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"Mietenwahnsinn" und die Tyrannei der Menge

"Mietenwahnsinn" und die Tyrannei der Menge
Von Manu Scriptum vom 17. April 2019 ...

Von Felix Menzel


In Deutschland tobt eine Debatte über „Mietenwahnsinn“ in den Großstädten. Tausende gehen auf die Straße. Der Spiegel läßt Heuschrecken mit Schlüsselbund zeichnen und selbst Parlamentarier aus Regierungskoalitionen liebäugeln mit Enteignungen.

Die Schuldigen der Misere sind dabei schnell ausgemacht: Renditegierige Spekulanten sorgten dafür, daß sich Familien keine großen Wohnungen mehr leisten könnten, so der Tenor. Linke und zum Teil auch rechte Populisten, die dieser Tage so argumentieren, mißachten in ihrem Furor jedoch die Fakten.

Wer in Immobilien investierte, konnte seit 1870 durchschnittlich mit einer Rendite von 8,7 Prozent rechnen. Doch ausgerechnet in den letzten Jahren hat sich dies gewandelt. Aktuell erzielen Vermieter nur noch Mietrenditen von drei bis vier Prozent. Mit Aktien ließ sich da zuletzt deutlich mehr Geld verdienen.

Die verzerrte Wahrnehmung der Öffentlichkeit hängt vermutlich maßgeblich mit zwei Dingen zusammen. Erstens ist das Bohren dicker Bretter unbeliebt. Die weitreichenden Folgen der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) für die entwerteten Vermögen der Deutschen, die Immobilienpreise und die Zombifizierung der Wirtschaft zu durchschauen, bedarf einiger Anstrengungen und sorgfältiger Differenzierungen. Es sei dazu Die Ethik der Geldproduktion von Jörg Guido Hülsmann empfohlen, der nachweist, warum es für Gelddrucken „keine haltbare wirtschaftliche, rechtliche, moralische oder spirituelle Rechtfertigung“ gibt.

Zweitens ist die räumliche Polarisierung in Deutschland zwischen Städten und ländlichen Regionen ein heikles Thema, weil man dem einfachen Volk dazu erklären müßte, daß eben nicht alle Menschen in Großstädten leben können. Dies auszusprechen, ist unpopulär und wird deshalb von Politikern aller Parteien vermieden.

Stefan Kofner, Professor für Immobilien- und Bauwirtschaft im sächsischen Zittau, ist einer der wenigen, der die fortgesetzte Urbanisierung im 21. Jahrhundert mit all ihren Facetten illustriert. Seine Globalisierungskritik setzt beim „Verlust von Kultur, Identität und Heimat“ an. Wer eine einheitliche Weltkultur propagiere, zerstöre „raumbezogene Identitäten“, betont Kofner, der einen Beitrag für das Buch Nachdenken für Deutschland beigesteuert hat.

Hinzu kam seit der Wende von 1989 eine Leuchtturmpolitik, die periphere Gegenden bewußt vernachlässigte. In den letzten 30 Jahren wurden allein in Sachsen 700 Bahnkilometer stillgelegt, statt die Infrastruktur auszubauen. Wenn die nächste Schule weder mit Bus noch Bahn erreichbar ist, schwindet logischerweise die Attraktivität des ländlichen Raumes.

Dies verursacht eine Negativspirale, mit der ganz Europa zu kämpfen hat. Während man in Ungarn und Polen mit Gesetzen zum Schutz kleiner Lebensmittelgeschäfte dagegen vorgeht und Frankreich inzwischen mit beachtlichem Erfolg Städter aus Paris in schicke Dörfer fährt, damit diese sich dort ansiedeln, dominiert in Deutschland die Resignation. Das ifo-Institut will sogar gleich ganze Dörfer schließen und stellt Menschen, die in die nächstgrößere Stadt ziehen, Prämien in Aussicht. Kofner indes hält eine „Wir lassen keine Gemeinde zurück“-Offensive für nötig.

Diese zu lenken und zu moderieren, sollte die Aufgabe der Konservativen sein, die noch nie etwas mit der großstädtischen Flexibilität und Bindungslosigkeit anfangen konnten. Allerdings gibt es da ein Problem, das mit den aktuellen Wahlerfolgen der patriotischen Opposition korrespondiert: AfD-Chef Alexander Gauland empfiehlt seinen Anhängern neuerdings ein selbstbewußtes Bekenntnis zum Populismus. Das birgt die Gefahr, in eine Abhängigkeit gewisser Stimmungen des Volkes zu geraten. Wenn 64 Prozent der Ostdeutschen sich derzeit für Enteignungen von großen Immobilienunternehmen aussprechen, ist es dann richtig, sich an die Spitze dieser Masse zu setzen?

Mit Edmund Burke, den Gauland in seiner Anleitung zum Konservativsein genau so zitiert, läßt sich darauf antworten: „Die Tyrannei der Menge ist nur eine vervielfältigte Tyrannei.“ Der Grund dafür ist mit Schwarmverhalten gut umschrieben. Das heißt nicht, daß uns die Sorgen und Nöte der unteren Schichten egal sein sollten. Würde die Politik in Deutschland das Baugesetzbuch wie in den Niederlanden um ein Viertel aller Vorschriften entrümpeln und den Asylzuzug stoppen, gäbe es keinen „Mietenwahnsinn“ mehr.

An die Seite dieser materialistischen Betrachtung muß aber noch eine kulturelle treten, die zu hinterfragen hat, was die Freiheit des modernen Großstadtmenschen überhaupt wert ist, solange man nicht zu den reichen, kosmopolitischen „Anywheres“ aufsteigen kann. Thor Kunkel hat diese „Freiheit“ der Normalsterblichen, die lediglich in der Auswahl von TV-Sendern und Konsumgewohnheiten besteht, in seinem Roman Subs radikal in Zweifel gezogen.

Seinen Protagonisten, den Haussklaven Bartos, läßt er sagen: „Ist es wirklich amoralisch, Menschenmassen, die darauf angewiesen sind, dass man ihnen klare Richtlinien gibt – also in erster Linie die ungebildeten, antriebslosen Subproletarier –, in die Herrenhäuser und Mustergüter zu integrieren, statt sie der Verwahrlosung zu überlassen?“

Die „Unfreiheit in der Maske von Gleichheit und Freiheit“ sei das „wirklich Perverse“ an unserem System, findet Bartos. Das sind wahre Worte. Zugleich sollte klar sein, daß Kunkels Beschreibung einer Renaissance der Sklaverei nur der Zuspitzung dient. In der Realität würde dieses Szenario schon allein am Zahlenverhältnis scheitern. Sehr wenige Reiche mit protzigen Villen, die Hausdiener suchen, stehen einigen Millionen Menschen gegenüber, die auf eine Verbesserung ihrer Lebenssituation hoffen.

Am anstrengenden, bodenständigen Leben an einem Ort, den man sich nicht aussuchen konnte, aber dennoch liebt, führt somit für die Masse kein Weg vorbei. Soviel Realismus muß sein.