Deutsche Filmhochkultur. Menschen - Mentalitäten - Landstriche

Wir präsentieren eine Auswahl filmischer Großwerke aus 100 Jahren. Der Akzent liegt dabei auf einem ebenso präzisen wie generösen Blick auf Land und Leute sowie dem Umstand, daß die Filme sich diesen mit affirmativer Würde, also nicht verunglimpfend oder zersetzend nähern. In jedem Werk gibt es einen starken, geradezu haptischen Ortsbezug: Dörfer, Städte, Regionen sind stets mehr als bloße Handlungskulissen, sondern ein physiognomisches Milieu, das gleichermaßen Psyche und Wesen der Protagonisten prägt wie die ästhetische Materie der Filme selbst bildet. Die Auswahl lädt zu einer erbaulichen Wahrnehmung unserer Lebenswelt ein und will ein Heilmittel gegen ihre Verhäßlichung und Entzauberung darstellen. Wir präsentieren jeden Film als Bluray oder DVD in der bestmöglichen Ausstattung. Weitere Titel folgen.

Box Friedrich Wilhelm Murnau (1921)

Schloß Vogelöd (1921)
Nach Rudolf Stratz. Kriminalintrige um eine verschleppte Schuld, die Interieurs landschaftlich und das Draußen zum Kammerspieldekor werden läßt. Murnau, ein Aristokrat der filmischen Intelligenz, weiß die Stummfilmgesten seiner Darsteller (1921!) so zu verdichten, daß innere Tragödien in kleinsten Gebärden sichtbar – und stärker werden.
Nosferatu (1922).
Legendärer Horrorfilm im Geist der Romantik. Unvergesslich und wie von C. D. Friedrich komponiert die Bilder aus den Karpaten, wo des Vampirs Schloß steht, wie aus dem leergefegten, pestdurchseuchten „Wisborg“ (= Wismar + Lübeck). Zu dem Verhältnis des Übernatürlichen zur umgebenen Natur hier (kommt jenes aus dieser oder tritt es ihr fremd entgegen?) ließen sich ganze Seminare abhalten.
Faust – Eine deutsche Volkssage (1926)
Tiefsinnige, expressionistisch-artifizielle Auseinandersetzung mit der alten Sage um Doctor Faustus, also der Frage, ob der Mensch in seinem Immer-mehr-Wollen fernab der göttlichen Einhegung sich nicht dem eigenen Untergang sowie dem Bösen weiht. In hiesigen Zeiten des „Great Reset“ wieder hochaktuell.

Box Wolfgang Kohlhaase

Wolfang Kohlhaase ist einer der klügsten Drehbuchautoren der letzten 70 Jahre, schon wegen seines Sprachwitzes und seiner Einfühlung in präzise Milieus. Diese Box umfaßt die von Gerhard Klein inszenierten Eine Berliner Romanze (56), Berlin Ecke Schönhauser (57) und Berlin um die Ecke (65, damals verboten worden). Nie sonst ist das damalige Leben in Mitte, Friedrichshain und im Prenzlauer Berg konkreter und empathischer dargestellt worden. Große kleine, alltagspoetische Filme, die heute wiederentdeckt werden wollen.

Menschen am Sonntag (Billy Wilder, Robert Siodmak, Edgar Ulmer 1930)

Halbdokumentarischer, komödiantischer Spielfilm, der das sommerliche Treiben von Berlinern am Wannsee 1929 einfängt. Ein kostbares Sittenbild ganz normaler Deutscher in der späten Weimarer Republik, leicht, luftig, gezeichnet wie von Zille. War der Startschuß für die Karrieren aller vier, später weltberühmten Regisseure.

Im Lauf der Zeit (Wim Wenders 1976)

Road-Movie und Bildungsroman, erzählt entlang der Zonengrenze zwischen Lüneburg und Hof. Zwei Männer, ein Reparateur von Kinoprojektoren, der von Dorf zu Dorf reist, und ein verkrachter Kinderarzt werden vom Zufall zusammengeführt und fahren einige Tage über Land. Ihr Weg ist eine Reise in die eigene wie die kollektive Vergangenheit, derweil sich am Wegesrand die deutsche Provinz entfaltet – selten hat ein Film sie mit solcher Bedächtigkeit und Anmut festgehalten. Der Wilhelm Meister des deutschen Nachkriegskinos. Zum Trailer.

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Chronik der Anna Magdalena Bach (Jean-Marie Straub, Danièle Huillet 1968)

Kein „Biopic“ über das Leben Bachs, sondern eine meditative Vergegenwärtigung seiner Kunst. Der Film machte 1968 Skandal, weil er Bachs Musik als ästhetische Materie urbar macht und den Zuschauer ohne „politischen Leitfaden“ damit allein läßt. Wie der Film das tut, und wie er über die genau betrachtete Aufführung der Bachschen Musik kollektive Arbeit sichtbar macht, ist unvergleichlich. Wer sich hier berühren läßt, erweitert sein sinnliches Gemüt. Orte: Eutin, Hamburg, Leipzig, Lübeck, Lüneburg, Nürnberg, Stade. Noch in der Sammlung: Geschichtsunterricht (72), Antigone (91).

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Und deine Liebe auch + Sonntagsfahrer (Frank Vogel 1962 / Gerhard Klein 1963)

Zwei DEFA-Filme, eine Bruderzwist-Geschichte und eine Satire, über das ostdeutsche Leben direkt nach dem Mauerbau. Was sie proklamieren: das aufgesetzte Ja zum Sozialismus, entspricht nicht dem, was sie zeigen: präzise eingefangene Augenblickswahrheiten in den Straßen Berlins und Leipzigs. Was an Aufruhr in den Menschen steckte zur Zeit der Landeszertrennung, was sie resignieren oder aufbegehren werden ließ, zeigen die Filme mit Gewissenhaftigkeit und Klarheit. Beeindruckend in dem ersten: der noch junge Müller-Stahl. Noch auf der DVD: Agitatorische Pro-Mauerbau-Dokumentationen aus jener Zeit.

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Liebelei (Max Ophüls 1933)

Nach Arthur Schnitzler. Ein Wien-im-Winter-Melodram, spielend zur K&K-Zeit, und eine Krone deutscher Filmkunst. Kleinbürgerin (Magda Schneider, die Mutter von Romy) verliebt sich in Leutnant (Wolfgang Liebeneiner), der schon unerlaubt mit einer Baronin liiert ist – deren Gatte (Gustav Gründgens) bekommt es spitz. Was zwischen den Figuren geschieht, ist von großer Glut wie von einem heute undenkbaren Anstand und Ethos, wobei über allem das Flair (und der Argot) von Wien liegt. Filme von Ophüls zu sehen, ist, wie in einen literarischen Kosmos à la Tolstoi einzusteigen – tausend Details treten hervor, kriegen ein Gesicht und ordnen sich doch dem großen, schicksalshaften Ganzen unter. Noch auf der DVD: Lola Montez (55), das letzte Werk von Ophüls.

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Morgenrot (Gustav von Ucicky 1932)

Patriotisches U-Boot-Drama, spielend im 1. Weltkrieg. Das Boot avant la lettre. Die Männer an Bord werden mit der gleichen beben-den Anteilnahme betrachtet wie ihre Familien zuhause in „Meereskirchen“ (Kiel und Umgebung). Spannend zu sehen, wie dieser VOR 1933 entstandene Film einer Art naturwüchsigem Nationalismus zuspricht, der noch nicht der der Nazis ist. Goebbels war der Film zu morbid.

