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Kraftwerke für Afrika?

Kraftwerke für Afrika?
Von Stefan Flach vom 8. August 2019 ...

Von Felix Menzel


Fleischfabrikant und Schalke-Boss Clemens Tönnies ist in den Augen der hypermoralischen Tugendwächter Deutschlands ein schlimmer Rassist. Er wagte es, flapsig über den Zusammenhang von Energieversorgung, Klimawandel und Überbevölkerung in Afrika zu sinnieren. Wie im Mitschnitt zu hören ist, gab es dafür allerdings sogar Szenenapplaus.

Einzig der Afrika-Beauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke (CDU), regte vorsichtig an, über die aufgestellten Thesen von Tönnies in der Sache zu diskutieren, da reale Probleme angesprochen worden seien. Die Leitmedien des Landes von BILD bis ZEIT schlachteten dagegen lieber den „Rassismus-Eklat“ nach allen Regeln der Skandalisierungskunst aus. Damit sich weiter zu beschäftigen, ist Zeitverschwendung.

Viel spannender dürfte es sein, der Frage nachzugehen, ob „jedes Jahr 20 große Kraftwerke“ (Tönnies) eine gute Idee für Afrika sind. Fakt ist: In manchen Gegenden des Kontinents verfügt noch nicht einmal jeder Fünfte über Strom. In der Tat sind dies auch jene Länder mit besonders hohen Geburtenraten, da Großfamilien seit jeher als „Portfolio-Strategie zur Ruinvermeidung“ (Rolf Peter Sieferle) verstanden werden müssen.

Die Argumentationskette von Clemens Tönnies lautet nun: Mehr billige Energie ermöglicht mehr Wohlstand, wodurch mehr Menschen auf weniger Kinder angewiesen sind, was wiederum die CO2-Emissionen verringert, da jeder zusätzliche Erdenbewohner Ressourcen benötigt, Müll erzeugt und so weiter.

Um welche Größenordnungen es hier geht, verdeutlicht das Beispiel Nigeria sehr anschaulich: Gelänge es dem Land, den Ressourcenfluch zu überwinden, die eigenen fossilen Brennstoffe besser zu nutzen und als Konsequenz daraus das Tempo des Bevölkerungswachstums zu halbieren, würden im Jahr 2050 statt über 400 Millionen Menschen nur knapp über 300 Millionen dort leben. Europa hat daran ein großes Eigeninteresse, um zukünftige Migrationskrisen zu vermeiden. Der ökologische Effekt ist indes höchst ungewiß, da die billige Energie den Konsum exorbitant ankurbeln dürfte.

Letztendlich kommt es deshalb auf die jeweilige Prioritätenliste an: Der deutsche Physiker Gerd Ganteför meint etwa, zuerst müsse die Armut besiegt werden, um das Bevölkerungswachstum zu bremsen. Danach erst könne man über den Ressourcenverbrauch und das Klimaproblem nachdenken. Im Gegensatz zu Richard Heinberg geht er davon aus, daß sowohl die Ressourcenerschöpfung als auch die Erderwärmung erst im 22. Jahrhundert eine existentielle Bedrohung darstellen.

Macht China also alles richtig, indem es Afrika derzeit ca. 50 Kohlekraftwerke finanziert, das „Nareland“ (Natural Ressource Lands) erobert und Infrastruktur aufbaut? Der renommierte Entwicklungsökonom Paul Collier aus Oxford ist nicht weit entfernt von dieser Position. Er ist der Ansicht, der Westen sollte Afrika bei der Ressourcenentdeckung helfen.

Während die westliche Welt derzeit über Bodenschätze im Wert von 114.000 Dollar pro typischem Quadratkilometer verfügt, sind es in Afrika nur 23.000 Dollar. Collier zweifelt an einer natürlichen Benachteiligung. Vielmehr ist er sich sicher, daß die Ressourcen noch gar nicht entdeckt wurden. Anstatt im dreistelligen Milliardenbereich Entwicklungshilfe zu zahlen, könnte es somit sinnvoller sein, Afrika kostenlose geologische Untersuchungen anzubieten. Vor dem Hintergrund der Sorge um die Knappheit bekannter Ressourcen liefe dies aus europäischer Sicht auf eine Win-Win-Situation hinaus.

Oder doch nicht? Der vor einem Jahr verstorbene französische Philosoph Paul Virilio befürchtete in seinem fulminanten Essay Der Futurismus des Augenblicks, eine Ausweitung des westlichen Konsummodells bringe bis 2050 eine Milliarde Umweltflüchtlinge hervor, die infolge von Bauprojekten, der Ausbeutung der Natur und des Klimawandels ihre Heimat verlieren dürften. Obwohl sich die bisherigen Prognosen der Vereinten Nationen zu „Klimaflüchtlingen“ als maßlos übertrieben erwiesen, wäre es fahrlässig, die geäußerten Bedenken zu ignorieren.

