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Marx von hinten rechts?

Marx von hinten rechts?
Manu Scriptum 21. Dezember 2018

von Thomas Hoof


Angesichts der Fallgeschwindigkeit, in der die europäische Zivilisation von ihrem Gipfel um 1900 talwärts rutscht, beschränkt sich das Konservativ- oder Rechtssein seit langem darauf, Distanz und Haltung zu bewahren und sich vor den ästhetischen und intellektuellen Begleitzumutungen des Niveau- und Kraftverfalls bestmöglich zu schirmen. Aber nun, da mit der AfD erstmals die Möglichkeit aufscheint, eine systemische Rampe in die Rutschbahn zu bauen, steigt das Verlangen nach einer handfesteren ideologischen Fundierung der Bremsbemühungen.

Benedikt Kaiser und Philip Stein aus dem Umfeld von Götz Kubitscheks Institut für Staatspolitik erklären es deswegen zur „Aufgabe jeder Generation, jeweils ihren eignen, auf der Höhe der Zeit und der aktuellen ökonomischen und gesellschaftlichen Prozesse stehenden Antikapitalismus zu entwickeln.“ Dankenswerterweise wollen sie es bezüglich eines generationengerechten 2018er Antikapitalismus aber nicht bei einem „Bäh, voll eklig!“ belassen, sondern sich durch ein Marx-Studium für die „Herausarbeitung einer zeitgemäßen stringenten Theorie und einer methodisch erarbeiteten Gesellschaftsanalyse rüsten. Der Vorsatz ist zu loben, aber erkennbar sind die beiden in der Lektüre der vorliegenden 64 Bände der MEGA2 noch nicht so weit vorangeschritten, daß sie sagen könnten, wo in ihrem „kohärenten Ideengebäude“ denn nun welches Marxsche Material verbaut oder auch nur dekoriert werden soll. Das folgende ist eine wohlwollende Mahnung, es mit dem Vorhaben nicht zu übertreiben. Es gäbe Dringenderes zu tun.

200 Jahre Marx, also … was bleibt davon? Seine Geschichtsphilosophie hat den evolutionistischen Grundirrtum befördert, die Menschheitsgeschichte vollziehe sich im „Leitermodus“ als ein stetiger Aufstieg, während wir überall dort, wo die Historiker Datenpunkte liefern, die man zu einer Kurve verbinden kann, ein heftiges Auf und Ab sehen, das bei jeder Vergrößerung des Maßstabes noch wilder wird, so als sei der geschichtliche Gang der Dinge wie der des Menschen (nicht nur des trunkenen) immer ein schwankend-torkelnder, bei dem jeder Schritt die Abirrung des vorigen überkorrigieren muß. Seine Religionsphilosophie, die Erkenntnistheorie samt „Diamat“ waren von vornherein so flach, daß die realsozialistischen Staatsphilosophen wenig Mühe damit hatten, sie auf das Standardniveau der marxistisch-leninistischen Lehrbücher zu plätten. Bleibt also seine Kapitalismusanalyse, von der sich Stein und Kaiser offenbar die Enträtselung der heutigen globalwirt­schaftlichen Wirrnis versprechen. Marxens Kapitalismuskritik war aber schon immer ein Gemisch aus Agitation und Analyse, wobei agitatorische Absicht und analytische Stringenz sich ständig in die Quere kamen.

1. Vorweg: „Kapital“ ist jener Teil der Leistung einer Wirtschaftseinheit, der zur Absicherung von Zukunftsrisiken vor dem Verzehr bewahrt wird, sei es als Rücklage zur Pufferung drohenden Mangels (Sparen) oder als Mittel zur Steigerung der künftigen Leistung (Investition). Unter Knappheitsbedingungen ist Kapitalbildung ein Gebot der Vorsorglichkeit, das freilich der sofortigen, unaufgeschobenen Bedürfnisbefriedigung widerstreitet. Sie ist deshalb stets sowohl hinsichtlich der Dotierung (als Abzug vom Arbeitsertrag) als auch hinsichtlich der Disposition über die investiven Verwendungen ein Anlaß zu Zwist und Hader.

2. Das Kapital, so murmeln Marxisten seit je im Tonfall höchster Feierlichkeit und tiefster Erleuchtung, ist der „sich selbst verwertende Wert“. Als solcher ist es Teil eines tatsächlich wundersamen, aber nichtsdestoweniger alltäglichen Phänomens, das man sonst Fruchtbarkeit nennt. Saatgut, das nicht mehr keimt, sowie der rostig-verklemmte Flaschenzug haben aufgehört, Kapital zu sein. Außer vom Fertilitätsverlust ist einmal gebildetes Kapital stets von prädatorischen und parasitären Zugriffen bedroht, was einen Grund mehr liefert, Kapital zu bilden, um damit nämlich die Dienste eines Wachschutzes oder eines Staates in Anspruch zu nehmen. Das ging geschichtlich öfter schief, weil der bestallte Wächter selbst zum Prädator mutierte. Wir heutigen können ein Lied davon singen.

