Ein Glanzstück der Rebsortenkunde
und der botanischen Illustrationskunst.
Das Unterscheiden und Beschreiben der Traubensorten ist so alt wie die Weinkultur selbst. Große Sortenkunden (Ampelographien) gehören gleichwohl zu den seltensten botanischen Werken. Der „Atlas“ der Brüder Goethe ist unangefochten die schönste deutschsprachige Publikation ihrer Art. Vorzügliche Farbtafeln geben die Sorten in aller Feinheit ihrer Merkmale (Formen und Farben der Blätter, Beeren und Trauben, des Rebholzes und der Triebspitzen) wieder. Die präzise Sortenbeschreibung folgt dem klassischen Schlüssel: Name, Synonyme, Rebstock, Blätter, Traube, Vorkommen, Kultur und Verwendung.
Die Autoren gaben mit ihrem Werk dem modernen Qualitätsweinbau entscheidende Impulse: Sie hielten es für die Hebung der Weinkultur eines Landes für unerläßlich, die Kenntnis der einzelnen Rebsorten zu vertiefen, mit größter Sorgfalt die jeweils geeignetsten Sorten auszuwählen und den Wein sortenrein anzubauen - vor 125 Jahren stand ein Großteil der Weinberge noch im sogenannten Mischsatz. Neben „Klassikern“ wie Riesling, Silvaner und Blauem Spätburgunder werden auch Sorten vorgestellt, die inzwischen teils fast vergessen sind, teils selten angebaut werden, aber vorzügliche Weine hervorbringen. Da der Kommentar zu diesem Werk auch der Frage nachgeht, welche Bedeutung die im „Atlas“ beschriebenen Sorten heute haben, ergeben sich interessante Möglichkeiten zu vergleichender Betrachtung.
Die Brüder Hermann (1837-1911) und Rudolph Goethe (1843-1911) stammen aus der alten Weinstadt Naumburg an der Saale und gehören zu den Pionieren der wissenschaftlichen Rebenzüchtung. Beide haben sich in Lehre, Forschung, publizistischer und organisatorischer Tätigkeit gleichermaßen hohe Verdienste erworben. Nach vielseitiger Ausbildung und einem breitangelegten beruflichen Werdegang fanden beide an bedeutenden Lehr- und Forschungseinrichtungen ihr Hauptwirkungsfeld: Hermann Goethe ab 1872 im damals österreichischen Marburg an der Drau (heute Maribor), Rudolph Goethe ab 1879 als Direktor der Kgl. Lehranstalt für Obst- und Weinbau in Geisenheim, heute eine der drei weltweit führenden önologischen Lehr- und Forschungsstätten. Das Schaffen der Brüder fiel in jene Zeit, in der die Existenz des gesamten europäischen Weinbaus durch das Wüten der Reblaus bedroht war. Beide haben führend bei der Bekämpfung dieser Gefahr gewirkt, indem sie die Gewinnung reblausresistenter Unterlagssorten aus amerikanischen Wildreben als einzige Rettungsmöglichkeit nachdrücklich propagierten und selbst wichtige züchterische Leistungen dafür erbrachten.
Neben dem großartigen „Atlas“ stammen weitere Standardwerke aus ihrer Feder, u. a. das „Handbuch der Ampelographie“ (H. Goethe 1878, 1887) und das „Handbuch der Tafeltraubenkultur“ (R. Goethe 1894).




