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Thomas Hoof über Sieferle und die Medien

Thomas Hoof über Sieferle und die Medien
Maraike Unfrau 6. September 2017

Aus dem trübseligen Chor der Journalisten, die sich zu Rolf Peter Sieferle und seinen postumen Werken äusserten, versuchten nur wenige Schreiber auszubrechen. Mit seinem Blogbeitrag vom 4. August gehört Thomas Schmid von der Welt zu dieser kleinen Schar aus »Abweichlern«. Thomas Hoof antwortet darauf mit einem Brief, den wir hier veröffentlichen:


Lieber Thomas Schmid,

wir sind in den 80er Jahren bei den Grünen zusammengetroffen, dann, nachdem wir beide von dort abgebogen waren – Du ins Journalistische und ich ins Unternehmerische – noch einmal in den 90ern. Lesend habe ich Deinen Weg immer verfolgt: Von der Autonomie über die Ostberliner Wochenpost bis zur Welt und in die journalistische Springerspitze. Jetzt gibt es wiederum einen Berührungspunkt durch Deine Anfang des Monats auf Welt-Online erschienene Würdigung von Rolf Peter Sieferle, für dessen Gesamtwerk ich Anfang des Jahres die verlegerische Verantwortung übernommen habe.

Für Deinen Text bedanke ich mich; er ist, nach dem was publizistisch vorausgegangen war, redlich, ausgewogen und aufgeschlossen. Ein besonderer Dank noch für Deine (oder Deines Bildredakteurs) hintergründige Auswahl der Artikelillustrationen: Rolf Peter Sieferle neben Karl Marx und Max Weber: Wir scheinen einer Meinung darüber zu sein, daß Sieferle in spätestens zehn Jahren unangefochten auf diesem Rang gesehen werden wird.

Die Gelegenheit dieser „Dankadresse“ will ich dann aber doch zu einigen Rückfragen und ein paar Anmerkungen zu Deiner eigenen Kritik an Sieferle nutzen. Zunächst zu den deutschen Medien:

Als Verleger mache ich die merkwürdige Erfahrung, daß der Erfolg eines politischen Buches nicht mehr dadurch gefördert wird, daß es in den Feuilletons wohlwollend besprochen und gewürdigt, sondern im Gegenteil dadurch, daß es verrissen, noch besser als Gefahr für Demokratie, für die „Modernität“ oder gar für die Menschenrechte gebrandmarkt wird. Man sieht daran, daß der deutsche Druck-, Funk-, und Online-Journalismus durchaus noch Meinungsmacht ausübt, allerdings eine inverse: Wo immer er erbittert darauf hinweist, daß jemand anderer Meinung sei als er, weckt er ein fulminantes Interesse.

Das ist für mich jedesmal Anlaß sowohl zur Freude über den Auflagenschub als auch zu sorgenvoller Grübelei über der Frage: Was treiben die da eigentlich? Diese Frage stelle ich mir seit längerem: Wo ein Ballett seine Figuren so fein abgestimmt springt und die Begleitmusik so sauber im Kanon gesungen wird wie in der deutschen Presse, da sucht man – mit der Marotte alter weißer Männer, hinter jeder Wirkung eine Ursache zu vermuten – nach Choreograph und Kapellmeister. Deren Existenz bestreitest Du gleich zu Beginn Deines Artikels: Es stehe hinter der merkwürdigen Einstimmigkeit der deutschen Presse “… keine Absicht, kein Plan. Es ist auch keine Machenschaft. Vielmehr sind Bequemlichkeit, Opportunismus, Herdentrieb und der feste Wille am Werk, keinesfalls in gedankliche Sphären vorzudringen, in denen es ungemütlich werden könnte .“