3. Der kapitalisierbare Teil der Leistung ist begrenzt durch das reproduktive Minimum der Arbeitenden. Marx‘ Ausbeutungsthese besagt, daß der Kapitalist die Arbeitskraft des freien Lohnarbeiters äquivalent gegen dessen Reproduktionskosten tauscht, ihm das volle Ergebnis der lebend betätigten Arbeit aber vorenthalte. Kapitalbildung oder -stärkung ist immer ein Subtrahend auf die erbrachte und im Prinzip ausschüttbare Leistung. Das Problem gibt es schon vor jeder Arbeitsteilung, der vollautarke Bauer hat es ebenso wie der Arbeiter und der Aktionär und wie der Arbeiter als Aktionär: Das Mehrprodukt muß immer zwischen Gegenwartsgenuß und Zukunftsinvestition geteilt werden.

4. Die von der staatfixierten Linken stets gestellte Frage, wie Kapital überhaupt in Privathand gerate könne, kennt eine Antwort: Weil es dort entsteht. Der Staat hat es noch nie hervorgebracht, eignet sich einen Teil des kapitalisierbaren Mehrprodukts aber an, um es entweder zu verprassen oder aber seinerseits zu investieren. Das in Privathand entstehende Kapital hat keine Tendenz zur Gleichverteilung, weil Menschen sich in Tatkraft, Verzichtbereitschaft und Erfindungsgeist eben unterscheiden. Man kann freilich – aber nur unter sehr begünstigten Umständen – ein ganzes Leben damit zubringen, an dieser Wahrheit herumzumäkeln.

5. Marxens Arbeitswertlehre (samt der eingebauten Ausbeutungsthese) ist ein geschichtsmaterialistischer Irrgänger; zugunsten der Agitation, aber auf Kosten der Klarsicht werden darin die Merkmale eines feudalen Regimes mit denen eines kapitalistischen vermengt: Der Feudalherr „exploitiert“ im schlechtesten (historisch eher seltenen) Fall tatsächlich zur Förderung seines Wohllebens, der Kapitalist „exploitiert“ zugunsten zukünftigen Produktionswachstums. Der Kapitalist kann anders als der phlegmatisch-besitzstandswahrende englische Landlord und der ähnlich gestrickte realsozialistische (oder realsozialdemokratische) Parteisekretär die „Pauperisierung“ des Lohnarbeiters-Konsumenten nicht nur nicht wünschen, sondern keinesfalls dulden. Er will als Verwertungs- und Wachstumsdynamiker die Kaufkraft vielmehr gesteigert sehen, gerne auch vom Staat, zur Not auch aus seiner Lohnsumme, solange seine Konkurrenzfähigkeit nicht leidet. Man sehe sich Henry Ford und seinen Fordismus darauf hin an: Ihm war stets bewußt, daß seine Fließbänder keine Autos kaufen, weswegen er die Fließfertigung einführte, um gleichzeitig das Arbeitsvolumen zu mindern und die Löhne zu steigern.

6. Auch „die Nebelbildungen im Gehirn des Karl Marx sind notwendige Sublimate (seines) … an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses“ (Deutsche Ideologie). Die Herkunft der Schwaden und Nebel, die Marxens Blick trübten, wird kurz und knapp im fortschrittstrunkenen Kommunistischen Manifest angesprochen: „Da revolutionierte der Dampf und die Maschinerie die industrielle Produktion“. Der Dampf stieg auf aus Wasser, das über Feuern kochte, in denen die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgeschlossenen „unterirdischen Wälder“ glühten. Marx hat in seinem Todesjahr nicht mehr erkennen wollen, daß seine Lehre dadurch an der Wurzel beschädigt war, obwohl der ukrainische Sozialist Sergei Podolinsky ihn 1883 mit einem äußerst hellsichtigen Aufsatz („Menschliche Arbeit und die Einheit der Kraft“) darauf hinwies, daß seine Arbeitswertlehre in eine Energiewertlehre erweitert werden müsse. Die Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Welt im 20. Jahrhundert bleibt völlig unverstanden (und blieb es demnach auch für Marx), wenn nicht veranschlagt wird, daß das damals sich aufstauende wirtschaftliche Surplus eben nicht der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft entsprang, sondern der Arbeitsleistung der Kolben und Pleuel, die von gespanntem Dampf und zündendem Gas in unaufhörliche Bewegung gesetzt waren und eine Leistung ablieferten, die in den besten Zeiten (den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts) die Kosten ihrer Bereitstellung um das 15fache überstieg – ein gigantisches Mehrprodukt, das jedes kleinliche Feilschen zwischen Kapital und Arbeit fortan entbehrlich machte. Genaueres dazu kann man hier lesen

7. „Die wirkliche Ökonomie besteht in der Ersparung von Arbeitszeit – Minimum und Reduktion zum Minimum. Diese Ersparung [ist] aber identisch mit der Entwicklung der Produktivkraft“ (Grundrisse der Politischen Ökonomie, Berlin 1935, S. 599). Damit ist Marx mit gequälter Zustimmung in der innersten Mechanik der großindustriellen Produktion angekommen. Die Minimierung aller Stillstands-, Warte- und Brachzeiten ist ein notorisches fertigungsorganisatorisches Problem der Industrie, das nicht etwa nur äußerlich – vom Kapital kraft seiner Verfügung über die Ein- und Ausschalter – gestellt ist, sondern als zeitökonomischer Imperativ der Funktionsweise der „großen Maschinerie“ innewohnt. Die Fixkosten der Fertigungsstraßen verhalten sich gegenüber einer Veränderung der Ausbringungsmenge unelastisch. Bei Mengenerhöhungen steigen die Kosten unterproportional, die Stückkosten sinken. Die rastlose Unabschließbarkeit dieser befeuerten ökonomischen Großveranstaltung, dieses „nie-fertigwerden“, die ständige Erhöhung der Schlagzahlen in Produktion und Konsumtion ist ermöglicht durch das unablässige Strömen flüssiger und gasförmiger Kraftstoffe und wird stückkostenrechnerisch erzwungen durch den Dauerlauf der Werkzeuge unter dem Druck der Konkurrenz.

8. Marx und seine Adepten schwankten bei der Beurteilung der technischen Entwicklungen seit der industriellen Revolution wie ein Fähnchen im Winde. Marx: In der Industrie erfolgt im Gegensatz zur Manufaktur die reelle (und nicht mehr nur formelle) Subsumption der Arbeit unters Kapital, so daß nun Arbeit überhaupt nur noch stattfindet, wiefern Kapital sie mittels Maschinerie in Bewegung setzt (Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Frankfurt/Main 1970, S. 45-64). Im 1. Band des Kapital (MEW, Bd. 23, S. 452) erläutert Marx, daß die Große Maschinerie „ihrem inneren Formgehalt nach kapitalistische Maschinerie“ sei, „… sie ist die stoffliche Existenzweise des Kapitals“. Dreizehn Seiten später hat er diese formanalytischen Konsequenzen verdrängt und polemisiert in lichtem Zorn gegen Ökonomen, „… für die eine andere als die kapitalistische Anwendung der Maschinerie … unmöglich ist“ (MEW, Bd. 23., S. 465). Dazwischen liegt nicht weniger als die Verabschiedung des treibenden Antagonismus zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen sowie die Versöhnung mit dem industriellen Schicksal der Arbeit, von der Marx an anderer Stelle als „dem sich bewährenden Wesen des Menschen“ und dessen „erstem Lebensbedürfnis“ (Kritik des Gothaer Programms; MEW 19, S. 21) gesprochen hatte. Der Marxismus bietet von nun an keine „andere“, antagonistische Vernunft, keine andere sozialistische Rationalität mehr, die sich außerhalb von Verteilungsfragen geltend machen könnte.

Und zwei Hunde, die an je einem Ende ein und desselben Knochens zerren, kann man gewiß als engagierte Vertreter entgegengesetzter Interessen würdigen, aber wahrhaftig nicht als Repräsentanten unterschiedlicher Typen von Rationalität.

9. Rolf Peter Sieferle in einem nachgelassenen Manuskript über „Erscheinungsformen des Antikapitalismus“: Der Marxschen Krisentheorie ist es nicht gelungen, im Sinne des „tendenziellen Falls der Profitrate“ ein abzusehendes Ende der kapitalistischen Produktionsweise zu demonstrieren, das nicht zugleich ein Ende jeder positiv rückgekoppelten Ökonomie wäre. Sofern der Kapitalismus überhaupt eine Grenze hat, ist diese exogen, kommt also von der Natur (wie es die klassischen Ökonomen von Smith bis Mill schon immer gesagt haben). Marx’ Versuch, die exogene Wachstumsschranke in eine endogene umzuformulieren, ist gescheitert, und dies bedeutet, daß die gesamte geschichtsphilosophische Pointe der Kritik der politischen Ökonomie hinfällig wird. Wenn es Grenzen des Wachstums gibt, gelten sie auch für den Sozialismus, d.h. Malthus, Ricardo etc. haben gegen Marx recht behalten.

