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Gott labert nicht

Gott labert nicht
Manu Scriptum 7. November 2018

The Killing of Jordan B. Peterson

von Bernhard Lassahn



Viele, viele Stunden habe ich schon mit Jordan Peterson verbracht: Er bei mir im Laptop, ich bei mir in der Küche. Ich möchte nicht sagen, dass ich ein Fan bin, weil das lächerlich klingt. Es ist ernst. Seine Art, die Welt zu sehen, bedeutet mir viel. Ich habe kleine Vorträge über ihn gehalten, Beiträge geschrieben, habe ihn live erlebt und finde immer wieder – obwohl meine Peterson-Phase nun schon Jahre anhält – neue Anregungen in seinen Videos.

Nun gibt es sein neues Buch auf Deutsch. Oweh ... schon der flüchtige Blick auf das Cover enttäuscht: Der deutsche Titel lautet 12 Rules for Life. Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt.

Warum kann man 12 Rules For Life nicht übersetzen? So schwer ist es nicht. Mein Vorschlag: 12 Lebensregeln. Und wieso heißt es im Untertitel „Ordnung und Struktur“? Reicht „Ordnung“ nicht? Gibt es etwa einen Unterschied zwischen Ordnung und Struktur, den man in diesem Zusammenhang beachten muss, oder ist das nur pseudo-intellektuelles Getue, damit es irgendwie kompliziert wirkt?

Was soll „Struktur“ an der Stelle? Struktur ist ein überstrapaziertes Angeber-Wort, das Anklänge an „strukturelle Benachteiligung“ und „strukturelle Gewalt“ mit sich bringt und mehr im Unklaren lässt, als erklärt. Es gehört da nicht hin. Ich vermute stark, dass es zu den Begriffen gehört, die Peterson, der sehr penibel in seiner Wortwahl ist und eine ganze Liste von Begriffen hat, die er meidet, „Struktur“ ebenfalls unpassend und störend finden würde.

Im Original heißt das Buch: 12 Rules For Life. An Antidote To Chaos. Damit sollen 12 Regeln dem Chaos gegenübergestellt werden. Wenn man das Buch kennt, weiß man, dass es um zwei Pole geht, die sich gegenüberliegen und dennoch aufeinander bezogen sind, wie in dem daoistischen Symbol von Yin und Yang. Die Gegenüberstellung wird durch das englische „antidote“ ausgedrückt. Im Deutschen steht sich nichts gegenüber, da haben wir stattdessen diese seltsame Doppelpackung „Ordnung und Struktur“, die wie eine Mogelpackung daherkommt und irgendwie in eine chaotische Welt eingebettet ist.

Klar sind die Begriffe jedenfalls nicht. Das passt nicht zu Peterson. Die Ungenauigkeit, die zur Geschwätzigkeit und letztlich zum Chaos führt, hat sich damit schon im Untertitel als bestimmende Kraft durchgesetzt.

Every cigarette kills

Dann folgt ein schlimmer Satz. Gleich vorne auf dem Umschlag: „Dieses Buch verändert Ihr Leben!“

„Every cigarette kills“. So war es auf Zigarettenpackungen in Australien zu lesen – lang ist es her, es muss 1998 gewesen sein, als ich down under war. Es kam mir albern und übertrieben vor. Jede Zigarette? Immer? Müssten dann nicht längst alle Einwohner Australiens ausgerottet sein?

Bei uns hieß es zunächst „Rauchen kann tödlich sein“, nun steht da: „Rauchen ist tödlich“. Kann man das so sagen? Tödlich für jeden? Sofort? Aus der Möglichkeit wurde unbemerkt die Tatsächlichkeit. Inzwischen ist auch aus der Formel, dass jeder Mann ein „potentieller Vergewaltiger“ sei, die Behauptung „Alle Männer sind Vergewaltiger“ geworden. Sie könnten es nicht nur sein, sie sind es. Auch die netten.

Alle oder keiner

Es gibt Ratgeberbücher, die Hilfestellungen anbieten, die eventuell angenommen werden. Es gibt Lektüre, die uns gefällt, vielleicht sehr gefällt. Von manchen Büchern sagt man, dass sie dem ein oder anderen Leser geholfen hätten, sein Leben zu verbessern, es zu ändern. Dieser Leser wäre dann allerdings auch der einzige, der so etwas verkünden dürfte. Und es wäre dann eine Aussage, die mehr über diesen Leser als über das Buch aussagt. Ein Buch wirkt auf jeden anders.

