David Engels im Interview

Interview mit David Engels.

„Die Glut ist noch nicht ganz erloschen“.

Im letzten Monat sprachen wir mit Max Otte über die Zerstörung der Staatlichkeit in Deutschland. Wie es eine Ebene darüber aussieht, ist nun das Thema unseres nächsten Interviews. Der Althistoriker David Engels verrät, warum wir im 21. Jahrhundert seiner Ansicht nach ein starkes, identitätsstiftendes Europa brauchen. Die Europäische Union, die nach dem Willen eines Jürgen Habermas nur Zwischenstation zur Weltgesellschaft sein soll, sieht Engels dagegen auf einem Holzweg.

Manuscriptum: Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Engels, in Ihrem neuen Buch Renovatio Europae fordern Sie einen „hesperialistischen Umbau Europas“. Was verbirgt sich hinter diesem Hesperialismus? Es ist Ihnen mit dieser Begriffsprägung ja schließlich etwas beinahe Einzigartiges gelungen. Weder Google noch Wikipedia können uns erklären, was das ist.

Prof. Dr. Engels: Ich bin mit Neologismen zwar immer sehr vorsichtig, aber hier war es wirklich notwendig. In Renovatio Europae verteidige ich zusammen mit den anderen Autoren die Vision eines alternativen Europas jenseits der traurigen Realität einer ganz von politischer Korrektheit geprägten EU. Dieses Europa der Zukunft ist zwar insoweit konservativ, als wir alle eine Rückbesinnung auf die historischen Werte des Abendlands fordern, um die Solidarität zwischen den Bürgern zu stärken und das Abendland erneut als eine historische Schicksalsgemeinschaft verstanden zu wissen. Allerdings trennt uns vom üblichen EU-skeptischen Diskurs der sogenannten „Populisten“ unsere Einsicht, daß ein zukünftiges Überleben des Abendlands angesichts der zahlreiche inneren wie äußeren Herausforderungen nur möglich ist, wenn zumindest in einigen Schlüsselbereichen und unter Berücksichtigung der Subsidiarität eine enge Zusammenarbeit gesichert wird, wie der Schutz der äußeren Grenzen und ein Minimum an intern er Abstimmung und organisierter Streitschlichtung.

Für eine solche politische Ausrichtung, welche Kulturkonservatismus mit einer Art abendländischem Patriotismus verbindet, bestand aber bislang noch kein wirklicher Name, denn „Okzidentalismus“ ist ja bereits durch die Debatte um Edward Said sehr problematisch belegt, „Westlertum“ ist ganz in der Debatte um die russische Identität im 19. Jahrhundert aufgegangen, und „Europäismus“ ist zu einem Synonym für EU-Fans geworden.

„Hesperialismus“ schien mir hier als neuer Terminus ideal, denn der Verweis auf die Hesperiden bezeichnet ja nicht nur den utopisch aufgeladenen äußersten Westen der den Griechen bekannten Welt, sondern auch jene typisch westliche, „faustische“ Weltsicht, derzufolge das größte Gut sich immer jenseits des Horizonts befindet, in diesem Fall auf einer utopischen Inselgruppe, wie ja ähnlich auch Atlantis, Avalon, die Sankt-Brendan-Inseln oder sogar Tolkiens Valinor.

Sie beziehen sich auf den spanischen Philosophen José Ortega y Gasset, der sich selbst als „Dekan der Europa-Idee“ bezeichnete. Ortega y Gasset sah schon 1922 ein „Ermatten der Wunschfähigkeit“ Europas, das man „nicht allein dem Krieg zuschreiben“ dürfe. Wie kam es, daß Europa seinen Lebensplan für morgen verlor?

Wie Sie wissen, bin ich sehr durch Spengler beeinflußt, der seinerseits ja von Ortegay Gasset intensiv rezipiert wurde. Dementsprechend wird es Sie kaum wundern, wenn ich sage, daß ich tatsächlich daran glaube, daß das Abendland seit geraumer Zeit in eine Art Spätzeit eingetreten ist: Wir leben in einer alternden Zivilisation, die zunehmend ihren kreativen Elan verloren hat und damit auch ihren Glauben an sich selbst, an dessen Stelle Relativismus, Zynismus, Mechanismus und Materialismus getreten sind.

Die Weltkriege mit ihrer schrecklichen Entmenschlichung sind unter dieser Perspektive nicht die Gründe jenes Alterungsprozesses, sondern vielmehr seine Symptome. Freilich muß man selbst unter Zugrundelegung der im 21. Jahrhundert nur noch beschränkt vorhandenen inneren Kraft des Abendlands betonen, daß eine Art letztes Aufraffen durchaus noch immer im Bereich des Möglichen liegt: Das zunehmende Unbehagen an unseren gegenwärtigen politischen Eliten, an unserer extremen gesellschaftlichen Polarisierung und an unserem kulturellen Identitätsverlust durch Parallelgesellschaften, Schuldkultur und erzwungenem Multikulturalismus verrät, daß die Glut noch nicht ganz erloschen ist.

Es bleibt nur zu hoffen, daß das Aufbäumen nicht erst dann geschieht, wenn es ohnehin schon zu spät ist. Auch hier wollen wir mit unserem Buch dem Leser ein Mittel an die Hand geben, um das eigene Lebensgefühl als vollkommen legitim zu begreifen und die verständliche Empörung in konstruktive Richtungen zu dirigieren, anstatt ungenutzt verpuffen oder gar fehlleiten zu lassen.

Die meisten der Bewegungen und Parteien in Europa, die von der Öffentlichkeit als „rechtspopulistisch“ klassifiziert werden, wollen die Europäische Union aber zu einer lockeren Wirtschaftsgemeinschaft zurückbauen. Wenn wir Sie richtig verstehen, halten Sie das für fatal. Warum?