Was Du hier mit wenigen Strichen als den journalistischen Normalfall zeichnest, liefert gleichzeitig das Psychogramm des „Mitläufers“. Das hieße: Der Verlust an Auflage, Meinungsführerschaft und Glaubwürdigkeit der Druck- und Online-Presse in den letzten 10 Jahre ist einer Personalakquise geschuldet, mit der offenbar nur herdentriebhafte, bequeme, gedankenarme und opportunistische, kurz: mitläuferische Nachwuchskräfte rekrutiert wurden. Das ist um so rätselhafter, als diese rotgrün gestreiften Frischlinge unter den Augen der gebeutelten Verleger die Zielgruppenorientierungen der von ihnen heimgesuchten Blätter wohlgemut einmal quer über die Kartoffelgrafik der Sinus-Milieus verschoben, bei der FAZ etwa von den „gehobenen Konservativen“ hin zu den „Sozialökologischen Postmaterialisten“, vor deren Briefkästen freilich schon seit 40 Jahren die TAZ darbt und schmachtet. Verbunden war dieser halsbrecherische Adressatenwechsel – die FAZ kostete das fast die Hälfte der Auflage – mit einem völligen Verfall der handwerklichen Sitten, speziell der journalistischen Grundregel, die Nachricht von der Meinung zu trennen. Auch bei Euch, also der Welt-Gruppe (wo Meinungsartikel ja etikettiert sind) räkeln und strecken sich die „Meinungen“ oder die Kollektiv-Idiosynkrasien der Nachrichtenredakteure schon in den Schlagzeilen, Zwischenüber- und Bildunterschriften, wenn etwa die C-Star der Identitären – im Mittelmeer unterwegs, um NGO-Schlepperschiffe zu markieren – auf WON als „Nazi-Schiff“ bezeichnet wird.

Die Talsohle auf des Journalismus Weg nach unten war für mich erreicht, als ab 2011 die deutschen „Leitmedien“ von den geostrategischen Schach- und Winkelzügen in Nordafrika, im Nahen Osten und in der Ukraine unisono nach dem Muster eines Puppentheaters für Vorschulkinder erzählten, zuletzt als einer Fehde zwischen Kasper Obama, Seppel Cameron und Gretel Merkel auf der einen und Krokodilowitsch Putin und Räuberhauptmann Baschar Al-Assad auf der anderen Seite. Es fragt sich, ober dieser tollkühne Mut zur Unterkomplexität einer tatsächlichen Verdummung des schreibenden Personals oder einer (wie dann die Kommentierungen zeigten: fälschlicherweise) unterstellten Vollverblödung des lesenden Publikums entspringt. Um über diese Ereignisse neutral und hintergründig berichten zu können, wäre, Gott behüte, kein Blick auf „verschwörungstheoretische“ Blogs und Foren nötig gewesen, sondern lediglich die Lektüre etwa der „Blätter für deutsche und internationale Politik“, in denen die Thesen des US-Strategen Thomas Barnett, die Langfriststrategien Zbigniew Brzezińskis und die Vorstellungen von Asmus und Pollack zur „Transformation des Mittleren und Nahen Ostens“ offen und kontrovers diskutiert wurden.

Um das Ganze des politmedialen-rotgrünen Ideologiegemenges, das die deutsche Presse uns unentwegt verabfolgen will, mal in etwas gröberer, dadurch kenntlicherer Körnung darzureichen:

Die „Mitläuferschaft“ ist, wie Du sagst, ein prägnantes Merkmal Deiner hauptstrom-linienförmigen Kollegen; dabei erkennen letztere in genau dieser Eigenschaft, also in der Neigung zum obrigkeitshörigen Hinterdreintrotten zusammen mit einer notorischen „Ausländerfeindlichkeit“ den Kern des Deutschen Nationalcharakters, und das, obwohl sie die Idee von Nationalcharakteren an sich strikt ablehnen, nur eben dann nicht, wenn sie dazu dienen könnte, den eigenen Vorfahren schwerwiegende Charaktermängel zuzuschreiben. Sie sehen sich als Widerstandskämpfer in zäher, gefahrvoller Resistance gegen ein Regime, das seit 72 Jahren mausetot ist. Dies hat den angenehmen Zusatzeffekt, daß jeder, der ihnen in einer ihrer Lieblingsideen (zum Beispiel der der Wohltätigkeit von „diversity“) widerspricht, sich als Gegner der Regimegegner und damit als Regimevertreter, vulgo: als Nazi, zu erkennen gibt. Geschichtspolitisch betrachten sie die gesamte deutsche Vergangenheit als eine Geschichte nicht nur der Mitläufer-, sondern auch der Vorläuferschaft. Denn der unerhörte Gipfel der Ausländerfeindlichkeit ist es natürlich, gegen Ausländer Krieg zu führen. Insofern waren Arminius (Römer), Otto I (Magyaren), Prinz Eugen (Türken), General Blücher (Franzosen), Wilhelm ll (alle Nachbarn auf einmal) nur Vorläufer und Wegbereiter des Höllenregimes, und die Kriege der Ausländer gegen Deutschland waren immer nur Kriege gegen die deutsche Ausländerfeindlichkeit und insofern „gerechte Kriege“. Nur einmal blitzte für drei Jahrzehnte kurz die Tugend der „Toleranz“ unter „no nation, no borders“-Bedingungen auf: Während des 30jährigen Krieges, der die Deutschen aber ein Drittel ihrer damaligen Bevölkerung kostete, was man vielleicht zu ihren Gunsten als hinreichenden Grund für eine gewisse, sagen wir, „Ausländerskepsis“ betrachten könnte.

Ich bin sehr in Zweifel, darüber, daß jemand, der ein solches, in abenteuerlichste Paradoxien verwickeltes Welt- und Selbstbild pflegt, seiner geistigen und vor allem seelischen Gesundheit damit etwas Gutes tut.

Ich glaube aber insgesamt nicht, daß Deine These zum kollektiven Opportunismus der neuen Journalisten-Generation den monodischen Gleichklang aller medialen Stimmen erschöpfend behandelt und restlos aufklärt. Es gibt Akteure in den ausgedehnten NGO-Vorfeldern von UNO und EU, die sich intensiv (und auf den ersten Blick erfolgreich) bemühen, Methoden des „Agenda settings“, des „Policy makings“ und des „Diskursmanagements“ zu vervollkommnen. Vielleicht solltest Du Deinen Blick einmal in diese Gegend richten; auf ergänzende Erkenntnisse wäre ich sehr gespannt.

Wie auch immer: Das Ergebnis der medialen Selbstgleichschaltung ist durchaus dramatisch, sorgt aber immerhin auch für einen gewichtigen Erfahrungsgewinn: Wie eine Atmosphäre aus Mitläufer-, Duckmäuser- und Denunziantentum sich langsam sättigt und dick, drückend und erstickend wird, das muß heute niemand mehr „aus der Geschichte lernen“. Ein Blick in die Runde reicht.

Sieferles „antiuniversalistischer Furor“
Dein stärkster Vorwurf an Sieferle lautet, er habe sich gegen Ende seines Lebens in einen „antiuniversalistischen Furor“ verloren. Ich lese aus Anlaß dieser Replik gerade einen alten Text aus dem Jahre 1977, in dem ein damals junger Mann die zeitgenössische dogmatische und damit „internationalistisch“ orientierte Linke sehr provokativ angeht wegen ihrer Abräumwut gegen alle „ungleichzeitigen“, regionalen und lokalen Eigenarten und Besonderheiten in den Winkeln dieser Welt. Schon die die zentralisierungsbesessenen Erzväter Marx und Engels hätten sie als entsetzlichen Wirrwarr beseitigen wollen, anstatt sie als einen “Reichtum“ an Lebensbewältigungspraxen wertzuschätzen. Wörtliches Zitat:
„Die Marxisten haben sich immer mit der ökonomischen und der politischen Dampfwalzen-macht des Kapitalismus identifiziert – nur so erklärt sich die widerliche Schadenfreude, mit der sie in ihren Polemiken gegen die Anarchisten diese immer wieder triumphierend auf die umfassende Macht der großen Kapitalien und das Erstarken der zentralen Staatsgewalt hingewiesen haben.“ Der Autor – Du wirst es mittlerweile gemerkt haben – ist Thomas Schmid (Kuh und Computer in Autonomie Nr.3, 1976).

Du knüpfst dabei an die sehr deutsche, „romantische“, modernitäts- oder kapitalismus-kritische Staats- und Wirtschaftsphilosophie etwa eines Adam Müller, der 1813 schrieb: "Erst müßt ihr die Erde mit ihren unendlichen Klimaten und eigentümlichen Lokalitäten in eine große gleichförmige Fläche ausgewalzt haben, erst muß die Vorliebe der Menschen für das Nähere und Angewöhnte und für das Besondere, Erworbene ausgerottet sein, ehe diese unbedingte Gewerbefreiheit, also ehe dieses absolut freie Privatvermögen der Einzelnen möglich wäre" . Die spätromantische Staats- und Gesellschaftsphilosophie war im Untergrund sehr wirksam und in Deutschland geradezu und mentalitäts- und identitätsbildend. (Carl Schmitt sinngemäß dazu: „Die Romantiker haßten die Philister, aber die Philister liebten die Romantiker“). Das Axiom dieser Philosophie: Alle Kultur ist gewachsen, sie ist ein morphologisches Phänomen der Gestaltbildung und folgt organischen Aufbau- und Entwicklungsprinzipien. Auch der Staat wächst aus solchen gestaltbildenden Kräften aus einem kulturellen Humus heraus, und das war natürlich die richtige Idee für ein Volk, bei dem ein Einheitsgefühl nicht aus der formalen Zugehörigkeit zu einer Nation, sondern, verspätet und gerade umgekehrt, die Nation aus dem Zusammengehörigkeits- und Einheitsgefühl erwuchs. Das hat Sieferle im ersten Kapitel seines „Epochenwechsels“ ausführlich behandelt.
Und schließlich warnst Du in dem damaligen Text mit Ernst Bloch davor, daß „wir irgendwann einen Großkapitalismus von terrestrischer Ausdehnung für die sozialistische Gesellschaft halten“ (Bloch, Gespräch über Ungleichzeitigkeit, Kursbuch 39, 1975). Kein Zweifel, daß die Linke in allen ihren Spielarten, von der Antifa über die Grünen bis hin zur „konnexionistischen“ Internetlinken, diesem Irrtum 40 Jahre später voll und auf eine fast tragikomische Weise erlegen ist. Wie das geschah, ist ein noch ungeschriebenes Kapitel der Ideologie- und politischen Organisationsgeschichte.

Ich komme noch einmal darauf zurück; vorher aber noch ein Exkurs zu Deinem nächsten Vorwurf an Sieferle, der lautet: Er habe sich an einer „Titanenaufgabe“ vergriffen, die kein Mensch im Alleingang lösen könne: nämlich eine Antwort auf die Frage nach der nachhaltigen Zukunft der Industriegesellschaft bei anhaltendem Bevölkerungswachstum zu geben. Damit habe er sich „wohl zwangsweise etwas von jener Hybris zulegen“ müssen, „…die am Ende seines Lebens Züge von Menschenfeindlichkeit annahm.“

