Frank Lisson

Ein Gespräch mit Frank Lisson

„Wo ein Mythos nur noch um seiner selbst willen am Leben erhalten werden soll, wird Kultur zur bloßen Fassade.“

Mythos Mensch. Eine Anthropodizee heißt das neue, gerade bei Manuscriptum erschienene Buch des Philosophen Frank Lisson. Er wehrt sich darin gegen den „Gesinnungsdruck“ von links und rechts, um illusionslos das Wesen unserer Gattung in den Blick nehmen zu können. Zu welchen Erkenntnissen er dabei gelangt ist, erklärt er im folgenden Gespräch.

Manuscriptum: Lieber Herr Dr. Lisson, in Ihrem neuen Buch beschreiben Sie den Menschen als „natürliche Maschine“. Was ist damit gemeint?

Dr. Frank Lisson: Wenn ich etwa von der »hochkomplexen Rechenmaschine Homo sapiens« spreche, dann will ich daran erinnern, dass jeder Organismus seiner Natur nach eben auch als Mechanismus aufgebaut ist, gegen dessen Funktionen er sich kaum zu wehren vermag. Eine Tatsache, die besonders der »moderne« Mensch gerne dort leugnet, wo er sein »Recht auf Selbstbestimmung« in allen Bereichen einfordert. Es geht mir also in erster Linie um das naturgemäß Kalkulierende sämtlicher Lebensformen – und um die Wege und Methoden des Menschen, unter Berufung auf seine »Willensfreiheit«, jene genetisch angelegten »Rechenvorgänge« bei sich selber zu verklären. Ich meine nämlich, dass die Gattung sich aufgrund solcher Eigenschaften in das ihr bevorstehende digitalisierte Leben geradezu zwanghaft hineinentwickelt hat.

Noch verstehen wir die Totalität des Natürlichen nicht, sondern behelfen uns mit Mythen. Aber die geistige Anpassung des Menschen an die von ihm gebauten Maschinen führt gewissermaßen über Umwege zu der alten Einheit von Mensch und der ihn umgebenden Welt zurück. Deshalb meine ich, dass das technologische Zeitalter dem Weltzustand der »Natur« näher steht als dem der »Kultur«, wo jene Einheit ja gerade unterbrochen worden war.

Meine Absicht ist daher, auf das Mechanische und Maschinelle menschlicher Handlungen, Interessen, Zugehörigkeiten, Reaktionsmuster etc. hinzuweisen, das den Menschen insgesamt so affin für alles Technische macht und ihn die Digitalisierung seiner Lebenswelt deshalb als großen Fortschritt feiern lässt. Ich dagegen bin eher skeptisch und fürchte, dass, bevor der Mensch über sogenannte künstliche Intelligenz seine Maschinen »menschlich« zu machen fähig ist, er längst selber mehr »Maschine« geworden sein wird, als er sich das eingestehen will. Die Abhängigkeit vom Smartphone ist bereits ein erster Schritt dorthin.

Sie schreiben, wir müßten „leben lernen unter den Bedingungen völliger Illusionslosigkeit“. Machen wir das nicht schon seit Anbruch der Neuzeit? Egon Friedell hob am Mittelalter seine Kindlichkeit hervor. Das Mittelalter sei vergleichbar mit einem Gemälde bzw. Märchenspiel – also bunt, aufregend und mystisch im positiven Sinne. Auch Religionswissenschaftler wie Mircea Eliade betonten stets die schöpferische Kraft des Mythos. Warum stehen Sie dem skeptisch gegenüber?

Nein, natürlich ist die Neuzeit (wie auch unsere Gegenwart) noch völlig aufgeladen mit Illusionen: die schönste Illusion war dabei vielleicht die der sogenannten Aufklärung und des Neuhumanismus (von Kant bis Humboldt); es folgten die großen Illusionen zur Schaffung eines »besseren« Menschen über die totalitären Ideologien, und heute sehen wir uns mit den Illusionen der »Klimarettung« und einer »gerechten« Gesellschaft durch »Gleichstellung« aller Menschen konfrontiert.

Gewiss sind Illusionen wichtig; sie gehören als kulturelle Hauptantriebskräfte zum Emotionshaushalt unserer Art. Doch das gilt eben nur solange, wie sie ihrer Funktion noch nicht überführt worden sind, was heute allgemein der Fall ist. Wo ein Mythos nur noch um seiner selbst willen am Leben erhalten werden soll, wird Kultur zur bloßen Fassade – und eben daran sind Antike und Abendland zugrunde gegangen; haben aber während dieses Prozesses auch ihre scharf- und tiefsinnigsten Denker hervorgebracht. Heute stehen wir ganz woanders, da die neuen Mythen und Illusionen von vornherein keine kulturelle Bindungskraft mehr haben, sondern allenfalls dazu geeignet sind, politische Handlungen zu motivieren.

