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Gehen oder bleiben?

Gehen oder bleiben?
Manu Scriptum 10. März 2017

Seßhaftigkeit, Bodenständigkeit oder auch nur Heimatverbundenheit - was sind diese Worte heutzutage anderes als verblaßte Relikte aus einer Zeit, in der die Migration noch nicht als legitime Heilserwartung galt? Was hieß es damals, eingewurzelt zu sein in die Heimaterde? Was hieß es, dem »ersten Ort« den Rücken zu kehren? Knut Hamsun wußte um diese Problematiken schon vor 90 Jahren. Wir veröffentlichen eine Passage aus seinem Roman »Landstreicher« von 1927 , die uns mehr als geeignet erscheint, ein aufklärendes Licht zu spenden.

»In Edevart beginnt eine Ahnung zu dämmern, daß der kleine Bruder mit seinem Gerede eine besondere Absicht verfolgt, und diese Ahnung wird ihm zur vollen Klarheit, als Joakim plötzlich fragt: Was meint Du, Edevart, wenn wir, du und ich, nun keine Eltern und kein Heim gehabt hätten? Dann würde es uns auch nicht besser gehen als dem August! Und indem er immer mehr und mehr auf Edevart abzielt, fährt er fort: Ich glaube ja nicht, daß es jemand gut tut, heimatlos zu werden und herumzuwandern, wir sollten dort bleiben, wo wir hingehören.

Edevart lacht nicht, er nimmt dies ernst, denkt darüber nach und sagt dann: Die Sache ist eben die, ob wir nicht alles versuchen sollten, um zu sehen, wo wir am richtigsten hingehören.

Joakim: Sollen wir etwa nicht dort hingehören, wo wir hingestellt worden sind? Denn sonst wären wir wohl nicht dorthin gestellt worden. Wie ging es zum Beispiel dem August: zuerst war er irgendwo Pflegekind, weißt du, dann konnten sie sich’s nicht mehr leisten, ihn bei sich zu behalten, und er kam an einen anderen Ort, wo er nicht nur mehr zu essen, sondern auch besser Kleider erhielt. Als aber drei Wochen vergangen waren, brannte er durch und kam wieder an den ersten Ort zurück. Das hast du ihn selber erzählen hören. Und erinnerst du dich, er sagte, er sei später im Leben nie mehr so tief traurig gewesen wie damals, als er wieder fort mußte von dem ersten armen Platz?

Ingar Sletten Kolloen
Hamsun
Schwärmer und Eroberer, Narzisst und Nobelpreisträger

492 Seiten, 29,90 Euro

Sletten Kolloen ist ein begnadeter Erzähler, der Hamsuns Leben mit filmischer Gestaltungskraft vor dem Leser abrollen lässt. Die Rezensenten lobten das stilistische und dramaturgische Können, den Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Seite und den ungeheuren Arbeitsaufwand, mit dem Sletten Kolloen Hamsuns Leben schildert ...mehr

Edevart erinnerte sich.

Joakim: Versuchen, wo wir am richtigsten hingehören – ja, er hatte Gelegenheit, das zu versuchen! Gehören wir am richtigsten dorthin, wo wir mehr Essen, bessere Kleider und mehr Geld bekommen? Dann hätten unser Vater und unsere Mutter nicht ihr Leben lang hier in der Bucht zufrieden und dankbar sein dürfen, nein, dann hätten sie nicht viel glücklicher sein dürfen als vielleicht der August und – ja und andere, die herumwandern und nirgends hingehören. Was meinst du dazu?

Ich meine gar nichts, murmelte Edevart.

Nun gibt es ja verschiedene Leute oben in der Gemeinde, die nicht mehr daheim sein wollen, sie haben angefangen, für eine Fahrkarte zusammenzusparen, darum machen sie es so mit ihren Kälbern, und manchmal verkaufen sie auch eine Kuh, sie haben das dumme Gerede von August gehört, sie wollen nach Amerika.

Es gibt so viele, die daran denken, dorthin zu reisen, sagte Edevart.

Joakim: Aber du wirst doch wohl nicht daran gedacht haben?

Gedacht und gedacht – aber bei mir soll das nicht geschehen. Weizenäcker und ein Haufen Geld, sagte August, aber er war nicht von hier, er war auch nur hier gewesen, der Herrgott ließ ihn sich frei herumtummeln. Wir werden innerlich nicht glücklicher davon, daß wir mehr Speck essen können.

Edevart drehte sich auf seiner Bank herum, sah dem Bruder ins Gesicht und sagte: Dann begreife ich nicht, warum du fünf Kühe haben willst, wenn doch Vater und Mutter mit zweien zufrieden waren.

Na, antwortete Joakim. Doch, doch, das verstehst du wohl. Vor allem waren doch Vater und Mutter nur zwei Menschen, wir Geschwister aber sind vier, und wir brauchen mehr als zwei. Dazu kommt, daß wir unsere eigene Erde bebauen sollten, Norwegens Erde, auf die Weise könnten wir vermeiden, einen so großen Teil unserer Lebensmittel vom Ausland zu kaufen, und wir brauchten dann auch nicht so viel unter Steuern und anderen Lasten zu seufzen. Aber das ist noch nicht alles, das Allerwichtigste ist, daß wir auf die Weise dem Los entgehen, das August als Kind gehabt hat: Mit der Wurzel aus der eigenen Erde herausgerissen und in eine fettere verpflanzt werden – und trotzdem sich nach der mageren zurücksehnen. Ich habe gelesen, daß es nicht immer das Fett ist, was den Ausschlag gibt, nein, daß es niemals das Fett ist, was die Sache ausmacht.

Ja, du liest und liest, sagte Edevart, ist es denn damit schon getan?

Etwas tut es wohl doch. Ich dünge mit Tang, das habe ich mir herausgelesen. Das Fett? Ich weiß nicht, ob du gesehen hast, daß bei der Furt fünf kleine Espen stehen? Nein, du hast aufgehört, draußen herzumzugehen. Aber dort stehen also fünf kleine Espen. Vier davon sind so üppig und haben so reiches Laub, die fünfte aber ist kleiner im Wuchs und nur schwach belaubt. Mir tat es leid um sie, und ich wollte ihr helfen, und so trug ich eines Sonntags einen Eimer Kuhdünger hin, hob die Wasendecke schön ab und düngte die Erde rings um die Wurzel, dann wässerte ich die Erde und legte den Wasen wieder darauf. Das war im vergangenen Herbst. Jetzt im Sommer – du meine Güte, die kleine Espe ist schäbig geworden, sie hat einen schneeweißen griesligen Ausschlag am ganzen Stamm und ein ganz jämmerliches Laub im Vergleich zu vorher. Siehst du, sie war in etwas Fremdes gekommen und konnte dort nicht gedeihen.

Sie gedieh aber auch vorher nicht?

Doch. Doch, sie gedieh für ihre Verhältnisse, sie war nur kleiner im Wuchs. Es können nicht alle gleich groß sein.«