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Epigonaler Antifaschismus

Epigonaler Antifaschismus
Von Manu Scriptum vom 4. August 2016 ...

Dieser Aufsatz ist zuerst in der Zeitschrift »Tumult. Vierteljahresschrift für Konsensstörung« (Ausgabe Frühjahr 2016) erschienen. Wir danken Tumult für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung des Aufsatzes auf unserer Internetseite.


von Peter Furth

Seit geraumer Weile ist die linke Intelligenz in großer Verlegenheit. Kommunismus und Sozialismus haben, wenn überhaupt, nur noch pragmatische Bedeutung. Der charismatische Zauber, sie könnten ein Jenseits des Kapitalismus sein, ist dahin. Das hat Rückwirkungen auch noch auf die Ideen der Bürgerlichen Revolution und die Ideo­logie des Fortschritts überhaupt. Das ganze Weltanschau­ungsgefüge der Moderne ist davon in Mitleidenschaft gezogen. Die Entzauberung des Sozialismus und des Kommunismus gehört in die Dialektik der Aufklärung und ist mit Nietz­sche gesprochen eine wichtige Etappe in der Vollendung des Nihilismus. In dieser Situation bekommt der Antifaschismus eine eigentümliche weltanschauliche Bedeutung.

Anfangs nur eine Seite an verschiedenen politischen Welt­anschauungen, sozusagen das kleinste gemeinschaftliche Vielfache linker Parteien, ihr Volksfrontnenner, nimmt der Antifaschismus nun die Gestalt einer selbständigen Welt­anschauung an. In dieser Gestalt ist der Antifaschismus nicht mehr kommunistisch oder sozialdemokratisch oder liberal oder katholisch etc., er ist damit auch nicht mehr ökonomisch oder soziologisch oder theologisch begründet, er ist nur noch moralisch, ist also so etwas wie die politische Verkörperung unbedingter Moral. In dieser Form, als die Weltanschauung eines unbedingten Moralismus, hat der Antifaschismus in der Situation der aktuellen Sinnkrise die Rettungsrolle zugesprochen bekommen.

Die Rousseausche Seele des politischen Moralismus, das Pathos vom guten Menschen, galt schon immer als erhaben über den analytischen Nihilismus. Der Antifaschismus scheint dafür den Beweis antreten zu können. Denn er bezieht sich auf Phänomene, die der Entzauberung entzogen und die auch für den Vorwurf expressionistischer Sentimentalität unerreichbar sind. Für diese Phänomene steht Auschwitz, und damit ist nicht der Name eines empirischen Geschehens, sondern der Name eines Absoluten gemeint. Das hat sich im Historikerstreit gezeigt. Mit der Einzigartigkeit des Auschwitz-Verbrechens stand nicht ein historischer Gegenstand oder ein historisches Thema zur Diskussion, sondern das Fundament einer Weltanschauung.

Auschwitz ist das Geschichtszeichen einer negativen Theodizee, ist Name für das äußerste Opfer, dessen Erkenntnis über Untergang oder Rettung entscheidet. Für den Antifaschismus als Weltanschauung hat Auschwitz also die Funktion einer negativen Offenbarung, die ein Unbedingtes zur Verfügung stellt, das enttäuschungs­fest ist, weil es über alle historische Relativierung hinaus ist. Mit der Erscheinung des absolut Bösen in Auschwitz ist die Geschichte für den Antifaschisten in eine Wendung gekommen, die ganz radikal aufgefaßt werden muß. Entweder ist nach Auschwitz alles Entstandene wert, daß es zugrunde geht, oder wir erkennen, daß das absolut Böse in Auschwitz, ohne es zu wollen, die reine Menschlich­keit hervorgebracht hat, dann haben wir die entfremdete Vorgeschichte überwunden und sind in der wahren, der eigentlichen Geschichte, angekommen.

Die richtige Erkenntnis der Einzigartigkeit des na­tionalsozialistischen Verbrechens ermöglicht also dem Antifaschisten einen moralischen Gewinn, der so unermeß­lich ist wie das Böse, zu dem er in Gegensatz tritt. Lange Jahre erschien dieser Gewinn unverlierbar sicher. Das Aufkommen eines Widerstandes gegen die etablierte Ge­schichtsauffassung stellt ihn nun aber in Frage. Denn dieses Faktum muß dem Antifaschisten wie das Dementi seiner Fortschrittsgeschichte erscheinen.

