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Impfung gegen politische Romantik

Impfung gegen politische Romantik
Von Stefan Flach vom 21. Januar 2020 ...

Von Felix Menzel


Was bringt uns „aufgeklärter Konservatismus“, wie ihn der Althistoriker Egon Flaig in seinem neuen Buch vorstellt? Ich habe diese Frage vor einigen Tagen in eine abendliche Diskussionsrunde eingebracht.

Die erste Antwort: Nur so könnten wir die urbanen Meinungsführer überzeugen.

Die zweite Antwort: Eine solche Haltung sei nötig, um dem gewaltverherrlichenden Islam Paroli bieten zu können.

Die dritte Antwort: Björn Höcke mache ja nun vor, wie es definitiv nicht gehe. Klischeehafte Nationalromantik sei kontraproduktiv.

Ich fand diese drei Begründungen für einen aufgeklärten Konservatismus zunächst wenig überzeugend. Denn erstens zweifle ich daran, daß wir die grünen Städter jemals mit unseren Argumenten beeindrucken können. Zweitens gefällt es mir nicht, die Dekadenzphänomene des Westens als unser Nonplusultra im Gegensatz zum rückständigen Islam darzustellen. Oder plakativer ausgedrückt: Junge Damen, die viel zu wenig anhaben und sich so selbst zum Sexobjekt degradieren, will ich nicht verteidigen und zugleich Frauen mit Kopftuch, die nach ihrem Kulturverständnis „konservativ“ leben, angreifen.

Drittens gibt es sehr unterschiedliche Zugänge zum Patriotismus. Neben den Romantikern wie Höcke gibt es aktionistische Expressionisten und natürlich viele Pragmatiker, die sich mit realistischen Zielen zufriedengeben.

Darüber hinaus brachte ich in der Diskussionsrunde den Einwand, wir müßten auf der intellektuellen Ebene die „Menschenrechte“ in ihrer heute gebräuchlichen extensiven Form sehr wohl kritisieren, obwohl sie aus politisch-strategischen Gründen anzuerkennen seien. Dennoch dürfe im wissenschaftlichen Diskurs nicht unter den Tisch fallen, daß sie weiterhin eine „sinnlose Abstraktion“ (Edmund Burke) und Schwundform der Staatsbürgerrechte (Hannah Arendt) sind. Solche unbequemen Wahrheiten hört man jedoch fast ausschließlich von reaktionären Denkern. „Aufklärer“ dagegen klären seltsamerweise über die Unwirksamkeit der Menschenrechte so gut wie nie auf.

An dieser Stelle nun kommt Egon Flaig ins Spiel, weil er wichtige Differenzierungen vornimmt. Zum Beispiel grenzt er sich „gegen die reaktionäre Feindschaft gegen die Aufklärung als auch gegen die anarchistisch-gnostische Reduktion der Aufklärung“ ab. Es gebe keinen „automatischen Fortschritt“, aber auch keinen Mechanismus des Verfalls. „Es ist in – fast – jeder historischen Situation beides möglich“, unterstreicht Flaig.

Da Konservative „mit der Verlierbarkeit aller Dinge“ rechneten, könnten sie sich folglich besser darauf konzentrieren, jeweils das Richtige zu tun. Sie sollten sich dabei an einem humanistischen Menschenbild orientieren, aber im Gegensatz zur Linken bedenken, daß „Selbstbestimmung als Resultat des Wachsens an Pflichten“ betrachtet werden muß. Es gibt sie eben gerade nicht zum Nulltarif.

Flaig formuliert damit sowohl für die Konservativen, die ihre Haltung immer wieder auf den Prüfstand stellen müssen, als auch für das Volk, das nichts geschenkt bekommt, ein anspruchsvolles Programm. Besonders deutlich wird dies an seinem Geschichtsbild. „Wer sich als deutscher Europäer fühlt und begreift, für den sind jene Ausschnitte der Geschichte am bedeutsamsten, die für die europäische Geschichte höchste Bedeutsamkeit besitzen“, so Flaig, der damit erklären will, warum die Erzählung der deutschen Geschichte unbedingt mit der „athenischen Demokratie“ einsetzen müsse.

Läßt sich das den Konservativen vermitteln? Und läßt es sich dem einfachen Volk vermitteln, das trotz aller Aufklärung und dekonstruktivistischen Bestrebungen immer noch sehr empfänglich für Mythen aller Art ist?

Ich denke, hier liegen die Schwachstellen des aufgeklärten Konservatismus. Trotzdem bringt er uns voran, weil er in Zeiten der Hypermoral einen guten moralischen Kompaß liefert.

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