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Unser Naturführer: Der Grupe

Unser Naturführer: Der Grupe
Von Manu Scriptum vom 29. Juli 2016 ...

Naturführer unterliegen heute (wie fast alle Medien) dem strengen Zwang zum bunten Bild und präsentieren sich deshalb in der Regel mit viel Photo und wenig Text – so als wollten und sollten sie das Bedürfnis zu sehen nicht etwa wecken, sondern bequemlichkeitshalber und ersatzweise gleich selbst befriedigen.

Heinrich Grupes unvergleichlicher »Naturkundlicher Wanderführer« ist in den sechziger Jahren zum letzten Mal erschienen, und das war – Jürgen Dahl erwähnt es in seinem Vorwort – etwa die Zeit, in der der Biologieunterricht der Schulen sich von Scharbockskraut und Turmfalke ab- und der Desoxyribonukleinsäure zuwandte – was der biochemischen Bildung zwar nicht sonderlich zuträglich war, dafür aber dem Bestand an naturkundlichem Alltagswissen recht abträglich.

»Der Grupe« ist also kein Bilderbuch; er ist aber auch keines jener »Bestimmungsbücher«, mit deren Hilfe man mehr oder minder mühsam anhand von Blütenfarbe und Blattständen die Linnésche Systematik zu durchklimmen lernt.

Es ist vielmehr ein Wanderbuch, das einen so begleitet, wie ein alter, sehr erfahrener Naturfreund das tut. Es lehrt einen sehen, indem es die Aufmerksamkeit immer wieder auf Übersehenes lenkt; es lehrt einen fragen, und es gibt Antworten, die weitere Neugier wecken. Etwa: Welches Tier fraß an diesem Zapfen? Welches Tier wohnt in diesem Bau? Wie alt ist diese Fichtenschonung? Wie erkennt man Bäume und Sträucher im Winter?

Wo es bestimmen hilft, da tut es das mit der gleichen didaktischen Souveränität: Ein Vogel, der auf einer Lichtung im Fliegen singt? (Nicht schwer; es kommen nur vier in Frage: Baumpieper, Grasmücke, Girlitz oder Lerche – und die sind leicht zu unterscheiden.)

Der Gebrauchsnutzen des Buches ist ungewöhnlich und mit heutigen Naturführern gar nicht zu vergleichen, sein Gehalt an leicht nutzbaren Informationen ist für den Laien unausschöpflich; und darüber hinaus weckt es Wißbegier und Fragelust und lockt mit geradezu magischer Verführungskraft den notorischen Stubenhocker im Wortsinn hinterm Ofen vor (und – das gleiche zeitgemäßer – den Dauersurfer aus dem Netz).