Des Teufels General (Helmut Käut-ner 1955)

Nach Carl Zuckmayer. Curd Jürgens spielt einen Luftwaffengeneral im 2. Weltkrieg, der sich entscheiden muß, für wen er kämpft: für Volk und Vaterland oder für die, die beides besetzt halten und instrumentalisieren. Ein Film über Heldentum, spielt in Berlin-Grunewald. Unvergeßlich die Szene, in der Jürgens, als kantiger Preusse, eine Hymne auf den „natürlichen Adel“ der Rheinländer anstimmt.

Der Glanz des Tages (Tizza Covi, Rainer Frimmel 2012)

Ein erfolgreicher Schauspieler, ein moderner „Anywhere“, erhält unerwartet Besuch von seinem Onkel, einem alten ehemaligen Zirkus-Dompteur. Über Wochen, die sie zusammen in einem verschneiten Hamburg verbringen, kämpft die krasse Fremdheit, die sie dem je anderen gegenüber empfinden, gegen ihre familiäre Wesens-Affinität an. Ein Zeugnis der Annäherung zweier Lebenswelten, innig gespielt von Philipp Hochmair und Werner Sabel. Zum Trailer.

Opfergang (Veit Harlan 1943)

Wuchtiges Melodram nach Rudolf Binding, in dem die spezifische, gedeckt-bonbonhafte Farbigkeit der Agfa-Color-Bilder eine ständige leise Todesahnung mitzuführen scheint. Wagner-Stimmung. Es geht um vergebliche Liebe in einem Dreiecksverhältnis und die Frage, wer zurückzustecken, ein Opfer zu bringen in der Lage ist. Stolz und hoch ist der Erzählton des Ganzen, intensiv die Verortung im sommerlichen Hamburg + Umgebung. Durfte vor Kriegsende nicht in die Kinos kommen.

Alice in den Städten (Wim Wenders 1973)

Als ob Edward Hopper im Ruhrgebiet gemalt hätte … Ein deutscher Journalist fliegt aus den USA zurück in die (ihm fremd gewordene) Heimat und trifft eine Neunjährige, die verschütt gegangen ist. Sie weiß bloß vage, wo ihre Oma wohnt – irgendwo im Pott. Gemeinsam fahren die beiden auf Suche. Ihr Parcours ist eine besinnliche Inaugenscheinnahme von Orten und ihren Beiläufigkeiten. Melancholisch-heiterer Film, der durch seine Figuren die Landschaften in ihrer Alltagsschönheit hervortreten läßt und andersherum.

Unter den Brücken (Helmut Käutner 1945)

Seltenes Beispiel für einen deutschen Pleinair-Film. Zwei Binnen-schiffer, Gustav Knuth und Carl Raddatz, die sich einen Kahn teilen, vergucken sich in die gleiche Frau, Hannelore Schroth. Sommerlicher Unterwegs-Film, fast nur auf den Gewässern des Havellands gedreht, ebenso ernst wie heiter. Man lernt beim Sehen das Land (Werder, Havelsberg, Rathenow, aber auch Berlin) vom Wasser aus zu sehen. Ein impressionistisches Gegenstück zu Opfergang, noch 1944 entstanden, erst 46 uraufgeführt.

Gundermann (Andreas Dresen 2018)

Filmbiographie über den Liedermacher und Tagebau-Arbeiter Gerhard Gundermann, der sich zu Honeckers Zeiten als Stasi-IM hernehmen ließ. In Rückblenden werden Verstrickung, Schuldlast, Ausbruchsversuche und ganz normal verbrachtes mitteldeutsches Leben dargestellt. Episches Zeitbild, auch ein bewegender Musikfilm, in der Hauptrolle brillant: Alexander Scheer. Orte: die Oberlausitz, Hoyerswerda. Zum Trailer.