  1. Zunächst einmal: Sieferle hat sich nie anheischig gemacht, diese Frage zu beantworten. Er hat sie lediglich in der einzig richtigen, zugespitzten Form gestellt: Das Industriesystem beruht auf dem Verzehr von Beständen, die nicht nachwachsen. Damit steht es logischerweise unter einem begrenzten zeitlichen Horizont. Es ist ein transitorisches System, das sich zwangsläufig noch einmal transformieren muß. Eine solche Transformation kann erfolgen als a) ein Durchbruch nach vorne (zu völlig neuen Energiequellen) oder b) als Durchbruch nach unten oder hinten (also als ein Rückfall in das vergangene, solarenergetische Regime, unter dem sich die Menschheit Jahrtausende entwickelt hat und dem gegenüber die zweihundertjährige fossilenergetische Epoche auch ein singulärer Ausbruch gewesen sein könnte).
  2. Dein Vertrauen in „ein großes, interdisziplinär zusammengesetztes Forschungsteam“, das allein berufen sei, diese „Titanenaufgabe“ zu lösen, teile ich nun ganz und gar nicht. Unter unser beider Augen und viel Beifall von der linken Straßenseite sind die Wissenschaften in den vergangen 40 Jahren aus ihrem Elfenbeinturm heraus-komplementiert worden, damit sie „gesellschaftsrelevanter und „anwendungs-orientierter“ arbeiten. Wo sind sie gelandet? In den Konferenzräumen, in denen sich die schon erwähnten voradministrativen und administrativen „Diskursmanager“ mit der Politik zum Umtrunk versammeln. Dabei wurden Soziologen zu „Gender-wissenschaftlern“ und Meteorologen zu „Klimawissenschaftlern“ umgemodelt. So verwandelt betreiben sie dann „postnormale Wissenschaft“ oder „Wissenschaft im Modus II“, was beides Euphemismen für eine nun politisch, legitimatorisch und diskursstrategisch dienlich gemachte „Wissenschaft“ sind.
  3. In der metabolischen Existenzfrage der modernen fossilenergetisch-industriellen Gesellschaft, ob am Ende des fossilen Zeitalters ein „Durchbruch nach vorne“ oder ein „Rückfall nach hinten“ erfolgt, erscheint der Durchbruch nach vorne von Jahr zu Jahr irrealer. Das Ende der fossilenergetischen Epoche ist nicht mehr nur, wie Sieferle das tat, logisch, sondern mittlerweile empirisch und damit auch zeitlich zu bestimmen. Die Industrie-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des letzten Jahrhunderts kann kurzerhand erklärt werden aus einem einzigen Zahlenpaar: Die in dieser Zeit mobilisierten fossilenergetischen Kräfte verursachten monetär einen Aufwand von 5% der Gesamtkosten der materiellen Produktion, entfalteten aber eine „Produktionsmächtigkeit“ (einen tatsächlichen Beitrag zum Produktionsergebnis) von 80%. Dieser Differenz entsprangen der Massenwohlstand nach dem zweiten Weltkrieg, der langjährige soziale Frieden (und geistesgeschichtlich auch das Scheitern der Marxschen Verelendungstheorie und des bis Anfang des 20. Jahrhunderts durchaus virulenten Malthusianismus). Die wohltätige Lücke schließt sich allerdings, denn die Vor- und Zurichtungen der Energiegewinnung, -umwandlung und -verteilung beanspruchen energetisch (nicht monetär) zur Zeit etwa 55% der Bruttoenergieproduktion aus Erdölen. Diese Rate des systemischen Eigenverbrauchs wächst mit jährlich 2 bis 3%, wegen des steigenden energetischen Aufwands in der Ausbeutung der großen nahöstlichen „Best-First-Felder“ (Watercut bei 90%), der Erschließung und Nutzung geologisch entlegenster neuer Felder (Deep water, Arktis, Fracking usw.) und der Abzweigung großer fossiler Kapazitäten für das Rollout von EEG-Verfahren (Photovoltaik, Windenergie), die zur Zeit Energiesenken darstellen, wie man leicht an der monetären Gesamtbilanz der deutschen EEG-Förderung sehen kann (Input: Einspeisevergütungen Marktprämien 22 Milliarden €, Output: Stromerlöse 2 Milliarden. Eine einfache Zinseszinsrechnung zeigt, daß bei einer weiteren Eigenverbrauchsteigerung um jährlich 2,5% das Energiesystems sich gegenüber seinen Erträgen in spätestens 20 Jahren selbstverzehrend verhalten wird. Es liefert dann eben keine Mengen mehr, die für eine konsumtive oder investive Verwendung zur Verfügung stünden.

Das ist die Situation am Vorabend eines wirklichen, weil nicht nur geistig-mentalen, sondern materialen Epochenwechsels, der eben nicht nur die Ideen der Menschen tangieren wird, sondern den Boden, auf dem sie stehen, ins Beben bringt. Im Verlauf der nächsten zwanzig Jahre wird sich eine industrielle Muskelatrophie einstellen, und – fast schlimmer – ein schneidendes Bewußtsein dieser einsetzenden Schwäche. Nicht schwer vorauszusagen, daß damit auch alle Auswege in eine Energiegewinnung aus historisch noch tieferen Schichten der kosmischen Evolution, aus den atomaren Speichern mittels Kernspaltung oder Kernfusion verstellt sein werden. Wer seine Muskeln schwinden fühlt, stürmt nicht mehr ins Hochgebirge, ganz abgesehen davon, daß kerntechnischer Kraftwerksbau materiell und funktionell natürlich große Mengen an investiv verfügbarer Energie zur Voraussetzung hat.

