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Pfui Teufel!

Pfui Teufel!
Manu Scriptum 9. Juli 2018

Von Bernhard Lassahn

Die Internationale Vereinigung der Exorzisten hat ein Nachwuchsproblem. Es gibt einen unerwarteten Fachkräftemangel, die Nachfrage ist weiterhin vorhanden, allein es mangelt an qualifiziertem Personal, viele, die vom Teufel besessen sind, müssen lange auf Hilfe waren. Das wurde im Februar bei einem viertägigen Treffen katholischer Exorzisten in Palermo beklagt.

Die evangelische Kirche hat solche Probleme offenbar nicht: „Netzteufel“ heißt ihr neues Projekt, das eigentlich „Netzexorzisten“ heißen müsste, denn hier haben sich nicht etwa Teufel zusammengefunden, sondern Teufelsaustreiber, was nicht nur ein Unterschied im Detail, sondern im Prinzip ausmacht. Nun ja, wir reden auch von einem „Trojaner“ statt von einem „Griechen“, wenn wir einen Virus meinen, der sich in unser System eingeschlichen hat wie einst das berühmte trojanische Pferd, das eigentlich griechisches Pferd heißen müsste. Die Unterschiede zwischen Tätern und Opfern verschwimmen sowieso gerade. Hier wird es besonders deutlich: die Teufelsaustreiber sind selber Teufel – Teufelinnen und Teufel, genau gesagt.

Die besagten Netzteufel, die von Bundesministerium für Familie, Frauen und Jugend gefördert werden (und weiß der Teufel von wem sonst noch) haben das Netz ins Visier genommen und halten Ausschau nach teuflischen ... nein, nach „toxischen Narrativen“. Liane Bednarz kann das näher erklären: „Mit den toxischen Narrativen habe man genau die Behauptungen identifiziert, die den Diskurs auf Seiten vergiften würden, die sich als christlich bezeichnen. Andere Landeskirchen oder Bistümer sollten sich ein Beispiel an dem Projekt nehmen.

Kann sie ein Beispiel nennen? Ja! „Beispielsweise in der Flüchtlingsfrage, das geht ja sogar so weit, dass also wirklich massiv Stimmung gemacht wird gegen muslimische Flüchtlinge und dann auch zum Beispiel theologisch der Begriff der Nächstenliebe so umgedeutet wird, dass der Nächste örtlich interpretiert wird, so dass halt syrische Flüchtlinge von vornherein nicht darunter fallen, sondern als Fernste etikettiert werden.“

Das erinnert mich daran, dass in diesem Sinne auf dem evangelischem Kirchentag im letzten Jahr – im historischen Lutherjahr – das Lied Der Mond ist aufgegangen umgedichtet und so verstümmelt wurde, so dass es nicht mehr hieß „und unsern kranken Nachbarn auch“, sondern evangelisch korrekt „und alle kranken Menschen auch.“

Der feministische Furor, der von der Hamburger Gruppe LuK „Lesben und Kirche“ befeuert wird, sieht in dem „kranken Nachbarn“ einen Mann, den es zu überwinden und zu ersetzen gilt, weil er von toxischer Maskulinität infiziert ist. Damit wird der evangelischen Kirche zugleich die Nächstenliebe ausgetrieben. Der Nächste wird dem Übernächsten geopfert, dem Fernsten.

Dabei steckt doch sprichwörtlich der Teufel im Detail – oder etwa nicht? Die Teufelin steckt im Detail. Zur Debatte um Gender und Sprache heißt ein neuer Sammelband zu dem toxischen Thema. Der Titel macht beim ersten Hinsehen den Eindruck, als wären da geistreiche Herausgeber am Werk gewesen, die uns Texte servieren, die womöglich mit einem gewissen Humor schwanger gehen. Pustekuchen. Schon der Titel ist irreführend. Der Teufel mag ja gerne weiblich sein und von mir aus auch Prada tragen, aber die Teufelin steckt eben nicht im Detail, sondern im Prinzip. Die Teufelin macht keine verzeihliche Kleinigkeit falsch, sie macht alles falsch. Grundsätzlich.

Eben darin liegt die Teufelei des Sprachfeminismus, die aus totalitärem Denken geboren ist: Wir müssen ihn grundsätzlich anwenden, losgelöst von jeder Faktizität. Wir müssen auch dann von „Bauarbeiterinnen und Bauarbeitern“ reden und müssen auch dann ein Gender-Sternchen setzen, wenn weit und breit keine weiblichen Bauarbeiter und erst recht keine Transsexuellen in Sicht sind. So entstehen Sätze, die keine Golddeckung haben. So wird Unwahrhaftigkeit forciert.

Dennoch empfehle ich das Begleitbuch zum Sprachfeminismus, dessen Argumente sich, wenn sie vor unseren Augen ausgebreitet werden, selbst entlarven. Der Band enthält als Feigenblatt einen Beitrag von Arthur Brühlmeier, der sich auch im Netz findet ­– es ist der beste Text zum Thema ist, den ich kenne: knapp, umfassend und ungewöhnlich höflich formuliert. Er hat die umfangreiche Überschrift: „Sprachfeminismus in der Sackgasse. Oder: Sprachzerstörung aus Konzilianz – die Umkehr ist fällig. Oder: Wider die Abschaffung des ‚Menschen an sich‘ in der deutschen Sprache.“

Hier klingt der Kontrapunkt im Buch an. Brühlmeier, der von Hause aus Pädagoge ist und den nicht so sehr linguistische Feinheiten, sondern mehr die dahinter liegenden Menschenbilder interessieren, hat in dem Sammelband, der fast ausschließlich stromlinienförmige Beiträge enthält, die Rolle des advocatus diaboli.

So könnte man sagen, wenn man, wie es in Kreisen der evangelischen Kirche neuerdings Mode ist, Teufel und Teufelsaustreiber vermischt. Wenn man es genauer sagen wollte, müsste es heißen: Brühlmeier ist der Teufelin-Austreiber. Allen, die von der Teufelin besessen sind, kann nun geholfen werden. Auf die Hilfe müssen sie auch nicht lange warten. Hier gibt es keine Engpässe wie bei den Exorzisten der alten Schule, die nur den Teufel austreiben wollen und nicht die Teufelin.