Bei der Lektüre Ihres Buches habe ich den Eindruck gewonnen, daß Sie auf der Suche sind nach einer Philosophie für die Zeit nach den großen Erzählungen. Was machen Sie dabei anders als die Dekonstruktivisten der Postmoderne? Einmal abgesehen davon, daß Sie verständlicher und lebensnäher schreiben …

Es geht mir nicht um Dekonstruktion; es ist auch gar nicht mehr nötig, irgendetwas zu »zerstören«. Die Welt, in der wir heute leben, ist bereits völlig fragmentiert – und wird es wohl auch noch lange bleiben. An dieser Situation derzeit – außer zum persönlichen Hausgebrauch – etwas »reparieren« zu wollen, erscheint mir aussichtslos. Was daher zu wünschen wäre, ist eine Philosophie, die sich jenseits der üblichen Verfänglichkeiten aufbaut und gewissermaßen von »außen« auf die Dinge blickt. Das kann natürlich nur als bewusster Anachronismus geschehen bei maximaler Unabhängigkeit: gar nicht mehr mitreden wollen, wo das, was zu sagen wäre, nicht gesagt werden darf, weil es niemand hören will, und das, was gesagt werden darf und soll, schon tausendmal gesagt worden ist.

Es konnte nie Aufgabe der Philosophie sein, irgendeiner gesellschaftlichen Interessensgruppe oder gar dem Zeitgeist Handlangerdienste zu leisten. Dass dies dennoch – heute mehr denn je – von ihr verlangt wird, darf kein Einwand gegen den Versuch sein, die Muster menschlicher Verhaltensweisen trotzdem unerschrocken durchdringen zu wollen – auch wenn man es sich dadurch mit vielen Leuten verdirbt. Das Denken um der »Wahrheit« willen, also jenseits persönlichen oder ideologischen Nutznießertums, ist und bleibt eine einsame Angelegenheit.

Sie gehen sehr hart mit dem Christentum ins Gericht. Was stört Sie an dieser Religion, die ja nun einmal maßgeblich das Fundament unserer Kultur geprägt hat?

Ich habe auch in diesem Buch wieder einen großen, vielfarbigen Teppich an Gedanken und Hintergründen auszubreiten versucht – die Konservativen aber bleiben immer an den gleichen Maschen hängen. Diese eingeschränkte Wahrnehmung und selektive Sicht auf die Dinge kritisiere ich doch sogar noch stärker als das Christentum. Aber es hängen beide Phänomene freilich eng miteinander zusammen: über das Christentum hat sich der Europäer zum Dogmatismus erzogen, weil darin offenbar ein starkes, genuin menschliches Bedürfnis besteht. Man will, wie in einem Gottesdienst, immer wieder das gleiche, das Bekannte und Vertraute hören, für alles andere verschließt man sich die Sinne.

Das ist sehr schade und macht die richtige Platzierung solcher Bücher, wie dem vorliegenden, geradezu unmöglich: Der hermetische, »links-liberale« Betrieb boykottiert prinzipiell, was nicht aus seiner Schule stammt und sich gegen die heute gültigen Lebenslügen richtet, während die (orthodoxen) »Rechten«, die zwar gerne von »Freiheit« reden, aber (heimlich) einen »politischen Katholizismus« ersehnen, sich gleichermaßen instinktiv von solchen Büchern abwenden, da sie ihnen viel zu fremd, heterogen, vielleicht ebenfalls zu »verstörend« sind und kaum Handlungsanweisungen zur »Rettung des Abendlandes« enthalten.

Wenn man etwas aus der (neueren) Geschichte lernen kann, dann dieses: Politisch-religiöse Menschen (und seit 1968 insbesondere »linke«) rufen nur solange nach »Freiheit« und »Gerechtigkeit«, wie sie noch nicht die Macht haben, von der Opfer- in die Täterrolle zu wechseln. Deshalb – erlauben Sie mir diese kleine Überheblichkeit – schreibe ich schon lange nicht mehr für (zeitgenössische) Leser, sondern nur noch allein um der Fragestellung willen. Denn die großen Rätsel der Kulturen und des Mensch-Seins sind mir wichtiger als die Rücksichtnahme auf die Gesinnungserwartungen, Meinungsmoden und geistigen Selbstbeschränkungen aller möglichen Milieus.

Herr Dr. Lisson, vielen Dank für das aufschlußreiche Gespräch!

Hier geht es zum Buch Mythos Mensch

Die Fragen stellte Felix Menzel.