Es gab mal eine Werbung für eine Seife, die von sich behauptete, dass sie auf jeder Haut einen anderen Duft entfalte. So ist das bei Büchern. Jedenfalls so ähnlich. Sie wirken nicht auf jeden in der gleichen Art. Deshalb gilt das Buch als das Massenmedium des Individuums. Darin liegt seine Stärke.

Wenn ein Leser sagt, dass ihm ein Buch gefallen habe, dann ist das für andere Leser uninteressant; die Wahrscheinlichkeit, dass es einem anderen ebenso gefällt, ist gering. Es sei denn, die beiden kennen sich – und kennen sich gut. Der berühmte Satz von Jean Paul, dass ein Buch ein langer Brief an Freunde ist, trifft es gut. Der Satz berücksichtigt die Eigenheit des einzelnen und den besonderen Charme der Vertrautheit, den Bücher haben können.

Wenn es dagegen heißt: „Dieses Buch gefällt allen“ oder „Dieses Buch wird Ihnen gefallen“, bin ich verstimmt und denke: Wer sagt das? Kennt der mich überhaupt? Ist es ein Freund von mir oder jemand, der mich betuppen will und dem ich nicht vertrauen sollte? Ich will nicht in dieser Art angesprochen werden. Auch wenn ich gesiezt werde, habe ich den Eindruck, dass ich hier übervorteilt werden soll. Ich fühle mich nicht ernst genommen.

Das liegt schon daran, dass unklar bleibt, wer spricht, mit welcher Berechtigung er das tut und wer eigentlich angesprochen werden soll. Die persönliche Aussage eines einzelnen Lesers über ein Buch ist unerheblich. Es sei denn, wir kennen ihn. Wenn im Namen aller Leser gesprochen und über sie verfügt wird, handelt es sich um einen Betrugsversuch.

Fehlstart mit einer Lüge

Es gibt Bücher – zumindest eines fällt mir ein –, da finden wir die Aufforderung, das Leben zu ändern, ausdrücklich im Titel formuliert: Du musst dein Leben ändern von Peter Sloterdijk. Der Titel ist ein Zitat von Rilke. Könnte man nun über dieses Buch, das übrigens empfehlenswert ist, sagen, dass es tatsächlich unser Leben verändert? Könnten wir uns vorstellen, dass das Buch im Untertitel heißt: „Dieses Buch verändert Ihr Leben!“?

Nein.

Vorne auf der deutschen Ausgabe von Jordan B. Petersons „Weltbestseller“ steht es aber. Da heißt es tatsächlich an der Stelle, an der es im Original heißt: „One of the most important thinkers to emerge on the world stage for many years. THE SPECTATOR“ auf Deutsch: „Dieses Buch verändert Ihr Leben!“

Ein Fehlstart.

Was stimmt hier nicht? Wir fassen damit das Buch an der falschen Stelle an. An der Stelle, an der im Original, wie es angemessen und sinnvoll ist, eine für den Leser interessante Aussage über den Autor („One oft he most important thinkers …“) zitiert und belegt wird, steht in der deutschen Ausgabe eine unbelegte und unwahrhaftige Aussage eines namenlosen Handelsvertreters über die Wunderwirkung des Buches, von der wir alle wissen, dass es die gar nicht geben kann. Der Spruch ist eine Lüge. Jordan Peterson wird uns als Quacksalber angepriesen.

Die wichtigste Regel in seinem Buch – um das gleich zu verraten – ist, die Wahrheit zu sagen, zumindest nicht zu lügen. Dazu gehört eine besondere Achtsamkeit gegenüber der Sprache. Das wäre zumindest ein guter Anfang, der ganz im Sinne Petersons wäre: Wir könnten uns abgewöhnen, Sachen zu sagen, die man so nicht sagen sollte, weil sie auch so nicht stimmen. Das ist es, was Peterson uns sagen will. Die Bearbeitung seines Buches für den deutschen Markt verstößt von Anfang an dagegen.

Wer sagt was? Wer ändert was?

Schauen wir mal, wie Nassim Nicholas Taleb beworben wird. Da heißt es: „‚Taleb hat meinen Blick auf die Welt verändert.‘ Daniel Kahneman“. Hier fand auch eine Veränderung statt. Bei wem? Bei einem namentlich genannten einzelnen Leser, einem Leser von Rang, bei dem Nobelpreisträger Daniel Kahneman, der dem Satz Golddeckung verliehen hat, so dass ihn andere interessierte Leser ernst nehmen können. Die Veränderung, von der Kahneman spricht, ist außerdem wohldosiert: Verändert hat sich sein Blick auf die Welt, nicht sein ganzes Leben.

