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Das Diktat der Modernität

Das Diktat der Modernität
Stefan Flach 25. Juli 2019

Von Felix Menzel


Es mag manchen Leser überrascht haben, wie vehement sich Alexander Gauland in seiner Anleitung zum Konservativsein von der „Konservativen Revolution“ abgrenzte. Diese sei ein „Krisenprogramm, das mit den konservativen Grundüberzeugungen vom Bewahren und Anpassen nichts mehr zu tun“ habe, da mit „absolutistischer Gegenaufklärung“ gearbeitet werde und ein „erhaltender Umsturz“ zudem „eine logische Unmöglichkeit“ sei.

Wer ergänzend zu Gauland Die Konservative Revolution von Rolf Peter Sieferle studiert, wird dieses harte Urteil vermutlich nachvollziehen können, selbst wenn er gewisse Sympathien für Autoren wie Oswald Spengler, Ernst Jünger und Edgar Julius Jung hegt. Denn Sieferle dringt bis zur alles entscheidenden Frage vor: Was ist eigentlich modern? Und müssen Konservative unbedingt modern sein bzw. zumindest so wirken, um politische Erfolge erzielen zu können?

Auch heute noch müssen sich Konservative anhören, es gelinge ihnen nicht, ihre Inhalte ansprechend zu verpacken und für das Volk so aufzubereiten, daß dieses sich zu einer enthusiastischen Bewegung formiert. Von daher ist Sieferles Beschäftigung mit der Modernität um so wichtiger. Er insistiert, was man darunter verstehe, sei ausschließlich von der „politisch-ideologischen Position“ abhängig.

Ein neutraler Beobachter kann nicht sagen, was denn nun „moderner“ ist: Atomkraft oder Windenergie? Emanzipation, Unabhängigkeit und Eigenverantwortung oder die Fürsorge eines Nanny-Staates? Ist es modern, sich von Emotionen leiten zu lassen oder handelt es sich bei diesem „modernen“ Phänomen um einen unvernünftigen Rückfall in das Zeitalter vor der Aufklärung?

Die Liste ließe sich seitenlang fortsetzen: Die Beliebigkeit gegenüber dem Leben, die alle biopolitischen Debatten der Moderne kennzeichnet, ist in den Augen der einen medizinischer Fortschritt und in den Augen der anderen eine Aushöhlung der zivilisierenden Errungenschaften der Menschenrechte.

Ähnlich verhält es sich beim Umweltschutz. Ob der Kampf gegen das Insektensterben eine Mode-Erscheinung im Zuge der Klima-Hysterie ist, Bestandteil eines im besten Sinne bewahrenden Programms oder pure Nostalgie nach einer utopischen Welt der Vergangenheit, die so nie existierte, ergibt sich einzig und allein aus der eigenen Perspektive.

Sieferle entlarvt damit, daß „Modernität“ ein weitestgehend unbestimmter, inhaltsleerer Begriff ist, der jedoch anzeigt, wie die Deutungsmacht in einer Gesellschaft verteilt ist. „Wer definiert, was als modern zu gelten hat, kann seine spezifischen Zukunftsvorstellungen als natürlich, als selbstverständlich, als vom Geschichtsprozeß selbst gedeckt ausgeben, während die gegnerische Position mit dem doppelten Makel des Unzeitgemäßen und Illegitimen ausgestattet wird“, betont der Universalgelehrte.

Wie Panajotis Kondylis exzellent nachgezeichnet hat, ließen sich davon zuerst die Liberalen beeindrucken. Als Reaktion auf die Popularität der Sozialisten spalteten sie sich Ende des 19. Jahrhunderts in Alt- und Neoliberale auf. Der Kampf für Föderalismus, bürgerliche Freiheiten und die Interessen des Mittelstandes erschien den Neo-Liberalen als zu altbacken und Ursache eigener Mißerfolge. Sie stellten sich deshalb lieber blind an die Spitze des Fortschritts, gaben sich einer inhaltlichen Beliebigkeit hin und forcierten immer größere Institutionen, statt weiter für dezentrale Strukturen zu streiten.

Konservative wie der von Sieferle portraitierte Hans Freyer wiederholten diesen Fehler in der aufgewühlten Stimmung der Weimarer Republik. Freyer orientierte sich vor dem Ersten Weltkrieg zunächst an der Lebensreformbewegung und machte danach eine revolutionäre Phase durch, die 1935 mit einem „postrevolutionären Realitätsschock, der keinem Revolutionär erspart bleibt“ (Sieferle), endete. Dies verhalf ihm zu der Einsicht, daß „ihrem endgültigen Sinne nach (…) alle Politik konservativ“ ist.

Trotzdem bleibt sein konservativ-revolutionäres Gedankengut aufschlußreich. So ging Freyer etwa von einem „Subjektwandel der Revolution“ aus. Die Arbeiterklasse habe sich mit der bürgerlichen Gesellschaft versöhnt, wozu wesentlich der von Bismarck begonnene Aufbau sozialer Sicherungssysteme beigetragen habe. Da das Volk im Kapitalismus als eigenständiger Akteur nicht vorkomme und somit ausgeschlossen werde, könne es womöglich die Rolle der alten Arbeiterklasse übernehmen, spekulierte Freyer.

Im Hinblick auf Osteuropa und das aktuelle Protestpotential in den Neuen Bundesländern scheint sich diese Analyse im 21. Jahrhundert zu bewahrheiten. Diejenigen, die sich noch als Angehörige eines Volkes fühlen, stehen heute in der Tat den politischen, medialen und ökonomischen Eliten des Globalismus gegenüber – und sie sind die letzten, die noch die Systemfrage stellen.

Sie wollen das alte System des demokratischen Nationalstaates bewahren und widersetzen sich der Tendenz, ihn schleichend zugunsten supranationaler, postdemokratischer Gebilde abzuschaffen. Im Gegensatz zu den Vorstellungen Freyers in seiner revolutionären Phase will das Volk also Sicherheit und kann mit ambitionierten Entwürfen für eine neue Zeit wenig anfangen.

Letztendlich ist dies beruhigend, denn ein Gemeinwesen, das sich nur noch von Stimmungen leiten läßt, ist auf Sand gebaut. Fordern die Bürger dagegen den Staat dazu auf, endlich wieder als Ordnungsmacht aufzutreten und von der Experimentiererei zum gesunden Menschenverstand zurückzukehren, öffnet sich die Tür für eine wahrhaft konservative Wende.

Diese würde bedeuten: Das zu tun, was getan werden muß, und nicht länger das, was temporär als opportun erscheint. Oder anders ausgedrückt: Erst die Überwindung des Diktats der Modernität ermöglicht Staatspolitik.

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