Was ist das, was das absolut Böse in Auschwitz zur Erscheinung bringt? Es ist das unbedingte, reine Opfer. An diesem unbedingten, reinen Opfer sind zwei Be­stimmungen wesentlich, erstens die Unschuld und zweitens die Ohnmacht. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Opfer und Schuld. Es gibt nichts an den Opfern, das ihr Schicksal verständlich machen könnte. Opfersein ist das reine Unschuldigsein; gegenüber dem absolut Bösen ist es das absolut Gute. Reduziert auf die reine Menschlichkeit sind die Opfer zur Ohnmacht verurteilt. Es war Hannah Arendt, die diese Spur legte, die schließlich für den Antifaschismus maßgeblich wurde. Sie schrieb 1946 an Karl Jaspers:

»So unschuldig wie alle miteinander vor dem Gas­ofen waren (der widerwärtigste Wucherer nämlich so unschuldig wie das neugeborene Kind, weil kein Verbrechen eine solche Strafe verdienen kann), so unschuldig sind Menschen überhaupt nicht. Mit einer Schuld, die jenseits des Verbrechens steht, und einer Unschuld, die jenseits der Güte oder der Tugend liegt, kann man menschlich-politisch überhaupt nichts anfangen.«

Das aber ist genau geschehen.

Die Antifaschisten können das Menetekel Auschwitz nur so lange bannen, wie es ihnen gelingt, Auschwitz im Modell der optimistischen Tragödie zu deuten, so erscheint es jedenfalls den Antifaschisten. Sie verstehen Auschwitz als Beweis für die Hoffnung, daß die Letzten die Ersten sein werden, wobei sie die Funktion haben, diesen Beweis wahr zu machen. Nach diesem Modell steht die Gesellschaft, die man für Auschwitz verantwortlich machen kann, unter dem Zwang der Reinigung. Aber dieser Zwang ist auch die Chance der Neugründung. Allerdings erst dann, wenn diese Reinigung eine Selbstreinigung ist. Würde die Reinigung durch die Rache der Opfer betrieben, wäre sie nutzlos, denn sie wäre nur Vergeltung. Um der kathartischen Wirkung willen muß die Rache der Opfer durch die Täter oder ihre Nachfolger vollzogen werden. Sie haben freiwillig das Opfer ihrer Unschuld zu bringen, gleich ob ihre Unschuld nur auf einem Irrtum beruhte oder ob sie wirklich unschuldig sind. Aber von der Tragödie her wissen wir, daß die Katharsis den Zuschauern vorbehalten ist. Das antifaschistische Opfer der Unschuld muß also durch ein Handeln erbracht werden, in dem sich politische Aktivität und ästhetische Kontem­plativität vereinen. Verlangt ist also ein Handeln, an dem die Akteure als ihre eigenen Zuschauer teilnehmen; das ist ein Handeln, in dem alle Motive, Absichten und Ent­scheidungen unter den Verdacht einer möglichen Wieder­holung von Auschwitz gestellt werden und je nach dem Ausfall dieser Prüfung realisiert werden oder nicht. Nach diesem Modell wird von den Täternachfolgern ein Bewußt­sein erwartet, in dem Selbstanklage und Identifikation mit den Opfern reflexiv ineinander übergehen und sich gegen­seitig verstärken. Allerdings kann man die Anwendung des Tragödienmodells auf die antifaschistische Selbstreinigung auch anders verstehen.

Vorhin sagte ich, die kathartische Wirkung sei den Zu­schauern vorbehalten, aber diese Zuschauer fallen vielleicht gar nicht mit den Täternachfolgern zusammen, sondern sind andere als sie, sind diejenigen in Europa und in Amerika und Rußland, die glauben, Auschwitz nicht ver­antworten zu müssen und die nun wirklich überwiegend als Zuschauer an der Aufführung der antifaschistischen Tragödie im Sittlichen mit dem Selbstopfer der Unschuld teilnehmen. Die antifaschistische Selbstreinigung wäre dann eine Tragödie, durch die sich Täternachfolger nicht von Vergangenheit und Schuld befreien, sondern sie nur wiederholen. Die Katharsis beträfe also nur jene, die bisher schon frei von Schuld waren, und sie würde nur bedeuten, daß sie auch weiterhin frei von Schuld bleiben können.

Peter Furth, geboren 1930, studierte ab 1949 Philosophie und Soziologie in Berlin und Frankfurt am Main. Peter Furth war unter Theodor Adorno Mitarbeiter am Frankfurter Institut für Sozialforschung. 1954 wurde er an der Freien Universität Berlin Assistent von Hans-Joachim Lieber. 1973 wurde Peter Furth Professor für Sozialphilosophie an der Freien Universität Berlin. Im Landt Verlag erschienen seine Bücher »Troja hört nicht auf zu brennen. Aufsätze aus den Jahren 1981-2007« (2008) und »Massendemokratie. Über den historischen Kompromiß zwischen Liberalismus und Sozialismus als Herrschaftsform« (2015).

