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Sieferle auf Liliput

Sieferle auf Liliput
Manu Scriptum 8. Juni 2017

Raimund Th. Kolb klärt die F.A.Z. auf

Am 12. Mai erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Artikel über unseren Autor Rolf Peter Sieferle, der trotz oder gerade wegen seiner Zerrissenheit den Blick auf einen Denker freigibt, der die zwergenhafte Urteilskraft unserer Eintagsdebatten gigantisch übersteigt. Was die Werkausgabe, deren erster Band Epochenwechsel im Herbst bei Manuscriptum erscheint, ein weiteres Mal verdeutlichen wird. Zwischen kniefertiger Verneigung vor Sieferles Werk und erkennungsdienstlichem Eifer irrlichtert der Verfasser des Artikels und offenbart die stumpfe, schartenreiche Klinge politischer Kampfbegriffe. Wir veröffentlichen Professor Raimund Th. Kolbs Entgegnung darauf, der mit Rolf Peter Sieferle eng befreundet war. Die F.A.Z. hat diesen Brief nicht abgedruckt:


Sehr verehrte Damen und Herren der FAZ-Redaktion,

als langjährigem Freund Rolf Peter Sieferles, der mit ihm bis zum Vortag seines Freitodes intensiven Kontakt pflegte, bescherte mir die Lektüre von Jan Grossarths Artikel »Am Ende rechts« neben passagenweise begrüßenswerten Einlassungen nicht wenige empörende Provokationen. Leider gestattet das Leserbriefformat nur eine selektive Entgegnung.

Abgesehen vom bisweilen flegelhaften Stil des Skribenten wurden ganz wesentliche Eigenschaften und Äußerungen des Nachgerufenen falsch oder verzerrt dargestellt. Die Recherchen zur Person basieren erklärtermaßen auf anonymen Aussagen, die zumindest in einem mir bekannten Fall durch erworbenes Vertrauen und dessen Mißbrauch zustande kamen. Manches stammt aus der linken Ecke ehemaliger Freunde, die von Heidelberg bis Wien und sonstwo reicht. Gerade dort scheint man blind gegenüber den politischen Ansichten des Freundes gewesen zu sein, die sich mit dem Epochenwechsel (1994) deutlich manifestiert hatten und sich im weiteren lediglich auf dem Weg der Differenzierung und Zuspitzung befanden. Sieferle war nicht nur Historiker, sondern auch Soziologe und Politologe, also im besonderen Maße dazu berufen, sich als zoon politikon über unsere Gegenwart Gedanken zu machen.

Laut Grossarth soll sich Rolf Peter Sieferle bei »klarem Verstand« befunden haben, als er den Weg des linken Heils verließ. Folgerichtig wird eine bürgerliche Kindheit emotionaler Entbehrungen konstruiert, die ihn auf dieses Ziel hin dirigierte.

Rolf Peter Sieferle befand sich nicht auf dem Weg der Erblindung, es sei denn, man erklärt eine operable Glaskörpertrübung dazu, und schon gar nicht war er krebskrank. Er war kein academicus superciliosis, also alles andere als ein Narziß, wie es insinuiert wird, sondern stets überaus bescheiden, zurückhaltend, liebenswürdig und enorm hilfsbereit. Er soll gegen Ende »verbittert, todernst, vereinsamend« gewesen sein, so wird es angeblich behauptet. Dies ist schlichtweg unwahr und vermutlich das Revancheurteil von politisch Enttäuschten oder Wichtigtuern.

Als Umwelthistoriker und mit Garrett Hardin war für Sieferle seit jeher klar, daß wir in einer Welt begrenzter Ressourcen leben (living within limits), uns aber gegensätzlich verhalten. Als Verantwortungsethiker mußte er deshalb von der Migrationskrise tief beeindruckt sein. Er wußte, was es heißt, wenn Nationalstaaten ihre Grenzen zur Aufnahme von »youth bulges« aus Afrika und dem Nahen Osten mit hoher Bevölkerungswachstum rate öffnen – und diese damit noch verantwortungslos befördern. Das Verschwinden des Nationalstaates, der für ihn größten Leistung menschlichen Organisationsvermögens, die politisch-systemische Befindlichkeit unseres Landes, die schroffe politische Lagerbildung, der Verlust jeglicher Diskussionskultur u.a.m. stellten für ihn keine Lebensfreude generierenden Entwicklungen dar. Wie sehr er darunter gelitten hat, konnte man zwischen persönlichen Zeilen nur erahnen.

Grossarth reitet jenseits seines historischen »levels of incompetence« auf dem Zeitgeistkaltblüter, hie und da die Nazikeule schwingend, gegen den toten Apostaten R.P.S. an, indem er ihn mittels sinnenstellenden Zitatfragmenten und freischwebenden Unterstellungen auf ebenso leichtfertige wie rufschädigende Weise zum spät bekennenden Nationalsozialisten erklärt. Da genügt es schon, vom »Virus« des Relativismus zu schreiben, also vom nihilistischen Relativismus, und schon betreibt man »NS-Propaganda«. Sancta simplicitas! Widerwärtig soll Sieferle die Demokratie gewesen sein … Keineswegs, Herr Grossath! Nur deren deutliche Degradation bereitete ihm Sorge und ließ ihn über die fatalen Folgen nachdenken.

»Prole drift«, jene enorme Schubkraft hinter der Auflösung bürgerlicher Lebensweisen, infiziert die Umgangsformen, auch die gegenüber politisch Andersdenkenden. Nach Auffassung des Verstorbenen sollte es sich bei Kritik in einer kritischen Zeitung »um Unterscheidung, um genaues Hinsehen und um eine faire Auseinandersetzung im Geiste intellektueller Redlichkeit« handeln (am 22. Februar1996 an die Redaktion der FR), erst recht, wie ich meine, im Falle einer Person, die leider nicht mehr zu antworten vermag.

Raimund Th. Kolb