10. Das 50er-Jahre-Syndrom: Nach dem Abschluß vierzigjähriger Vor- und Nachkriegszeiten erfolgte eine massive wirtschaftliche Stärkung durch das Einströmen fossiler Arbeitsenergien. Das daraus resultierende Surplus wurde im Verhältnis 1/3 zu 2/3 zwischen Kapital und Arbeit geteilt. Massenwohlstand, Massenkonsum waren keine Schlagworte: Zwischen 1950 und 2015 verfünffachte sich preisbereinigt das real verfügbare Einkommen der Arbeitnehmer in Deutschland, während sich die Wochenarbeitszeit gleichzeitig fast halbierte.

Das 80er-Jahre Syndrom: Schon 30 Jahre später begann dieses wirtschaftswunder­liche Surplus abzuschmelzen, weil die Bereitstellung von Energiedienstleistungen aus fossilen Quellen sich energetisch stetig verteuerte. Die Kontraktion des energiegeborenen Mehrprodukts hatte Folgen: In den G7-Staaten fiel die Arbeitseinkommensquote von einem Maximum von 74% am Volkseinkommen im Jahre 1973 auf 64% im Jahr 2010 zurück. Kompensatorisch stieg die Staatsverschuldung im gleichen Zeitraum von 38% des Bruttoinlandsprodukts auf 115%. Die Staatsschulden waren nicht durch Gegenwartsleistungen gedeckt, sondern Anleihen auf zukünftiges Sozialprodukt. Staatsschulden sind in anderen Bilanzen als Vermögen ausgewiesen. Sie füllten damit und von nun an den Finanzsektor, der bis etwa 1980 ein wertemäßiges 1:1-Abbild der Realökonomie war, inzwischen aber fast das fünffaches Volumen hat und damit eine „Forderung“ auf Realvermögen darstellt, das es gar nicht gibt. Damit ist eine zweite Ökonomie etabliert, die fiktiv ist, weil sie rein in der unbegrenzten Sphäre der Mathematik spielt und Berührung mit den Gesetzen der Physik und den irdischen Dingen erst wiedererlangt beim Versuch der Transsubstantiation in Ziegel und Mörtel oder Acker und Wald oder Maschinen.

Das Gepräge des „Virtuellen“, das die heutige Ökonomie so auffällig trägt, entspringt keineswegs der Allgegenwart von datenverarbeitenden Maschinen und Maschinchen, sondern wegen der abstrusen Dominanz dieses rein illusionären Kapitals.

Den realwirtschaftlichen Akteuren ist es mittlerweile nicht mehr möglich, die Zinsansprüche der Finanzvermögensbesitzer zu erfüllen. Deswegen liegen sie bei null, was aber das Volumen des Illusionskapitals weiter aufbläht.

Das sind ungefähr die Bruchlinien der heutigen Situation; die resultierenden Verwerfungen werden keine rein sozialen bleiben, sondern sehr viel tiefer in den sozialmetabolischen Fundamenten aufbrechen. Zu ihrer intellektuellen Bewältigung kann das Studium von Marx nichts mehr beitragen, dies nicht, weil seine Beobachtungen und Schlußfolgerungen „aus einer anderen Zeit“, sondern weil sie aus einer anderen Phase stammen.

Marx war Zeitzeuge der anabolischen Phase im derzeitigen sozialmetabolischen Zyklus, also der des Kraftaufbaus und des Kräftesammelns. Wir aber sind Zeugen (und Teilnehmer) der katabolischen Phase, in der Kapital nicht wie unter Marxens Augen auf-, sondern abgebaut wird und eingespeist in den Topf des Verzehrbaren, der sich aber trotzdem dramatisch leert.

Auf Ihrem Weg „zurück zu Marx“ unterlaufen Kaiser und Stein die tatsächlichen Gegenwartsprobleme, ich fürchte: absichtsvoll. Aber vielleicht wollen Sie mit ihrer Berufung auf Marx ja auch nur tun, was die nicht ein noch aus wissenden Politiksimulanten bei jeder Gelegenheit und als einziges tun, nämlich: Ein Zeichen setzen! Das aber wäre für eine rechte Politik, die den Ruf des Realismus und der Ehrlichkeit zu verlieren hat, ein echter Fehltritt.


Weiterführende Lektüre:

Kaiser/Stein: Marx von rechts

https://sezession.de/1420/letzte-ausfahrt-weiter-hinten-der-deutsche-sonderweg

https://sezession.de/37860/der-tanz-auf-der-nadelspitze

https://sezession.de/wp-content/uploads/2018/10/Re...

https://www.tumult-magazine.net/sommer-2018