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Anmerkungen zur Marx-Debatte

Anmerkungen zur Marx-Debatte
Stefan Flach 27. Juni 2019

Von Felix Menzel

Als das ZDF im Jahr 2003 seine Zuschauer befragte, wer „der größte Deutsche“ sei, votierten 500.000 Menschen für Karl Marx. Er kam damit auf Platz drei hinter Konrad Adenauer und Martin Luther. Bemerkenswert war insbesondere, daß Marx in allen Neuen Bundesländern die Spitzenposition errang, obwohl die allermeisten derjenigen, die da abstimmten, den real existierenden Sozialismus miterleben mußten.

Wie intensiv ihre Zuneigung zu Marx ist, bleibt eine widersprüchliche Angelegenheit. Noch vor der Deutschen Einheit sprachen sich in einer Volksabstimmung 76 Prozent der Chemnitzer für die Rückumbenennung ihrer Stadt aus, die seit 1953 Karl-Marx-Stadt hieß. Das klingt nach einem überwältigenden Votum. Doch im Stadion des Fußballdrittligisten Chemnitzer FC wird teilweise noch heute inbrünstig der FC Karl-Marx-Stadt bejubelt. Retro-Trikots gibt es natürlich auch.

Die Erklärung für diesen Stolz auf Marx fällt dabei immer ähnlich aus: Sein Werk enthalte viele gute Absichten, die nur falsch umgesetzt wurden. Das ist eine weitverbreitete Ansicht unter den Bürgern der ehemaligen DDR, die trotzdem immer wieder betonen, wie grausam der Marxismus-Leninismus-Unterricht in der Schule und Universität war.

Es liegt somit der Schluß nahe, daß Marx gewissermaßen als Codewort fungiert. Wer über ihn mehr oder weniger kenntnisreich spricht, bringt ein soziales Bewußtsein zum Ausdruck, das häufig darum kreist, daß Sorgen der einfachen Leute mehr Beachtung erhalten sollten. Politische Indoktrination mit Marx wird deshalb abgelehnt, während zugleich das Gefühl geteilt wird, er habe im großen und ganzen richtig gelegen. Gleich vorweg: Rolf Peter Sieferle bestätigt dieses allgemeine Volksempfinden. Insgesamt sei „das Ergebnis gar nicht so schlecht für einen Theoretiker des 19. Jahrhunderts“, konstatiert er klug abwägend.

Marx war also nie weg. Das suggerieren nur Publizisten, die meinen, ihn neu erfinden zu können, aber eigentlich daran interessiert sind, über das richtige Codewort ihre eigenen Ansichten zu transportieren. Im Kapitel über den Marxismus spricht Sieferle dieses Phänomen auch an. Es ist omnipräsent, weil die meisten geistes- und sozialwissenschaftlich geschulten Intellektuellen mangels ökonomischer Bildung den Kapitalismus mit recht kitschigen Vorstellungen überwinden wollen (vgl. Roland Baader: Totgedacht: Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören). Sie versuchen sich eine ökonomische Theorie zusammenzubasteln, mit der sie ähnlich wie Marx die zwingende Logik eines anstehenden Umbruchs begründen können. Dieses revolutionäre Pathos in Kombination mit ausreichend Empörung über soziale Mißstände ist durchaus ein brauchbares Rezept für einen Bestseller, wie Slavoj Zizek, Jean Ziegler und andere Verkaufsprofis wissen.

Daß Marx als Codewort inzwischen auch von Vertretern der Neuen Rechten benutzt wird, hat dagegen andere Gründe: Spätestens seit dem Weltrettungsversuch von 2015 fragen sich die kleinen Leute zu Recht, warum eine moralische Pflicht zur Solidarität mit Wirtschaftsflüchtlingen bestehen soll, wenn unserer Regierung angeblich schon das Geld fehlt, um in Pflegeheimen menschenwürdige Bedingungen für unsere Großeltern zu gewährleisten.

Soziale Gerechtigkeit ist deshalb wie selbstverständlich ein bedeutendes Thema für die patriotische Opposition geworden. Doch es lauern auf diesem Gebiet etliche Fallen: Ethisch ist es zum Beispiel sehr einfach, einen Mindestlohn zu rechtfertigen. Ökonomisch betrachtet, ergibt sich indes ein anderes Bild. Denn 50 Prozent der armutsgefährdeten Personen in Deutschland sind Rentner, Arbeitslose, Selbständige sowie ihre Kinder. Ein Mindestlohn bewirkt für sie einzig und allein höhere Preise in Folge der gestiegenen Lohnkosten der Unternehmen. Der Mindestlohn verschärft damit für diese Gruppe die Armutsgefahr weiter.

Viele Marxisten erkennen zuweilen an, daß die fortschrittliche Geschichtsphilosophie ihrer Ikone nicht in Erfüllung ging. Dennoch insistieren sie auf die Gültigkeit der von Marx entdeckten Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie, die – so fügen sie selbstbewußt hinzu – „aktueller denn je“ seien. Damit gemeint ist unter anderem die Beobachtung, wonach für Unternehmer ein Mehrwert nur durch die Ausbeutung der Angestellten entstehen könne.

Diese Theorie wird sogar in den Schulen gelehrt und klingt zunächst schlüssig. Der Kapitalist läßt einen Stuhl bauen. Um einen Anreiz dafür zu haben, muß er einen Gewinn erzielen. Das heißt jedoch, daß der Arbeiter nicht den vollen Wert des Stuhles als Lohn ausgezahlt bekommen kann. Folglich wird er ausgebeutet. Ist das so einfach?

Sieferle prüft dieses Argument gründlich und widerlegt es. Zu einer Ausbeutung könne es immer nur temporär kommen, da eine langfristige Übernutzung der Arbeitskräfte Gesundheitsschäden verursache und die Motivation verringere. Der dadurch ausgelöste Arbeitskräftemangel führt zu steigenden Löhnen.

Nur unter einer Bedingung kann damit ein Mehrwert durch Ausbeutung erzielt werden. Wenn durch Überbevölkerung oder Einwanderung ständig neue Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen, die auf Kosten der Allgemeinheit integriert und ausgebildet werden, kann sich eine verantwortungslose Beutewirtschaft frei bedienen und dabei Gewinne privatisieren, aber die Kosten auf den Staat abwälzen.

Zwar hat die deutsche Regierung diesen Sonderweg derzeit tatsächlich eingeschlagen. Trotzdem handelt es sich um keine Gesetzmäßigkeit. Denn, so Sieferle: „Ein Extraprofit kann nur dadurch entstehen, daß ein Konkurrent einen unterdurchschnittlichen Profit macht.“ Der „Wettlauf der Kapitalisten“ um die beste Faktorkombination aus Arbeit, technischem Fortschritt und Marktpositionierung ist daher das wesentlichste Kennzeichen unserer Wirtschaftsordnung.

Sieferle schlußfolgert deshalb: „Der Kapitalismus hat sich von einer parasitären Ausbeutungsordnung in eine Wachstumsmaschine verwandelt, und dies unterscheidet ihn fundamental von allen früheren ökonomischen Gesellschaftsformationen.“ Wer den Kapitalismus kritisieren will – und das ist selbstverständlich nötig –, sollte also beim Hinterfragen des Wachstums ansetzen.

Anzuerkennen ist jedoch, daß eine planmäßige, vorgeblich vernünftige Steuerung der Wirtschaft den freien Kräften des Marktes unterlegen ist. Ebenso hat sich das „Primat der Politik“, das heute immer noch gern gefordert wird, als verheerend erwiesen, weil es eine „Klassenherrschaft von Funktionären“ hervorbringt.

Der Denkfehler, der hier vorliegt, kann indes vermieden werden, wenn zu konservativen Autoren des frühen 19. Jahrhunderts gegriffen wird. Statt die Subsysteme unserer Gesellschaft hierarchisch ordnen zu wollen, müssen sie in ein Gleichgewicht gebracht werden, betonten Denker wie Heinrich Leo und Friedrich Gentz. Das ist eine Aufgabe, die jede Staatsführung beherzigen sollte, auch wenn das Gelingen dieses Kunstwerkes unendlich schwierig ist.

Gentz notierte dazu: „So wie es in dem kunstreichen Ganzen, welches wir einen Staat nennen, ein Übermaß der Freiheit geben kann, so kann es allerdings auch ein Übermaß der Regierung geben. (…) Es ist aber ein Umstand von Wichtigkeit, daß man von den Exzessen der Regierung in der Regel leichter zu dem gerechten Maß zurückkehren kann als von den Exzessen der Freiheit.“

Auf unsere heutige Zeit übertragen, bedeutet das: Zu viel Staat läßt sich zähneknirschend ertragen und so wie 1989 mit friedlichen Mitteln zurückdrängen. Die von Globalisten angestrebte Grenzenlosigkeit beim Austausch von Waren, Kapital, Dienstleistungen und bindungslosen Menschen ist da die größere Bedrohung. Ihr sollten wir ein Primat der Nähe entgegenstellen, das unter anderem vorsieht, den Binnenhandel zu bevorzugen, wie es schon Adam Smith vorschlug.

Rolf Peter Sieferle: Karl Marx zur Einführung. Die Revolution in der Theorie von Karl Marx. 628 Seiten. Erhältlich seit dem 27. Mai 2019. Hier bestellen!