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Umsteuern mit Deflation

Umsteuern mit Deflation
Von Stefan Flach vom 14. November 2019 ...

Von Felix Menzel


Die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ist wesentlich getrieben von der Angst vor einer Deflation. Warum es diese Angst gibt, ist schnell erklärt:

Investiert ein Unternehmen 100.000 Euro, so geschieht dies immer in der Annahme, danach die hergestellten Produkte oder Dienstleistungen gewinnbringend verkaufen zu können. Sagen wir einmal für mindestens 120.000 Euro. Kommt es aber zu einer Deflation, sind die Güter nur noch 80.000 oder 90.000 Euro wert.

Das ist natürlich fatal. Mitarbeiter müssen womöglich entlassen werden. Der Investor oder Unternehmer sieht keine Rendite und die Neigung, neue Projekte anzugehen, nähert sich dem Nullpunkt.

Müssen wir deshalb, „koste es, was es wolle“ (Mario Draghi), das von der EZB vorgegebene Inflationsziel von rund zwei Prozent erreichen, auch wenn das den Nebeneffekt einer schleichenden Enteignung der Bürger mit sich bringt?

Jörg Guido Hülsmann (Die Ethik der Geldproduktion) sagt dazu entschieden „Nein“. Seine Argumentation: Eine Deflation geht nur bei chronisch und übermäßig überschuldeten Unternehmen tödlich aus. Finanziell gesund aufgestellte Unternehmen können einen Rückgang der Preise dagegen verkraften. Das tatsächliche Hauptproblem ist damit nicht mehr die Optimierung der Inflationsrate, sondern die weltweiten Schulden in Höhe von aktuell 244 Billionen Dollar.

Nehmen wir rein hypothetisch an, eine Regierung oder Notenbank würde sich dazu entschließen, hier auf die Bremse zu treten. Was wären die unmittelbaren Folgen? Um dies beurteilen zu können, bietet sich ein Blick in die Geschichte an. Eine deflationäre Konsolidierung wird in Deutschland vor allem abgelehnt, weil Reichskanzler Heinrich Brüning (Zentrumspartei) Anfang der 1930er-Jahre diesen Kurs einschlug und somit sehr einfach suggeriert werden kann, Deflation bringe womöglich einen neuen Hitler hervor.

Hülsmann weist in dem Buch Krise der Inflationskultur (2013) allerdings darauf hin, daß Robespierre „seine Schlächtereien unter einer galoppierenden Inflation“ begann. Außerdem werde die tatsächliche Situation der europäischen und deutschen Wirtschaft um das Jahr 1932 verzerrt dargestellt.

Richtig ist: Brüning nahm mit seiner Politik vorübergehend eine höhere Arbeitslosigkeit in Kauf, um einen Ausweg aus der Schuldenwirtschaft zu finden. Falsch ist aber, daß dies zu Hitler führte. „Die deutsche Wirtschaft befand sich im zweiten Halbjahr 1932 bereits wieder in einem leichten Aufschwung, und die nächsten Reichstagswahlen standen erst 1934 an“, doziert Hülsmann, der im Protektionismus der USA die eigentliche Ursache der damaligen Lähmung der Weltwirtschaft sieht. Deutschland habe sich davon übrigens im Gegensatz zu anderen Staaten „relativ schnell und relativ gut“ erholt.

Man kann daraus lernen, daß die Politik für eine ungeliebte Roßkur den richtigen Zeitpunkt treffen muß. Dies ist ohne Frage ein Balanceakt mit ungewissem Ausgang. Aufgrund des Erfolgs der AfD und anderer „Populisten“ in Europa dürften die Eliten davor derzeit eher zurückschrecken und hoffen, eine noch höhere Dosis der altbekannten Medizin zeige die erwünschte Wirkung. Die Gefahr besteht jedoch, daß sie genau damit den Patienten vergiften.

Es ist deshalb ratsam, ganz nüchtern über die Deflation nachzudenken. Die Furcht vor einem Aufschieben aller Kaufentscheidungen der Konsumenten dürfte maßlos übertrieben sein. Wer jedes Jahr in den Urlaub fahren möchte, wird darauf nicht in der Annahme sinkender Preise verzichten. Denn zwei Sommerurlaube in einem Jahr dürften allein schon an beruflichen Verpflichtungen scheitern.

Ähnliches ist bei Unternehmen zu berücksichtigen: Sie wären dumm, ihre wertschöpfenden Investitionen ewig in die Zukunft zu vertagen, weil sie im Wettbewerb stehen und sich zuerst ein bestimmtes Alleinstellungsmerkmal sichern möchten und müssen. Die Demographie ist ein weiterer Faktor: Deutschland muß in Zeiten des „Fachkräftemangels“ keine Massenarbeitslosigkeit befürchten. Wir sind im Gegensatz zu den 1930er-Jahren in der Lage, uns gesundschrumpfen zu können.

Das sollten wir nutzen und die Deflation von einer anderen Seite als aktuell üblich betrachten: Sie belohnt die einfachen Sparer, deren Vermögenswerte steigen. Das ist gut für die Altersvorsorge und bringt Sicherheit, die es erlaubt, unternehmerische Risiken einzugehen. Wahrlich eine Katastrophe ist die Deflation dagegen für die sich ständig vermehrenden Zombies – also jene hochverschuldeten Unternehmen, die nur dank der Nullzinsen überleben.

Wir stehen somit am Scheideweg: Wollen wir eine Schuldenwirtschaft, die es nötig macht, die Finanzmärkte zu subventionieren und daher Wertabschöpfungen im großen Stile über Immobilien und Aktien begünstigt? Oder wollen wir eine Kultur des Sparens etablieren, aus der heraus innovative Wertschöpfungen angestoßen werden?

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