Und in dieser Situation lauschen wir nun einem politmedialen Moralsingsang, der uns auffordert, auch die letzten institutionellen und habituellen Hemmnisse dieser 100jährigen „Flucht nach vorne“ beiseite zu räumen und mit allem Vergangenen endlich Schluß machen: mit Nationen und ihren Grenzen, mit Familien und ihrer Tragfähigkeit, mit Geschlechtern und ihrer Komplementarität, mit der Anhänglichkeit an Vorfahren und der Verantwortlichkeit für Nachfahren, mit allem Eigensinn und aller Eigenart und allem Willen zur Selbst-behauptung, also all den furchtbaren Flüchen der Vergangenheit. Erst dann könnten unter einem „Global Government“ die nicht mehr in Nationen und Stämme geschiedenen, divers pigmentierten und einen unbegrenzten Reichtum an wählbaren Geschlechtlichkeiten genießenden, dionysischen Menschlein ihrer Tanzfreude nachgehen. Die Sonne würde über ihnen lachen und der Wind sie umbrausen, und beide zusammen würden auch die Akkus ihrer Mobilgeräte und ihrer selbstfahrenden Kabinenroller laden; widrigenfalls aber würde der Himmel sich erbosen und die Wüsten nach Norden rücken lassen und die Gletscher nach Süden und die Fluten würden steigen bis hinauf zum Kahlen Asten.

Es gibt – unmöglich, das zu bestreiten – eine globalistisch orientierte „Elite“, die die „Five Free Flows“ des US-Strategen Thomas Barnett endlich ungehemmt von anders orientierten, querliegenden nationalen Kräften herstellen möchte: Den global-freien Fluß von 1. Krediten, von 2. Menschen, von 3. Energierohstoffen, von 4. Sicherheit und von 5. Lebensmitteln. Und es gibt ein städtisch-metropolitanes Geistesproletariat, das sich einbildet, von dieser globalistischen Elite schon kooptiert worden zu sein, wenn es eine befristete halbe Stelle „im Medien- oder im Web-Bereich“ oder ein Stadtratmandat bei den Grünen ergattern konnte.
Beide zusammen sind in einen „entropischen Furor“ geraten und predigen allen Ernstes die Zerstörung von allem Gestaltförmigen, allem, was aus eigener Kraft stehen kann, allen Strukturen, die etwas tragen könnten, allen Kompetenzen, die im Nahbereich wirksam werden könnten, aller Produktivität, die aus Gegensätzen entspringt, aller materiellen und kulturellen Reserven, die im Notfall mobilisiert werden könnten. In Deutschland hat das die Züge einer Selbstdestruktion in veitstänzerischer Intensität angenommen: Das Bildungssystem macht 50% eines Jahrgangs zu Akademikern, von denen wiederum die Hälfte völlig kompetenzfrei, aber mit Ansprüchen auf den Arbeitsmarkt drängt; das Handwerk als Basis dieser technischen Gesellschaft trocknet mangels Nachwuchs aus. Die Energiewirtschaft ist zerrüttet; die Automobilbranche wird es derzeit. Energiepolitisch herrscht der reine Aberwitz: Atomkraft: Ausstieg! Kohle (die einzige fossile Spielverlängerungsoption): Ausstieg! trotz großer Reserven an Braun- und Steinkohle und eins immensen Kohleveredelung-Know-Hows bei der Ruhr-Kohle AG; EEG-Elektro-Energie: Ausbau, obwohl es keine energiepositiven Erzeugungskapazitäten gibt und Speicherkapazitäten nicht einmal auf dem Papier. Verbrennungsmotoren bei Automobilen: Ausstieg gefordert, obwohl gleichzeitig die Kraftstofferzeugung aus Elektrizität, Wasserstoff und Kohlendioxyd (power to gas/Methanisierung) als kommende Verbrennungstechnologie kräftig gefördert wird.