Wenn man es noch genauer fassen will, müsste man sagen, dass Kahneman die Veränderung nicht nur zugelassen, sondern willentlich selbst herbeigeführt hat, und ihm die Bücher von Taleb dabei eine Hilfe waren. So ist es richtig.

Eine Person – es muss ja nicht gleich ein Nobelpreisträger sein –, die von sich sagen könnte, dass Petersons Buch ihr Leben verändert hätte und sie es deshalb anderen empfehle, gibt es nicht. Es kann so eine Person auch nicht geben. Wer Peterson gelesen hat, würde anschließend nicht mehr so daherreden. Wer Peterson verstanden hat, weiß, dass Veränderungen durch eine freiwillige Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben erfolgen und dass man sie nicht anderen verabreichen kann.

„Dieses Buch verändert Ihr Leben!“ Der Satz ist nicht nur in der Sache falsch – mega-falsch, besser gesagt –, er steht auch im falschen Kontext. Stellen wir uns einen Hausbesetzer vor, der sich in die Belle Etage eingeschlichen hat, keine Miete zahlt und laute Musik spielt, auf dass das ganze Haus wackelt. So ist der Satz.

Verräterisch sind die fehlenden Gänsefüßchen, die an der Stelle nicht fehlen dürften, denn sie weisen einen Satz als Zitat aus und versichern, dass es einen Urheber gibt; einen, der die Verantwortung übernimmt, der – mit Taleb gesprochen – selber skin in the game hat und für sein Wort einsteht. Für so jemanden ist ein Platz in der Hierarchie des Covers reserviert.

Auf einem Cover ist die Reihenfolge der Namensnennungen so wichtig wie beim Abspann eines Films. Wer da einen oberen Platz einnimmt, beansprucht durch seine Position eine wichtige Rolle beim Auftritt des Buches. Der Satz „Dieses Buch verändert Ihr Leben!“ steht, um das noch einmal zu unterstreichen, nicht etwa auf einer abnehmbaren Banderole, nicht auf einem Beiblatt, sondern vorne drauf, als würde er zum Titel gehören oder wäre ein wichtiges Zitat.

Das Verschweigen von Urheberschaft und Zuständigkeit bedeutet zugleich eine Vertuschung von Machtstrukturen. Erwischt! Nun habe ich selber „Strukturen“ erwähnt, was nicht nötig gewesen wäre, ich hätte auch „Machtverhältnisse“ sagen können oder einfach nur „Macht“.

Peterson wird ein Bein gestellt. Schon bei seinem ersten Schritt in Deutschland muss er stolpern. Er ist mit seiner Forderung „Speak the truth!“ international bekannt geworden als Fürsprecher der freien Rede. In Deutschland wird er bekannt als jemand, dem man eine Lüge auf das Cover gedruckt hat.

Eine Lüge, die es in der Originalausgabe nicht gibt. Es handelt sich um eine deutsche Besonderheit.

Viele kleine Lügen schaffen ein großes totalitäres System

Der Mensch hat nicht nur ein Sprachvermögen – was schon erstaunlich genug ist: Wenn man Kinder beobachtet, die sich Sprache aneignen, dann ist das immer wieder wunderbar –, wir haben darüber hinaus auch eine moralische Empfindlichkeit und ein Gespür für die Lüge.

Die ist sozusagen serienmäßig bei uns eingebaut. Wir spüren, wenn wir uns selbst und zugleich alle anderen mit unserer Ausdrucksweise betrügen und uns was in die Hosen- oder Handtasche lügen. Wir sind längst nicht so unaufmerksam und abgebrüht, wie uns nachgesagt wird. Wir bemerken einen Schwindel. Jeder merkt, dass da was faul ist und dass man so nicht reden sollte: „Rauchen ist tödlich“, „Alle Männer sind Vergewaltiger“, „Dieses Buch verändert Ihr Leben!“ Wir fühlen uns nicht wohl im Umfeld solcher Sprüche. Da tickt eine innere Alarmanlage.

Die grandiose Sprache ist ein bösartiger Virus, der sich immer weiter ausbreitet und uns in die Epoche eines neuen Totalitarismus begleitet, über die wir im Nachhinein sagen werden: „Wir haben alle gelogen. Jeder ein bisschen. Und wir haben es gewusst.“ So haben es Václav Havel und Alexander Solschenizyn rückblickend zusammengefasst. Bücher aus meinem Regal über das Leben unter dem Hakenkreuz haben beispielsweise Titel wie „Betrug war alles, Lug und Schein …“ oder „Lebenslüge Hitler-Jugend“. Alles Lüge. Alle haben mitgemacht.

Die Gefährlichkeit der Lüge liegt in der Verallgemeinerung, sie liegt in dem Fehlen von Zwischentönen und Mittellagen und damit auch in dem Fehlen von Kompromiss- und Friedensmöglichkeiten. Die Abstufungen sind jedoch entscheidend. Totalitäre Systeme bauen sich Schritt-für-Schritt-für-Schritt auf, durch kleine und kleinste Grenzüberschreitungen, die ständig nachverhandelt werden. Als klinischer Psychologe weiß Peterson, dass man ebenfalls kleine Schritte unternehmen muss, um da wieder rauszukommen. Daher sind seine Ratschläge einerseits weitschweifig theoretisch begründet, andererseits praktisch umsetzbar und wirken auf den ersten Blick banal – wie etwa die Tipps, das Zimmer aufzuräumen oder Katzen zu streicheln.

Literarischer Hochleistungssport

Die genaue Wortwahl ist wichtig. An seinem ersten Buch Maps Of Meaning, das inzwischen auf Deutsch unter dem Titel „Warum wir denken, was wir denken“ erhältlich ist, hat Peterson fünfzehn Jahre gearbeitet. Er hatte sich dazu eine Disziplin auferlegt, die er von Hemingway übernommen hatte – früh aufstehen, schreiben, schreiben, schreiben, mindestens drei Stunden lang, täglich, keine Ablenkungen dulden –, nur dass Peterson bei der Gelegenheit auch noch darauf verzichtet hat zu rauchen und zu trinken. Er hat jeden Satz fünfzig Mal überarbeitet.

Eine Interviewpartnerin hatte sich davon schwer beeindruckt gezeigt und mochte es kaum glauben: Oha, ganze fünfzehn Mal hätte er also seine Sätze überarbeitet … Peterson unterbrach sie sofort: Er habe gesagt fünfzig Mal, nicht fünfzehn. Bei seinem zweiten Buch seien es allerdings weniger Durchgänge gewesen.

Von Hemingway heißt es, er hätte Der alte Mann und das Meer vierzig Mal umgeschrieben; allein die erste Seite hätte er 140 Mal abgetippt. Die über tausend Seiten von Krieg und Frieden wurden sieben Mal in voller Länger abgeschrieben. Von Hand. Das ist Literatur als Hochleistungssport für Langstreckenläufer. Das gilt auch für Haruki Murakami. So ist Petersons Stil entstanden, sein Sound. Peterson ist gut trainiert. Er ist in Form. Er kann druckreif reden. Bei Interviews muss man ihn nur antippen, dann legt er los wie eine Sektflasche, die man gerade entkorkt hat. Auch das hat er lange geübt. Sonst könnten seine Vorträge nicht so spektakulär sein.

Er hätte so eine unscharfe Doppelung wie „Ordnung und Struktur“ nicht durchgehen lassen, schon gar nicht an so prominenter Stelle wie im Untertitel. Er hätte sich auch einen Satz wie „Dieses Buch verändert Ihr Leben!“ nicht verziehen, zumal er eine Bevormundung und Kollektivierung der Leserschaft enthält, die ihm zuwider ist. Da bin ich sicher, nach all dem, was ich von ihm gelesen und gehört habe.

Vladimir Nabokov hatte einst die gesamte erste italienische Auflage von Lolita einstampfen lassen, weil er mit Nuancen in der Übersetzung nicht einverstanden war.

Wie ist die Übersetzung bei Peterson? Nicht schlecht. Dachte ich erst. Ich war zunächst sogar angetan von Formulierungen wie „Das geht gar nicht“, weil es mir so vorkam, als wolle man absichtlich hin zu einem lässigen und weg von einem akademischen Stil. Doch irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich habe das Buch weggelegt und die Stellen mit dem Original verglichen.

Darüber schreibe ich im zweiten Teil, damit nicht zu viel auf einen Schlag kommt.