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Nicht versöhnt

Nicht versöhnt
Manu Scriptum 25. September 2018

von Stefan Flach


Besuch in der hessischen Heimat, Klassentreffen. Ich und meine Freundin kommen an „meinem“ alten Provinzbahnhof an. Wie so viele andere im Land wurde er von der Bundesbahn in den frühen 2000er Jahren aufgegeben und modert seither vor sich hin. Beim Aussteigen denke ich nicht zum ersten Mal, daß eine Geschichte des deutschen Kultur-, ja Zivilisationsverfalls einmal als Fotogeschichte dieser der Verwahrlosung anheimgegebenen kleinen Bahnhöfe geschrieben bzw. geknipst werden sollte.

Ich mache aufs Geratewohl einige Aufnahmen, nicht zuletzt von dem Parkplatz, auf dem ich früher unzählige Male vom Vater abgeholt wurde und der immer noch die Aura – den unverwechselbaren visuellen Geruch – des Damals besitzt. Dort wie auf dem gesamten Bahnhofsgelände sehe ich, wie bereits auf der Fahrt, diverse offenkundige Migranten, je einzeln herumstehend, deren schiere Präsenz mir am deutlichsten beweist, wie sehr die Zeiten sich geändert haben. Nicht zuletzt um diese „Fremdmarkierungen“ aus dem Blick und nicht auf die Bilder zu bekommen, knipse ich auch meine Freundin, als sie einmal herzlich lacht.

Am nächsten Tag hören wir zufällig im Radio die Nachrichten: es hat im Ort einen Mord gegeben. Ein junger „Mann“ habe einen anderen jungen „Mann“ erstochen, mit mehreren Stichen in den Hals, nachdem es zuvor Streit um ein Mädchen gegeben habe. Daß der Täter ein „Deutscher“ sei, wird in dieser frühen Meldung noch nicht gesagt, einen Tag später vermerken die Gazetten, wie stets um abzuwiegeln – der Leser könnte in dem Täter ja einen Migranten vermuten –, dies praktisch schon im ersten Satz.

Das ist es, sage ich, neben dem Radio auf dem Bett sitzend, genau das hätte es früher nicht gegeben. Nicht hier, niemals. Und das ist der Grund, ergänzt die Freundin, warum wir aus der Großstadt auch nicht in die Provinz zu flüchten brauchen – was früher einmal galt, befindet sich auch hier in Auflösung. Man merkt es hier sogar noch deutlicher als in der Stadt, weil das Alte, Bewährte, Normale noch greifbar erscheint. Und doch gibt es das so nicht mehr.

Einen Tag später, das Klassentreffen ist vorbei, stehen wir wieder am Bahnhof. Der Blick auf den Parkplatz ist nun getränkt von dem Wissen um den Mord, der genau an diesem alten Flecken Heimat stattfand. Das vernachlässigte, der Selbstaufgabe überlassene Gelände erscheint nun umso mehr, nämlich von innen heraus beschmutzt.

Noch einen Tag später sehe ich das Foto, das ich gemacht habe: vorne die Freundin, auf das Herzerfrischendste lachend, dahinter der Parkplatz, auf dem Stunden später ein 16jähriger, der die gleiche Schule besuchte, auf die auch ich damals gegangen bin, abgestochen werden sollte. Die beiden Ebenen, in ihrem krassen Nebeneinander, sind nie und nimmer zu versöhnen.