Und schließlich eine Einwanderungspolitik, die Wirtschaftsmigranten zu Flüchtlingen umetikettiert und die behauptet, „Fluchtursachen beseitigen“ zu wollen, die sie aber in den Herkunftsländern sucht statt im selbstgemachten Asyl- und Sozialrecht, wo sie allein zu finden sind und leicht zu beseitigen wären. Jeder Afrikaner der die deutsche Grenze überschreitet, hat im gleichen Augenblick einen Anspruch auf das Zehnfache der Menge an technischer Energie, die ihm in Afrika zur Verfügung steht. Dieses Gefälle ist die materielle Fluchtursache. Es läßt sich allerdings beseitigen: Entweder durch die Afrikanisierung Europas oder durch die Europäisierung Afrikas, aber nicht mit ein wenig mehr „Fernstenliebe“, wie Du anregst, was stark an die von Sieferle getadelte Neigung erinnert, alle politischen Existenzfragen in den Begriffen der Sonntagsschule abzuhandeln.
Eine Einwanderungspolitik der offenen Grenzen ist in der Tat der spitzeste Angriff auf die Existenzfähigkeit einer noch produktiven, weil homogenen Gesellschaft, in der nämlich, mit Gehlen zu sprechen, die seltene Gunst einer „wohltätigen Fraglosigkeit“, eines „Immer-schon-Verständigtseins“ herrscht, deren überragende Bedeutung für Leistungsfähigkeit und Lebensqualität man erst bemerkt, wenn sie - wie jetzt in Deutschland - schwindet.

Das, was Du bei Sieferle als einen „antiuniversalistischen Furor“ wahrnimmst, ist nichts anderes als eine äußerst kühle, wohlbedachte Abwehr des „entropischen Furors“, dem die kosmopolitischem „Hinterdreintrotter“ in Politik und Medien verfallen sind.
An welche der „globalen Herausforderungen und Bedrohungen“ wir auch immer denken (Energieverarmung, Klimaveränderung, Bodenerosion und Bodenverarmung, Saatgutverluste), und auch wenn wir akzeptieren, daß diese katastrophenträchtigen Entwicklungen globale Ursachen überhaupt haben, so wird ihr Einschlag logischerweise doch immer nur in lokaler und zeitlicher Bestimmtheit erfolgen: auf einem bestimmten Boden, in einem bestimmten Klima, in einem bestimmten Land, in Gesellschaften, die Vorräte an Fossilenergien noch haben oder andere, die sie nie hatten. Und es wird auf die Resilienz der bestimmten Menschen in diesen Lokalitäten ankommen – auf ihre Spannkraft, ihre Elastizität, ihre Strapazierbarkeit, ihre Fähigkeit zu technischer Konversion –, ob sie diese Einschläge überleben oder darin untergehen. Allein der Themenwechsel von der (thermodynamisch bestimmbaren) kommenden Energieverarmung zu der in einem erwiesenermaßen fehlerhaften Modell prognostizierten „Klimaerwärmung“ ist ein Indikator dafür, daß die Mobilisierung lokaler Kräfte und lokaler Ressourcen und eine lokale Verminderung der extremen Systemfragilität globalpolitisch unterwünscht ist. Die offene Ankündigung einer Energieverarmung würde lokale Regsamkeit und Tatkraft erwecken, die Ankündigung einer „globalen Erwärmung“ – bei der die Modellbauer auch dadurch im Ungefähren bleiben, daß sie eine intermittierende deutliche Abkühlung nicht ausschließen – kann nur Apathie bewirken. Sieferle hatte diesen Gegensatz zwischen „universalistisch-kausalen“ und „partikularistisch- reaktiven“ Strategien schon in seinem „Epochenwechsel“ gegeneinandergestellt, wobei in der zweiten Alternative die sich zuspitzenden Ressourcen- und Umweltprobleme zum Anlaß einer „Ausfaltung von eigenständigen, zur Selbstbehauptung fähigen kulturellen bzw. sozialen Einheiten“ würden.