Wie kommt es zu dem Pathos, mit dem Antifaschisten heute, Jahrzehnte nach dem Faschismus, auftreten? Sie nehmen eine erhabene Solidarität in Anspruch. Sie solidarisieren sich nachträglich mit den Opfern; diese Solidarisierung wirkt aber auf sie selbst zurück. Vorder­gründig ist die Solidarisierung eine Identifikation mit den Opfern. Sieht man genauer hin, dann zeigt sich aber, daß dabei auch die altbekannte Identifikation mit dem Aggressor im Spiel ist. Denn die Opfer von damals sind nicht geblieben, was sie waren, ohnmächtig und unschuldig, heute sind sie in Repräsentanten gegenwärtig, die nur allzu mächtig sind und im Kampf um die Erdherrschaft nicht schuldlos bleiben können.

Was ist der latente Sinn der antifaschistischen Identifikation mit den Opfern des Holocaust? Es ist eine Identifikation mit Märtyrern, durch die man in den Besitz dessen kommt, wofür sie stehen. Es ist eine Identifikation des Mitleids, aber dahinter auch eine der Macht. Denn in dieser Identifikation geht es um die fundamentale Eigenschaft des Opfers, sein absolutes Gutsein. Nur das Verhängnisvolle ist, daß sich das absolut Gute, nämlich die Identität von nichts als Menschsein und Opfersein, nur dann in eine weiterführende Erbschaft transformieren läßt, wenn es sich im ständig wiederholten Vollzug der Rache der Opfer realisiert. Die ständige Präsenz der Rache, die immerwährende Drohung der Erynnien ist die antifaschistische Erinnerung. Sie ist Rache, weil sie den Ausschluß der Täter aus der von Auschwitz befreiten Menschheit bewirken soll. Das Angekommensein in der durch die Auschwitz-Katastrophe gewendeten Geschichte bleibt also für die Antifaschisten verbunden mit der aus­schließenden Tätigkeit, dem Stigmatisieren, das Merkmal der Vorgeschichte war. Das bedeutet, wenn ein absolut Böses nicht erkennbar ist, müssen Täter, die es repräsentieren können, produziert werden. Diese Produktion zeigt sich im inflationären Gebrauch des Wortes Faschismus und zeigt sich auch in dem Fanatismus, der den Gebrauch dieses Wortes begleitet.

Von der Erinnerung an Auschwitz und von der Identifikation mit den Opfern des nationalsozialistischen Verbrechens erhofft sich der Antifaschist eine kathartische Wirkung, die eine Neugründung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland ermöglichen soll. Durch Identifikation mit den Opfern entsteht für den Antifaschisten ein neuer Citoyen, von dem ein neues Gemeinwesen aus­gehen kann. Welche Züge trägt dies Gemeinwesen, das aus dem antifaschistischen Opfer der Unschuld her­vorgeht? Durch die Identifikation mit den Auschwitz- Opfern werden gewisse Grundstrukturen festgelegt. Die unbedingte reine Menschlichkeit der Auschwitz-Opfer muß in der Gestalt des neuen Citoyen wiederkehren. Aber kann unbedingte reine Menschlichkeit überhaupt jenseits der Situation des Opferseins, also in normalen alltäglichen bürgerlichen Verhältnissen, eine bestimmte politische Gestalt annehmen? Eigentlich kann der Citoyen, der aus der Identifikation mit den Nazi-Opfern hervorgeht, nicht mehr der Bürger eines bestimmten Staates oder das Mit­glied einer bestimmten Nation sein. Sein Citoyensein greift höher und darf durch keinen Rest von Partikularität mehr beschränkt sein. Seine Selbstbestimmung erkennt keine politischen Grenzen mehr an. Sie ist wahrhaft universal. Sie erkennt nur ein Subjekt an, in dem Moral und Politik zusammenfallen. Das ist das Subjekt Menschheit. Mit Auschwitz ist also für den Antifaschisten, und das heißt hier immer für den deutschen Antifaschisten, die Zeit des politischen Citoyen vergangen. Für die kathartische Erinnerung an Auschwitz ist der politische Citoyen auf­zuopfern, damit aus seiner Asche der moralische Citoyen hervorgehen kann. Für den Antifaschisten ist also mit Auschwitz die Nation untergegangen. Der neue Citoyen repräsentiert eine versöhnte übernationale Menschheit. Damit ist aber die Versöhnung, für die er steht, nicht grenzenlos. Wo er nämlich den Zumutungen nationaler Solidarität begegnet, verliert er rasch alle Versöhnlichkeit.

Dieser Aufsatz wurde im Jahr 1990 verfasst. Die Redaktion der Zeitschrift »Tumult« bemerkte anläßlich der Verööfentlichung, dass es zu denken gebe, dass er seine Triftigkeit und Aktualität uneingeschränkt bewahrt habe.