Swipe to the left

So beherrscht man die Welt

So beherrscht man die Welt
Stefan Flach 28. August 2019

Von Felix Menzel


Daß Bücher skandalisiert werden, ist gut so. Es sollte ruhig richtig heftig über sie gestritten werden. Wie die Kampagnen gegen Thilo Sarrazin, Akif Pirinçci und Rolf Peter Sieferle gezeigt haben, übergeht das bundesdeutsche Politfeuilleton jedoch allzugern die kontrovers zu diskutierenden Inhalte. Statt dessen hat es sich bei den Leitmedien des Landes eingebürgert, umstrittene Autoren an den Pranger zu stellen und sie vom Diskurs auszuschließen, ohne ihnen die Möglichkeit der Gegenwehr einzuräumen.

Der Nachteil dabei: Verbotene Früchte schmecken besonders gut. Auf den Skandal folgen deshalb zuverlässig Solidaritätswellen, die den Verkauf anheizen. Unterbinden ließe sich das nur, wenn ein beanstandetes Werk gänzlich von der Bildfläche verschwindet. Das ist jetzt erstmals geschehen. Getroffen hat es So beherrscht man die Welt. Die geheimen Geostrategien der Weltpolitik von Pedro Baños.

Das Buch des spanischen Militärstrategen erschien im April im Heyne-Verlag. Wie der Blog „Seidwalk“ bereits ausführlich geschildert hat, ist es inzwischen aber nahezu unmöglich, es noch zu erhalten. Laut des Verlags der spanischen Originalausgabe unternimmt Heyne auch alles dafür, um eine Veröffentlichung des Buches andernorts zu verhindern.

Warum dieser Aufwand? Im Juni stoppte Penguin den Druck des Buches in Großbritannien, nachdem „Antisemitismus-Experten“ feststellten, es enthalte „Verschwörungstheorien“. Das britische Verlagshaus übte daraufhin sozialistische Selbstkritik und distanzierte sich vom Autor, da man sich für Leser jeder Couleur einsetze. Um Vielfalt zu schützen, müsse die Meinungsvielfalt eingeschränkt werden, lautete folglich das ausschlaggebende Argument. Alan Posener von der Welt mußte dann nur noch bei den Kollegen aus London abkupfern, um die Sau auch durch Deutschland zu treiben.

Seitdem gibt es einen Grund mehr, an der Volkshochschule einen Spanisch-Kurs zu belegen. Denn gute Kenntnisse in dieser Sprache dürften der einfachste Weg sein, sich ein Urteil über Baños zu bilden. Der Berichterstattung ist nur zu entnehmen, daß er irgendwas über die Rothschilds geschrieben haben muß und der Meinung ist, „die Vereinigten Staaten und Großbritannien repräsentierten die weltweite Macht des Geldes“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Nun stellt sich zunächst die Frage, ob diese Ansichten – egal, ob richtig oder falsch – strafrechtlich relevant sein könnten. Selbst in den Augen der Skandalisierer sind sie das anscheinend nicht. Allein dies ist ein zulässiges Kriterium, um ein Buch aus dem Verkehr zu ziehen. Alles, was juristisch sauber ist, sollte dagegen im öffentlichen Gespräch geklärt werden, lehrt uns die Demokratietheorie.

Freilich ist der „herrschaftsfreie Diskurs“ (Habermas) eine naive Wunschvorstellung. Propaganda, Public Relations (PR) bzw. Öffentlichkeitsarbeit sind die Fortsetzung des Krieges mit subtileren Mitteln. Solange es sich um einen eingehegten Kampf handelt, bei dem es ein Mindestmaß an von allen Seiten anerkannten Regeln gibt, kann damit jeder leben. Bücherverbote sind jedoch ein Schritt auf dem Weg zur Totalisierung des Meinungskampfes und damit hochproblematisch.

Ironischerweise bestätigen sie zudem die „Verschwörungstheorien“. Laut Buchankündigung geht es Pedro Baños um „Manipulation, Rivalität und psychologische Kriegsführung“. Daß diese „unsichtbare Herrschaft und Kontrolle der Meinungen (…) in der Hand von nur wenigen Menschen“ liegt, die über besonders viel Geld verfügen, plauderte allerdings schon Edward Bernays in seiner Schrift Propaganda von 1928 aus. Da Bernays, der „Papst der Propaganda“, selbst Jude war, mußte er sich keine Antisemitismus-Vorwürfe gefallen lassen. Gleiches gilt für den jüdischstämmigen Ludwig Börne, der in den Rothschilds „die gefährlichsten Feinde der Völker“ erblickte.

In dem sehr lesenswerten Buch Türme und Plätze (2018) widmet Niall Ferguson den Rothschilds ebenfalls ein aufschlußreiches Kapitel. Er betont, sie hätten Anfang des 19. Jahrhunderts ein „außergewöhnliches Netzwerk zur Nachrichtenbeschaffung und Kommunikation“ aufgebaut. Gewissermaßen waren sie das erste Google und konnten so als geheime Macht im Hintergrund Staatschefs aus aller Welt beeinflussen. Dies nüchtern und vorurteilsfrei anzusprechen, ist eine Voraussetzung zum Erkennen der „verborgenen Mechanismen der Macht“ (Pierre Bourdieu), die doch eigentlich gerade Linke gerne sezieren, um die Dominanz des Kapitalismus geißeln zu können.

Auch die von Posener ausgekramten Äußerungen zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges entpuppen sich als etwas, das längst bekannt ist. Nachvollziehen läßt sich dies z.B. bei Michael Hudson (Finanzimperialismus) oder man schaut in Sieferles letzte große Arbeit Krieg und Zivilisation. Dort steht: „Pointiert gesagt, ging es darum, ob die künftige Weltordnung von Geld oder von (militärischer) Macht geprägt wurde. Hitler und Stalin standen für das Primat der Politik, also der Macht, während Roosevelt (und nolens volens in seinem Schlepptau Churchill) für das Primat der Ökonomie stand – das freilich militärisch durchgesetzt werden mußte.“

Vorsichtshalber sei gesagt: Man kann zu solchen Feststellungen vordringen, ohne auch nur ansatzweise Sympathien für totalitäre Systeme zu besitzen. Die vielleicht nicht so edlen Motive der späteren Sieger zu analysieren, ist schlichtweg eine Notwendigkeit bei der wissenschaftlichen Wahrheitssuche. Erhellt wird so, daß die realistische Theorie der internationalen Beziehungen mit ihrem pessimistischen Menschenbild, der Annahme eines anarchischen Zustands der Weltordnung und dem Hinweis auf die permanente Kluft zwischen Wollen und Sein stimmig ist.

Nur wer dies erkennt, kann klug über Geopolitik nachdenken und die Propaganda der Gegenseite als solche durchschauen. Ob Pedro Baños dies gelungen ist oder er wirklich einfach nur ein übler Antisemit ist, werden leider nur wenige Leser in Erfahrung bringen können. Zum Glück gibt es aber bereits genug exzellente Bücher zur Geopolitik. Goldgrund Eurasien von Dimitrios Kisoudis aus der Edition Sonderwege zählt übrigens definitiv dazu.