Denn zum einen war es in der Menschheitsgeschichte schon immer so, daß Klimaveränderungen Migrationen auslösten. Zum anderen sollte man die Folgen der Urbanisierung im Blick behalten. Derzeit ziehen jede Woche ca. 1,4 Millionen Menschen vom Land in die Stadt. 2050 werden daher voraussichtlich 75 Prozent der Weltbevölkerung in städtischen Gebieten leben.

Das bedeutet: „Mehr Menschen als je zuvor werden um immer knapper werdende Ressourcen in schlecht regierten Regionen konkurrieren, wo es an einer angemessenen Infrastruktur mangelt. Diese Regionen werden jedoch immer enger mit dem globalen System vernetzt sein, so daß lokale Konflikte großflächige Auswirkungen haben werden“, analysiert der Sicherheitsexperte David Kilcullen.

Wer eine Kopie des „fortschrittlichen“, westlichen Entwicklungspfades als Allheilmittel für Afrika anpreist, unterschätzt folglich etliche Risiken, die zu gravierenden, ungewollten Nebenwirkungen führen könnten. Erstaunlicherweise tappen eigentlich fast alle in diese Falle. Sowohl die Clemens-Tönnies-Fraktion, die „große Kraftwerke“ will, als auch die Kollegen vom Spiegel, die den deutschen Sonderweg der Energiewende der ganzen Welt verordnen wollen, da es sich um ein „globales Problem“ handelt, müssen sich diesen Vorwurf gefallen lassen. Beide bewegen sich nicht auf Augenhöhe mit Afrika, wie es abgedroschen gefordert wird, sondern empfehlen die Imitation der jeweils präferierten Industriestrategie.

Vielleicht ist aber gerade dieses Best-Practice-Denken hinderlich für die Entwicklungsländer. Ein Blick nach Äthiopien legt dies nahe. Das autoritär regierte Land ist Afrikas demographischer Vorreiter schlechthin und konnte die durchschnittliche Kinderzahl innerhalb von 20 Jahren von sieben auf vier senken. Eine entscheidende Rolle spielten dabei Investitionen in die Bildung und das Gesundheitswesen. So wurden z.B. in allen Gemeinden Gesundheitshelferinnen ausgebildet.

Die Energieversorgung ist hingegen mittelmäßig bis schlecht. Nur 20 bis 40 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu Elektrizität. Aufgrund der geographischen Gegebenheiten bot es sich an, auf einen Mix aus Wasser- und Windkraft zu setzen. Was zeigt das nun? Erstens ist billige Energie keine Voraussetzung für einen erfolgreichen Kampf gegen die Überbevölkerung. Eine gute Regierungsführung ist völlig ausreichend. Zweitens ist festzuhalten, daß sich erneuerbare Energien für Entwicklungsländer besonders anbieten, da Ausfallzeiten eher zu verkraften sind. Im Vergleich dazu genügen in Deutschland bereits überschaubare Beeinträchtigungen der Netzstabilität, um irreversible Schäden an hochsensiblen Industrieanlagen zu verursachen.

Diese Einschätzung ist freilich alles andere als eine Bestätigung der Grünen: Jedes Land muß vielmehr eine zu seinen geographischen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen passende Energieversorgung aufbauen. Äthiopien kann dies vielleicht mit erneuerbaren Energien bewerkstelligen. Nigeria wäre vermutlich geholfen, wenn es mehr Protektionismus im Sinne Friedrich Lists wagen würde, um den vorhandenen Ressourcenreichtum selbst nutzen zu können, statt ihn zu verkaufen. Und in Deutschland sieht die Lage ganz anders aus: Unabhängig davon, wie man die Verspargelung der Landschaft ästhetisch bewertet, ist diese schon allein deshalb unsinnig, weil Deutschland die nötigen Flächen fehlen, um eines Tages hauptsächlich von Wind und Sonne leben zu können.

Zumindest diejenigen Politiker, die einen Taschenrechner bedienen können, sollten das auch wissen. In ihrer argumentativen Not kommen sie deshalb auf so absurde Ideen, wie grünen Wüstenstrom in die Mitte Europas leiten lassen zu wollen. Diese Umleitung forcieren Moralapostel wie Heiko Maas wohlgemerkt trotz der desaströsen Energieversorgung in den umliegenden Wüstenstaaten, an die zuerst gedacht werden müßte.

Sie beweisen damit, daß die bedingungslose Durchsetzung eines zentralistischen Globalismus ihnen wichtiger ist als ihr Bessermenschengesäusel. Wer dazu die Gegenposition einnehmen möchte, sollte sich für ein „Recht auf Unterentwicklung“ (insbesondere Afrikas), eine „Dezentralisierung der Wirtschaftstätigkeit“ (noch einmal Heinberg) sowie ein marktwirtschaftliches Verständnis nach dem Vorbild von Wilhelm Röpke stark machen.

Röpke betonte, wir dürften Fortschritt nicht nur „in Kilowatt und Pferdestärken“ messen: „Wir sollen eben nicht bloß Ökonomisten sein, sondern zugleich Philosophen, die weder die natürliche Ordnung der Dinge noch die echte Rangfolge der Werte mißachten.“