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Neoreaktionäre Gedanken zum Leseverbot

Neoreaktionäre Gedanken zum Leseverbot
Von Stefan Flach vom 8. Januar 2020 ...

Von Felix Menzel


Wie bereits vor einem Monat geschildert, kämpft Frank Böckelmann weiter um einen Veranstaltungsort für sein TUMULT FORUM, doch es sieht schlecht aus, weil die üblichen Berufsdenunzianten auch den Verein Lingnerschloss umstimmen konnten. Die Sächsische Zeitung titelte daraufhin: „Trotz Tellkamp: Neo-reaktionäre Vortragsreihe abgesagt“.

Es bleibt also beim „Leseverbot“ (BILD), das übrigens von der sächsischen Landesregierung schweigend hingenommen wird. Die AfD hatte die Regierung aufgefordert, entweder die Räume der Landesbibliothek oder der Landeszentrale für politische Bildung zur Verfügung zu stellen. Eine Reaktion darauf blieb aber bis heute aus.

Das heißt: Selbst ein Träger des Deutschen Buchpreises, des Deutschen Nationalpreises, des Ingeborg-Bachmann-Preises und unzähliger anderer Auszeichnungen kann sich nicht mehr sicher fühlen, daß wenigstens für ihn die Meinungsfreiheit gilt. Begründung: „neoreaktionäre“ Mitstreiter.

Dieses Wort ist von der Presse mit Bedacht gewählt. „Neurechts“ suggeriert schließlich, die Rechten hätten ihr Programm aufgepeppt. Bei „reaktionär“ dagegen hört der Ottonormalbürger „ewiggestrig“ heraus. Für eine Popularisierung ist dieser Begriff nicht geeignet. Dennoch verbirgt sich hinter ihm eine Denkhaltung, die Beachtung verdient.

Reaktionär zu sein, bedeutet in erster Linie, den Freiheitsversprechen der Moderne skeptisch gegenüberzustehen. Das betrifft die geistige Freiheit. Nur weil wir de jure in einer Demokratie leben, sind noch lange nicht alle Grundfreiheiten zur Zufriedenheit aller Bürger gewährleistet. Skepsis ist ebenso beim technischen Fortschritt geboten. Das „Diktat der Modernität“ wird von den Siegern der Geschichte bzw. den gegenwärtigen Meinungsführern vorgegeben. Sie bestimmen weitestgehend willkürlich, welche Technologie modern sein soll (E-Auto, Windkraft …) und welche angeblich aus fortschrittlichen Gründen überwunden werden sollte (Verbrennungsmotor, Kernkraft …).

Weder ein bestimmtes Regierungssystem noch eine bestimmte Technik können die „Menschheit“ also entscheidend voranbringen. Das ist die skeptische Kernüberzeugung des Reaktionärs, die jeden Tag von der Wirklichkeit bestätigt wird. Die Überheblichkeit der Fortschrittlichen mündet häufig sogar in Dekadenz, Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts und damit streng genommen sozialen Rückschritt.

Nur wer sich mit Selbstdisziplin, Akribie und Bescheidenheit aus der Gewöhnlichkeit herausarbeitet und mit Rilke erkennt „Du mußt dein Leben ändern“, kann etwas bewirken. Der Philosoph Peter Sloterdijk sprach in diesem Zusammenhang von notwendigen „Aufschwüngen ins Übergewöhnliche“. Deutlich einprägsamer formulierte es der kolumbianische Reaktionär Nicolás Gómez Dávila. Er meinte in einem seiner unnachahmlichen Aphorismen: „Das Leben ist ein täglicher Kampf gegen die eigene Dummheit.“

Die meisten Menschen werden allerdings daran scheitern. Sie haben kein Interesse am mühsamen Kampf der Ideen und wollen gesagt bekommen, was richtig und was falsch ist. Dies auszusprechen, ist nicht populär. Erfolgreiche Populisten wie Matteo Salvini agieren natürlich anders. Trotzdem sollten wir froh sein über Nischen, in denen skeptisches Denken noch erlaubt ist. Sie bewahren uns davor, hoffnungsvoll in Sackgassen zu rennen, und davor, zu viel zu erwarten – gerade von der Politik.

„Der alte westliche Mensch ist nun der durch und durch verspielte. Der spielend Getäuschte – vielleicht auch der Verspielte, der verspielt hat? Die Spiel-Hölle wird wörtlich werden und die Hölle des Verspielten sein“, schrieb Botho Strauß in seinem Buch Lichter des Toren von 2013. Das paßt gut zu dem, was gerade in Dresden mit Tellkamp und TUMULT geschieht.

Die Meinungsfreiheit in Deutschland hat einen verspielten Charakter. Man darf frei über bedeutungslose Dinge reden. Sobald jedoch eine Konsensstörung substanziell ist, legen die angeblichen Demokraten die von ihnen aufgestellten Spielregeln so aus, daß Ausgrenzung, Denunziation und Diffamierung auf einmal wieder möglich sind.

Erfreulicherweise durchschauen dieses Spiel in den Neuen Bundesländern immer mehr Menschen aufgrund ähnlicher Erfahrungen in der DDR. Im Westen dagegen dürfte der skeptische Reaktionär die beste Lageanalyse abgeben. Er weiß, wie Friedrich Gentz schon vor 200 Jahren, daß es gerade die „fanatischen Anbeter der Freiheit“ sind, die zu Tugendterror neigen, weil ihr Freiheitsbegriff nur ihre blinde Zerstörungswut übertünchen soll.

Wer über diesen Beitrag hinaus Lust auf „Reaktionäres vom Tage“ hat, sollte bei Michael Klonovsky nachschlagen.


(Bild: Uwe Tellkamp, Smalltown Boy, Wikipedia, CC BY-SA 3.0)