Siegfried Kohlhammer

Interview mit Siegfried Kohlhammer.

„Unterentwicklung ist keine bukolische Idylle“

Wir haben in den letzten Monaten bereits Gespräche mit Max Otte, David Engels und Peter J. Preusse geführt. Nun ist Siegfried Kohlhammer an der Reihe, der sich 25 Jahre nach seiner Studie Auf Kosten der Dritten Welt? noch einmal mit diesem Thema beschäftigte und eine Aktualisierung seiner Arbeit vorgenommen hat. Seine Grundthese hat sich dadurch nicht geändert, wohl aber gibt es spätestens seit 2015 noch mehr Gesprächsbedarf über die wirtschaftlichen Schwächen Afrikas, das rasante Bevölkerungswachstum sowie den von Entwicklungshilfe verursachten Nutzen bzw. Schaden.

Manuscriptum: Sehr geehrter Herr Kohlhammer, wenn wir in den Supermarkt gehen und dort eine Tafel Schokolade kaufen, erhalten dann alle, die an diesem Produkt mitgewirkt haben, aus Ihrer Sicht einen gerechten Lohn? Was halten Sie in diesem Zusammenhang von „Fair Trade“-Initiativen?

Siegfried Kohlhammer: Der „gerechte Lohn“ ist eine Form des „gerechten Preises“, denn Lohn ist der Preis der Arbeit. Rein ökonomisch gesehen ist ein gerechter Preis ebenso sinnvoll wie gerechte Temperaturen.

„Die Volkswirtschaftslehre kennt keine gerechten Preise. Sie geht vielmehr von einem Gleichgewichtspreis aus, der einen Ausgleich von Angebot und Nachfrage schaffen will“, heißt es bei Werner Lachmann. Er erklärt dazu weiter: „Nicht Gerechtigkeit zu schaffen, sondern den Markt zu räumen ist die ökonomische Funktion des Preises. Der Preis ist in der Volkswirtschaftslehre keine Funktion der Sittlichkeit, keine moralische Größe.“

Erst bei den Vorbereitungen zum Nachwort dieses Neudrucks stieß ich im Internet auf das Buch von Lachmann mit dem Titel „Leben wir auf Kosten der Dritten Welt?”. Es erschien erstmals 1986 und war mir lange gänzlich unbekannt. Das Buch lohnt auch heute noch die Lektüre, auch wenn manches – wie könnte es anders sein? – veraltet ist. Die Behandlung der „Frage nach den gerechten Preisen“ (S. 31 bis 40) etwa ist von vorbildlicher Klarheit und inhaltlicher Dichte!

Die Ausrichtung auf eine christlich-kirchlich orientierte Leserschaft hin führt ebenfalls keineswegs zu Verzerrungen und einseitigen Positionen, sondern verdeutlicht vielmehr, wie sehr jahrtausendealte christlich-kirchlich Werte und Theorien den Drittwelt-Diskurs von Anfang an mitbestimmt haben. Lachmanns Verneinung der im Titel seines Buches gestellten Frage ist somit eine kenntnisreiche Kritik dieser Tradition.

Freilich sind Preise selten rein ökonomisch bestimmt – politische und soziale Faktoren spielen bei der Preisbestimmung eine wichtige Rolle. Umgangssprachlich versteht man unter gerechtem Preis/Lohn/fair trade, daß die Arbeitenden für ihre Arbeit oder die Produkte ihrer Arbeit einen Preis erzielen, der ihnen und ihren Angehörigen ein ihren Anstrengungen angemessenes Auskommen und menschenwürdiges Dasein ermöglicht. Das ist ganz sicher in der Dritten Welt häufig – und nicht nur im Fall der Kakao-Produktion – nicht der Fall.

Würden die Arbeiter der Dritten Welt dieselben Löhne und dieselben sozialen Leistungen erhalten wie die der Industrieländer, wäre dies sicher nur gerecht – so wären sie aber nicht länger konkurrenzfähig: fiat iustitia, pereat tertius mundus (sinngemäß: Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe die Welt darüber zugrunde!).

