich werden solche Übergänge zur Normalität zuweilen von kuriosen Symptomen begleitet, wie die jüngste Dresdner Umfrage sie vor Augen führt. Auf die Frage, mit welchen Bildern zeitgenössischer Maler wir heute unsere Räume schmücken könnten, versucht die Manuscriptum-Galerie der Gegenständlichen Malerei eine Antwort zu geben.

Posted in: Kulturkritik