Aber die Heilung der Welt aus ihrer administrativen Vereinigung (von governance zu government) ist auch aus anderen Gründen ein Projekt von gestern: Geopolitisch ist es in den letzten zwei Jahren im Nahen Osten endgültig gescheitert. Der von Putin auf der Münchener Friedenskonferenz 2007 angekündigte Widerstand gegen die von den angelsächsischen Oligarchien strategisch anvisierte unipolare Weltordnung ist organisiert und wirksam geworden. Die Russen haben das Projekt im Verein mit dem Iran und China in Syrien endgültig gestoppt. Die Niederlage „des Westens“ bei dem Versuch, Syrien als einen weiteren, noch nicht kontrollierten „Gap“-Staat wie Libyen ins Chaos zu stoßen, ist eine echte Kehre. In dieser energielogistisch so bedeutsamen Region wird nun ausgerechnet der verfemte Iran mit seinem im Irak, in Syrien und Katar gewonnenen Einfluß zur kommenden Ordnungsmacht. Die militärtechnischen Zugewinne Rußlands – erzielt in kürzester Zeit und mit einem Bruchteil der Mittel, die der militärindustrielle Komplex der USA für ein waffentechnisches Projekt zu verschlingen pflegt – machen zusammen mit den währungspolitischen Machtmitteln Chinas beide Staaten zu einer realen Veto-Macht auf dem Globus. Die sich damit ankündigende mehrpolare Weltordnung wird viel Ähnlichkeit mit Carl Schmitts „Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte“ haben.

Das „Interventionsverbot für raumfremde Mächte“ kommt aber auch noch von ganz anderer Seite: Aus dem Innern der USA, die ihre beträchtlichen Kapazitäten seit 1914 in den Dienst eines Interesses an einer unipolaren Weltordnung gestellt haben, wofür man außer „Herrschsucht“ ein eigentlich nationalstaatliches Motiv spätestens seit 1989 nicht mehr finden kann. Die Fähigkeit, einige Jahrzehnte lang die „Terms of Trade“ zu bestimmen, war wahrhaftig kein Ausgleich für die Irrsinnsaufwendungen, die die USA aufgrund der 80 Kriege, in die sie seit Anfang des 20 Jahrhunderts verstrickt waren, stemmen mußten. Die Wahl von Donald Trump war auch ein Ausdruck des innerstaatlichen Widerstands gegen die Instrumentalisierung der USA zu welthegemonialen Zwecken – und dies ganz unabhängig von der Frage, ob mit Trump der Bock zum Gärtner oder tatsächlich der Gärtner als Gärtner gewählt wurde, den das US- Establishment nun wiederum mit allen Mitteln zum Bock zu machen trachtet. Trumps Wahl war in beiden Fällen Teil des „populistischen backlash“, mit dem sich in allen westlichen Ländern die schweigende Mehrheit zurückmeldet und einen Kulturkampf annonciert zwischen der Welt der täglichen Arbeit und der Welt des dauermoralischen, kosmopolitischen Räsonnements. Aber es zeigen sich darin natürlich auch Rißbildungen innerhalb der US-amerikanischen Finanz-, Industrie-, Verwaltungs- und Militäreliten ab, die entweder einer hegemonialen und einer nationalstaatlichen Logik des Staatshandelns der USA zuneigen und offensichtlich dabei sind, sich antagonistisch zu formieren.

An all dem wird Eure Branche noch schwer zu tragen haben. Euer Feldzeichen „Für Demokratie und Fortschritt“ wird unter den Bedingungen eines populistischen Rückstoßes nun zur heißen Kartoffel. Jakob Augstein hat sie unter dem Eindruck des Brexit ja schon bestürzt fallen lassen und ersatzweise das Banner „Fortschritt statt Demokratie“ aufgezogen. („ Denn beim Volk, das ist eine paradoxe Wahrheit, ist die Demokratie nicht gut aufgehoben. Volkes Stimme und Fortschritt - das geht nicht gut zusammen“. )

Na gut: Dann eben Fortschritt ohne Demokratie.
Aber weht Euch nicht manchmal, spät, wenn das Weinglas sich leert und die Nacht sich rundet, der Gedanke an, daß der „Fortschritt“, dem Ihr Euch so fest verpflichtet fühlt, der Fortschritt in die großen Dystopien des 20. Jahrhunderts sein könnte?
Und daß es zur Besinnung über diese Fragen ratsam sein könnte, das eigene, vom Trommelfeuer der Agenturen zugedröhnte Ohr zu öffnen für so überaus kluge, weitsichtige Köpfe wie Rolf Peter Sieferle.

Ich weiß, Du hast ja vorsichtig damit begonnen….

mit wiederholtem Dank dafür und besten Grüßen

Thomas Hoof

› Hier finden Sie den obenstehenden Text als PDF-Datei.

› Mehr zu Rolf Peter Sieferle und seinem Werk lesen Sie hier.

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