Immensee (Veit Harlan 1943)

Elegisches Liebesdrama nach Theodor Storm. Parallel zu Opfergang entstanden und ebenfalls mit Kristina Söderbaum und Carl Raddatz. Junges Paar, aufgewachsen in der Provinz, driftet ausein-ander, als er zum Musikstudium nach Hamburg geht und das städtische Kulturleben ihn von seinen Wurzeln trennt. Sie, ihm weiter zugetan, muß herausfinden, was stärker ist: die Liebe zu dem Mann oder die zur alten Heimat. Film über das in mehrfacher, auch widersprüchlicher Hinsicht EIGENE. Intensiv die Stimmungsbilder (Agfacolor) aus der holsteinischen Schweiz, aus Eutin, Plön, Hamburg und Rom, in denen das Außen zum Inneren in Spannungsverhältnisse tritt.

Lola (Rainer Werner Fassbinder 1981)

Loblied auf das kleinstädtische Leben (Coburg) in den 1950ern. Auch wenn Fassbinder ordentlich Kritik an wirtschaftswunderlichen Intrigen übt, teilt sein vorletzter Film die saftige Lebensbejahung seiner Figuren, etwa des von Mario Adorf gespielten Baulöwen und Bordellbesitzers, der den preußisch-strengen Baudezernenten, Armin Müller-Stahl, zu korrumpieren sucht und ihm damit ungewollt zu der Liebe seines Lebens verhilft.

Zum Trailer.

Anders als du und ich
(Veit Harlan 1957)

Was tut eine Mutter, die sieht, daß ihr halbwüchsiger Sohn auf die schiefe Bahn und in die Kreise von Homosexuellen aus der Kunstszene gerät? Sie versucht, ihn wieder für die Welt der Frauen zu begeistern und mit einer hübschen Gleichaltrigen zu verbändeln. Und siehe da – es gelingt problemlos. Doch nun muß sich die Mutter vor Gericht wegen Kuppelei verantworten, das Zuchthaus droht … Ein politisch geradezu erlesen unkorrekter Film, der alle Beteiligten, auch das andere Ufer, mit Distanz und Augenmaß betrachtet (es gibt keine Vorverurteilungen), die Positionen differenziert und doch zu eindeutigen, basalen Schlüssen kommt. Intensiv Paula Wessely als Mutter, landschaftlich reich und gegenwärtig das Ambiente – München im Frühjahr 1957: Man glaubt, einen Blick in ein ganzes Jahrzehnt tun zu können.

Der Untergang (Oliver Hirschbiegel 2004)

Ein Unikum der dt. filmischen Geschichtspolitik und legitimer Nachfahre von Langs Nibelungen. Erzählt werden die letzten Tage im Führerbunker, mit viel Grauen und manischem Verranntsein, jedoch so, daß von den Nazi-Führern menschlich noch etwas übrig bleibt. Dem bis dahin drittteuersten dt. Film gelingt es – heute undenkbar –, seine Figuren nicht vorzuverurteilen, sondern ihr Handeln ebenso teilnahmsvoll wie unbestechlich hart zu verfolgen. Die Teilnahme geht über auf den Zuschauer dieses bebenden Requiems: er kann spüren, schmerzhaft, daß und wie sehr er Anteil hat auch an diesem dunkelsten Teil unserer Geschichte. Die Erfahrung ist instruktiv.

Die Nibelungen (Fritz Lang 1924)

Da stammen wir kollektiv seelisch her. Sagt das mittelalterliche Heldenepos. Aus den mythischen Untiefen des Beziehungsgeflechts um Siegfried, Kriemhild, Brunhild, Hagen und König Gunther. Fritz Lang, unnachgiebiger Architekt filmischer Großräume, inszenierte die Sage als barocken und hochgradig stilisierten Zweiteiler. Sieht man ihn heute, bildet seine Stummfilm-Archaik im Handumdrehen den glaubhaften Hintergrund für eine Sagenwelt, die man nicht an ihren Bildern, sondern an psychischen Belastungszuständen wiedererkennt. Im stählern-schönen Blick von Kriemhild/Margarete Schön steckt ebenso viel Wille und Kraft wie Starrheit und Unflexibilität. Das Verhängnis, in das sie wie unsere anderen sagenhaften Vorväter und -mütter gelaufen sind, wie können wir es im Heute verhindern – können wir es?