Diesen Menschen in Form von fair trade-Initiativen zu helfen, ist gewiß lobenswert, aber es handelt sich dabei um eine Form der Wohltätigkeit, die negative Folgen haben kann, wie Paul Collier erklärt hat. Denn diese „Art Wohlfahrtstransfer“ bestärke die Empfänger, „weiterhin das zu tun, was sie tun“. Das bedeute: „Die Preiserhöhung (auch wenn sie unendlich klein ist, denn Fair Trade hat einen sehr kleinen Marktanteil) macht es für die Menschen schwieriger, in andere Bereiche zu wechseln. Sie bekommen Wohlfahrt, solange sie das anbauen, was sie in der Armut festhält.“

Im Nachwort zu Ihrem Buch Auf Kosten der Dritten Welt? spricht Rupert Neudeck von einem „großen Wurf“, der Ihnen gelungen sei. Trotzdem relativiert er Ihre These, wonach wir uns nicht an Afrika bereichern, und nennt als Beispiele Waffenverkäufe und Giftmüllexporte. Was sagen Sie zu dieser Kritik

„Die in Deutschland geführte Debatte zu Rüstungsexporten ist traditionell mit großen Emotionen, phantastischen Spekulationen und exorbitanten Tartarenmeldungen überladen“, heißt es in dem Aufsatz „Deutschlands Rolle im internationalen Handel mit konventionellen Waffen und Rüstungsgütern: Sind wir die ‚Waffenkammer der Welt‘?“ des Direktors des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel, Joachim Krause.

Diesem Aufsatz ist zu entnehmen, daß der Anteil der deutschen Kriegswaffenexporte 2006 bis 2016 am deutschen Gesamtexport nie über 0,22 Prozent hinausging. Von diesen Rüstungstransfers gingen 44,5 Prozent in Entwicklungsländer. In Rußland sind es 93 und in China stolze 100 Prozent.

Nun zu den Giftmüllexporten: „Giftmüllexporte nach Afrika sind illegal und gehören bestraft“, konstatiert Volker Seitz lakonisch. 1991 trat das Basler Übereinkommen über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung in Kraft, das 1994 verschärft wurde: Giftmüll darf nun nicht mehr in Nicht-OECD-Länder exportiert werden. Im Mai 2019 wurde ein globaler Pakt gegen den Plastikmüll geschlossen. „Die Flut von Kunststoffabfällen, die heute von den Industrieländern Europas und den USA in die Entwicklungsländer Afrikas und Asiens fließen, kann nun eingedämmt werden“, erklärte ein Greenpeace-Experte dazu.

Die deutschen Rüstungsexporte sind „zum Großteil Exporte von Kriegsschiffen“, die in den kriegerischen Auseinandersetzungen in Afrika nicht zum Einsatz kommen. Zu den hier wichtigen „Kleinwaffen“ wie Gewehren oder Pistolen schreibt Krause: „Zusammengenommen ist die Behauptung, Deutschland sei einer der weltweit größten Lieferanten von Kleinwaffen für Konflikte in Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten, Zentral-, Süd- und Ostasien oder Lateinamerika mit nichts zu belegen. Sie ist offenkundig falsch, eine fake news.“ Vielmehr könne man „mit Sicherheit feststellen, dass Deutschland keine Rolle bei der Waffenversorgung der Konfliktparteien in innerstaatlichen Kriegen spielt“. Generell beklagt Krause, daß „die in der rüstungskritischen Literatur aufgestellten Behauptungen einer empirischen Überprüfung nicht standhalten“.

Ein weiteres großes Problem stellt der Export von Elektroschrott in die Entwicklungsländer dar. Berüchtigt in diesem Zusammenhang ist die Agbogbloshie-Müllhalde als Recycling-Ort in Ghana. Dabei werden meist ausrangierte Computer, TV-Geräte, Handys etc. als angebliche Second-Hand-Waren ausgeführt, die nicht als Müll gelten. Wie weit nun all das zu unserem Reichtum beiträgt, weiß ich nicht zu sagen – mir sind keine Zahlen bekannt, die Aussagen dazu erlaubten.

Andererseits können der Import und die Entsorgung etc. von Müll „ein lukratives Geschäft“ sein. Einer Dokumentation des ZDF zufolge ist Deutschland „weltweit einer der größten Importeure von Sondermüll. Mehrere Millionen Tonnen dieser Abfälle werden jährlich nach Deutschland transportiert und hier recycelt, verbrannt und deponiert. Toxische Filterstäube und giftige Chemikalien: Fast jedes Land der EU exportiert meldepflichtigen Müll nach Deutschland. Auch aus Staaten wie Brasilien oder Ghana (!) wird Sondermüll importiert.“

Sollte es noch jemanden geben, der glaubt, daß unsere Müllexporte in die Dritte Welt dort eine unberührte Natur und blühende Landschaften zerstörten, dem sei ein Bericht von Simone Schlindwein für ntv vom 5. Juni 2018 aus Kampala ans Herz gelegt: „Der Großteil des Plastiks in den Weltmeeren stammt nicht aus Europa oder gar aus Deutschland (…) die Hauptproduzenten von Plastikmüll sind in Asien und vor allem in Afrika. (…) Deutsche Forscher des Helmholtz-Zentrums nahmen zehn Flüsse unter die Lupe, die besonders viel Plastik transportieren. Alle Flüsse liegen in Asien und Afrika.“

Ein Vierteljahrhundert nach dem erstmaligen Erscheinen Ihrer Studie haben Sie sehr ausführlich rekapituliert, was seitdem geschah und wie die wissenschaftliche Debatte über die Dritte Welt fortgesetzt wurde. In Anlehnung an Daron Acemoğlu und James A. Robinson empfehlen Sie dabei den ärmsten Staaten der Welt, auf funktionierende Institutionen zu achten. Dies läuft darauf hinaus, daß sie das westliche Erfolgsmodell kopieren sollen. Warum trauen Sie diesen Staaten keine eigenen Lösungen und keine Sonderwege zu? Und außerdem: Gibt es nicht so etwas wie ein „Recht auf Unterentwicklung“?

Natürlich soll man Erfolgsmodelle kopieren – seien es nun westliche oder östliche. Oder sollte man eher Mißerfolg kopieren? Mit dem Terminus kopierenwird eine Verächtlichmachung und Verurteilung zum Ausdruck gebracht, die völlig unangebracht sind.

In der Diskussion um entwicklungspolitische Modelle wurde einst der Orientierung am Westen die Losung Look East! entgegengestellt. Gemeint waren Japan, Taiwan und Südkorea. Darauf wurde zu Recht mit Look Everywhere! geantwortet. Ich traue diesen Staaten alles zu – auch eigene Lösungen und Sonderwege, aber warum sollten sie diese entwickeln? Die für wirtschaftliche Entwicklung notwendigen Schritte sind ja bekannt – die Schwierigkeit scheint darin zu bestehen, sie auch einzuleiten.

Ein „Recht auf Unterentwicklung“? Unterentwicklung ist keine bukolische Idylle, nicht das einfache Leben, würdevolle Schlichtheit und Bescheidenheit, ein großer Glanz aus Innen. Unterentwicklung ist für viele, manchmal für die meisten, Armut und Hunger, Seuchen und Krankheit, Rechtlosigkeit, Erniedrigung und Unterdrückung, fehlende schulische und berufliche Ausbildung, Obdach- und Arbeitslosigkeit usw. usf.

Gewiß sollten Völker und Stämme prähistorischer Kulturen wie etwa die in Papua-Neuguinea, Westpapua oder dem Amazonasgebiet in Ruhe gelassen werden, wenn sie das wünschen. Niemand hat das Recht, ihnen Entwicklung oder was auch immer aufzuzwingen. Insofern könnte man von einem Recht auf Nicht-Entwicklung sprechen, auf Beharren im prähistorischen Zustand. Aber ein „Recht auf Unterentwicklung“? Sie scherzen.

In den letzten Jahren setzte eine regelrechte „Völkerwanderung“ (Václav Klaus) nach Europa ein. Droht daher eine „Globalisierung des Südens“, d.h. die Ausdehnung der Verhältnisse auf der Südhalbkugel in den bisher noch reichen Norden?

Die Globalisierung des Südens in Ihrem Sinne „droht“ nicht nur, sie ist ja in manchen Stadtvierteln des reichen Nordens bereits Realität geworden – die Banlieues vieler französischer Großstädte liefern zum Beispiel Anschauungsmaterial dafür oder Duisburg-Marxloh und Teile von Berlin-Neukölln.

Herr Kohlhammer, vielen Dank für das Gespräch!

Siegfried Kohlhammer: Auf Kosten der Dritten Welt? Erweiterte Fassung der Originalausgabe von 1993. Hier bestellen!