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Die prinzipiellen Disharmonien der Moderne

Die prinzipiellen Disharmonien der Moderne
Von Stefan Flach vom 16. April 2020 ...

Von Felix Menzel


In Rolf Peter Sieferles Werk über die Fortschrittsfeinde tauchen zwei Schlüsselbegriffe auf, die für Diskussionen der Gegenwart von höchster Relevanz sind. Der Universalgelehrte schildert, welche „prinzipiellen Disharmonien“ die Aufklärung hervorgebracht habe und warum wir uns einer „Kontraproduktivitätsschwelle“ nähern, die eine Wende von außerordentlicher Tragweite einläuten könnte.

Zur Visualisierung der Geschichte der industriellen Zivilisation wählt Sieferle aber zunächst das Bild eines um Balance ringenden „Motorradfahrers, der solange nicht umkippt, wie die Maschine läuft“. Er könne die Balance auch in schwierigen Kurvenkombinationen halten, weil die „technische Kompetenz“ der Maschine ständig verbessert werde und der Fahrer noch jung sei. Jugend bedeutet in diesem Zusammenhang das Vorhandensein einer „Vielfalt unberührter (natürlicher und normativer) Schätze auf der Erde“, womit Sieferle auf die Endlichkeit der notwendigen Ressourcen für das Industriesystem anspielt.

Deshalb befinde sich der alternde Motorradfahrer „in einem mörderischen Wettlauf“. Ständig müßten neue ideelle und materielle Ressourcen gefunden werden, bevor die alten versiegen. Aufbauend darauf beginnt Sieferle herauszuarbeiten, wie kläglich die Versprechungen der Aufklärung scheiterten. Die freie Entfaltung aller gesellschaftlichen Kräfte habe nicht zu natürlicher Harmonie geführt, sondern im Gegenteil: Die Romantik beklagte, daß Modernisierung und Industrialisierung die kosmische Ordnung störten. Der Antrieb dazu kam hauptsächlich aus der Poesie, Religion und Philosophie.

Die Ideale der Aufklärung waren zudem bereits in der Französischen Revolution in sich zusammengebrochen. Diejenigen, die sich am eifrigsten auf „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ beriefen, stellten sich als die gnadenlosesten Schlächter heraus. Ebenfalls war das neue System entgegen der Versprechungen liberaler Vordenker nicht in der Lage, die Armut zu besiegen.

Diese drei Punkte bezeichnet Sieferle als „prinzipielle Disharmonien“, da sie exemplarisch belegen, wie weit Ideal und Wirklichkeit im frühen 19. Jahrhundert auseinanderklafften. Die Manchester-Liberalen hätten darauf mit der Forderung reagiert, Aufklärung, Kapitalismus und bürgerliche Freiheiten zu vollenden. Ihnen zufolge seien die Disharmonien „Reste eines überholten Zustandes“. Die romantische Kapitalismuskritik und der utopische Sozialismus Marxscher Prägung sahen hingegen die Notwendigkeit der Überwindung des aktuellen Systems.

Eine Mittelposition nahmen schließlich die „Sozialkonservativen“ ein, wie Sieferle sie nennt. Sie entwickelten ausgehend von den unwiderlegbaren Mängeln des Kapitalismus eine korrigierende Politik, die auf eine soziale Marktwirtschaft abzielte und als einziges Ideenkonstrukt den Praxistest bestand. Dies konnte gelingen, weil Konservative die Unvollkommenheit aller gesellschaftlichen Systeme als unumstößliche Voraussetzung anerkennen, statt sie wie Liberale und Sozialisten zu leugnen.

Welche fatalen Folgen es hat, wenn man dies bis heute nicht einsehen will, zeigt die aktuelle Debatte um die wirtschaftspolitische Ausrichtung der AfD. Es wäre die Aufgabe der patriotischen Opposition in Deutschland, die Stärke der Position der Sozialkonservativen zu betonen. Wer indes einen Graben zwischen der „sozialpatriotischen“ und „liberal-konservativen“ Strömung schaufelt, verkennt die intellektuellen Leistungen vieler deutscher Geistesgrößen, die das vermeintliche Dilemma der AfD längst gelöst haben. Es lohnt sich also auch heute noch, die Bücher von Wilhelm Heinrich Riehl, Wilhelm Röpke und Leopold Kohr zur Hand zu nehmen. Das Besondere an all diesen Ansätzen ist, daß sie versuchen, Antworten auf die prinzipiellen Disharmonien der Moderne zu finden, ohne Tabula rasa zu spielen.

Genau das faszinierte Sieferle anscheinend und er erachtete diesen typisch deutschen Zug wohl als Basis, um sich eine Ordnung nach dem Ende des industriellen Zeitalters vorstellen zu können. Denn trotz seiner durchgängigen Bemühung um die gebotene Objektivität eines Historikers äußert er sich dann doch sehr klar zu seinen politischen Befürchtungen und Zukunftsaussichten. Sieferle schreibt dazu ziemlich am Ende seines Buches: „Das progressive Paradigma erlosch, als das Industriesystem an seine Kontraproduktivitätsschwelle stieß. Zwar gibt es noch immer die Unentwegten, die darauf pochen, das ‚Projekt der Moderne‘ sei eben noch nicht vollständig ausgeführt, doch schrumpft die Überzeugungskraft dieses Arguments rapide. Die Moderne entläßt ihre Kinder.“

Zugegeben: Diese Prognose war Mitte der 1980er-Jahre verfrüht und könnte es sogar heute noch sein. Außerdem entsprach sie dem damaligen Zeitgeist auf Seiten der Linken. Dennoch ist die Suche nach möglichen „Kontraproduktivitätsschwellen“ ein wichtiges Analysetool, um gesellschaftliche Umbrüche erkennen zu können.

Mit dem bereits erwähnten Leopold Kohr (Die überentwickelten Nationen) gesprochen, hat unsere globalistische Gesellschaft eine Größe erreicht, die in keinem gesunden Verhältnis mehr zu den zu erfüllenden Funktionen steht. Ihre Größe erweist sich vielmehr vermehrt als ein Hindernis, z.B. wenn es darum geht, eine Pandemie einzudämmen. Nur wenn man diese Risiken konsequent ausblenden kann, ist die globalistische Gesellschaft effektiv. Muß man dagegen diese Risiken und Gefahren der Vernetzung berücksichtigen, wäre es ratsam und vermutlich auch effektiv (!!!), auf kleinere Strukturen zu setzen.

Natürlich wird jetzt versucht, diese für das Establishment vernichtende Erkenntnis mit einigen Billiönchen aus der Druckerpresse zu vertuschen. Doch wie lange geht das noch gut?


Fortschrittsfeinde?
Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart.

Gebundene Ausgabe, 494 Seiten

Die Frage des Fortschritts und der Opfer, die er fordern darf, wird zu allen Zeiten immer wieder neu verhandelt. Den Annehmlichkeiten der Technik und des Wohlstands, die dem Fortschritt zugeschrieben werden, werden dann der Verfall der Sitten, die Ödnis der gleichgeschalteten Welt oder der Raubbau an der Natur und die der Technik innewohnenden Gefahren entgegengehalten. ...mehr

Bild: Alfred Rethel (1816-1859), Die Harkortsche Fabrik auf Burg Wetter (Westfalen)