In der Tat, und das aufgrund zahlreicher Gründe. Der europäische Nationalstaat konnte sich bis in das 20. Jahrhundert nach innen wie nach außen behaupten, weil er nicht nur einen unglaublichen technologischen, wirtschaftlichen und auch demographischen Vorsprung vor dem Rest der Welt hatte, die ja zum Großteil auch kolonial dominiert wurde, sondern auch, weil diese Staaten damals bei kleinerer Zahl eine erheblich größere Ausdehnung und dementsprechend Bedeutung besaßen als heute. Man denke nur an die Anzahl von Staaten, die sich heute auf dem Gebiet befinden, das damals nur von Rußland, dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn dominiert wurde.

Heute ist die Situation grundverschieden: Europa ist ein alternder, technologisch zunehmend rückständiger, kulturell zerrissener, identitär traumatisierter, wirtschaftlich immer unbedeutender, in eine nie dagewesene Vielzahl kleinster Staaten aufgesplitterter Kontinent. Vor dem Ersten Weltkrieg entsprach die Bevölkerung Deutschlands etwa der Hälfte derjenigen ganz Afrikas und einem Fünftel derjenigen Chinas. Heute hat sich das Verhältnis auf ca. 1 zu 17 bzw. 1 zu 15 vervielfacht. Und wir alle wissen, daß China den „alten Kontinent“ technologisch bereits weit überholt hat, während sich in Afrika eine wahre demographische Lawine vorbereitet. Ein Aufsplittern Europas würde aus dieser Gemengelage unzähliger unbedeutender Kleinstaaten ein wahres Schachbrett machen, auf dem die umliegenden Mächte ihre Rivalitäten austragen würden.

Wir brauchen daher ein starkes Europa – doch halt: Ich meine dies nicht im Sinne der üblichen Pro-EU-Phrasen, sondern möchte ein solches neues Europa nur dann begrüßen, wenn es im Geist einer wehrhaften Verteidigung unseres Wesens nach außen hin und eines tiefen Respekts vor unseren historischen Werten und unseren nationalen Traditionen im Inneren entsteht – also dem, was wir mit „Hesperialismus“ bezeichnen. Denn wohin ein „globalistisches“ Europa führt, sehen wir ja tagtäglich: Zum Ausverkauf unserer Kultur ebenso wie unserer gesellschaftlichen und strategischen Interessen, und das nur zugunsten einer kleinen, globalisierten Elite, welche die alte Devise „teile und herrsche“ blendend erlernt hat.

Europaskeptiker argumentieren, eine Demokratie benötige ein Volk, das sich in einer Sprache verständigen könne. Weil diese gemeinsame Öffentlichkeit in Europa jedoch unmöglich sei, so schlußfolgern sie, könne Europa niemals zu einer Einheit verschmelzen. Was sagen Sie zu diesem Einwand? Ist Europa nur als autoritäre Macht mit angehängter Demokratiesimulation denkbar?

Diese Sichtweise mochte noch für die 1980er gelten. Heute, 40 Jahre später, ist sie überholt: In Gestalt des Englischen verfügt Europa bereits über eine gemeinsame Sprache, die nicht nur von nahezu allen Menschen unter 40 ausgezeichnet gesprochen wird, sondern auch zur mittlerweile fast alleinigen Wissenschafts- und Populärkultursprache geworden ist und die Nationalsprachen auf Dauer ebenso an den Rand drücken wird, wie vor 2.000 Jahren das Lateinische dies mit den zahlreichen Sprachen des westlichen Mittelmeers getan hat.

Man mag dies bedauern, zu ändern ist es aber nicht. Und auch die europäische Öffentlichkeit besteht mittlerweile in erheblich stärkerem Maße als vor einer oder zwei Generationen. Denken Sie nur daran, daß fast alle großen Themen heutzutage europäische Themen sind, von der Schuldenkrise über die Migrationswelle und den Brexit bis hin zu den sogenannten „Populisten“, deren politische Zusammenarbeit übrigens in vielen Bereichen schon fast intensiver ist als die der anderen Parteienfamilien.

Dabei sehe ich die eigentliche Bedrohung für die Demokratie nicht in der europäischen Idee an sich, sondern viel eher im Verlust der europäischen Identität durch Multikulturalismus, politische Korrektheit, Hedonismus und flagrante Unbildung: Je mehr sich unsere Gesellschaft fragmentiert, desto schwieriger wird es, Solidarität zwischen den Bürgern herzustellen. Die somit entstehenden, unverbunden bzw. sogar feindlich nebeneinanderlebenden Gruppen können dann nur noch durch einen autoritären Staat vor dem gänzlichen Auseinanderfallen bewahrt werden – was mithin eben auch der Grund ist, wieso viele kulturell und religiös ähnlich zerrissene nahöstliche Staaten wie Syrien oder der Irak ebenfalls nie funktionierende Demokratien aufbauen konnten.

Auch unter diesem Gesichtspunkt kann nur eine „hesperialistische“ Kräftigung unserer historischen Leitkultur den Rahmen gewährleisten, daß unser Europa nicht in zahllose, sich bekriegende Parallelgesellschaften zerfällt, unter denen dann nur noch das Recht der jeweils rücksichtslosesten Gruppe zählt…


Herr Prof. Dr. Engels, vielen Dank für Ihre guten und ausführlichen Antworten!

David Engels hat neben Renovatio Europae auch an den Büchern Der lange Schatten Oswald Spenglers und Michel Houellebecq, Oswald Spengler und der„Untergang des Abendlandes“ mitgewirkt.



Buchvorstellung von "Renovatio Europae" am 13.5.2019 im Polnischen Institut Berlin: