Peter Furth

Peter Furth, geboren 1930, studierte ab 1949 Philosophie und Soziologie in Berlin und Frankfurt am Main. Peter Furth war unter Theodor Adorno Mitarbeiter am Frankfurter Institut für Sozialforschung. 1954 wurde er an der Freien Universität Berlin Assistent von Hans-Joachim Lieber. 1957 erschien seine Dissertation »Rechtsradikalismus im Nachkriegsdeutschland (Studien über die Sozialistische Reichspartei) «. 1962ff gab er mit Hans-Joachim Lieber die »Frühschriften von Karl Marx« heraus. 1973 wurde Peter Furth Professor für Sozialphilosophie an der Freien Universität Berlin. U.a. betreute er dort die Doktorarbeit von Rudi Dutschke. 1977 gab er (gemeinsam mit Matthias Greffrath) »Soziologische Positionen. Interviews und Kommentare. Eine Einführung in die Soziologie und ihre Kontroversen« (Frankfurt am Main) heraus und 1980 den Band »Arbeit und Reflexion. Zur materialistischen Theorie der Dialektik – Perspektiven der Hegelschen Logik« (Köln).

»Ideologiekritik nachtotalitär« – der Untertitel seines 1991 erschienenen Buches »Phänomenologie der Enttäuschungen« (Zuerst in »Düsseldorfer Debatte«, Nr. 2, 3 & 5/1987) könnte als denkbar kürzeste Formel für die Richtung dienen, in die das Spätwerk von Peter Furth weist. Seine Skepsis gegenüber kompensatorischen Ideologieentwürfen hat ihren Ursprung in negativen und positiven Enttäuschungserfahrungen: Mit dem Verlust orientierender Weltdeutungen geraten auch die individuellen Bewußtseinsstände ins Wanken. Die Krise der Begriffe wird zur Krise menschlicher Selbstentwürfe; der Einzelne selbst ist hin- und hergerissen zwischen Täuschung und Enttäuschung, Hoffnung und Verstörung. Dieses Buch war »ein bedrängender Versuch«, so der Verlag damals, »aus den technologischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen der späten Moderne, insbesondere aus der epochalen Niederlage des Kommunismus, die intellektuellen Konsequenzen zu ziehen. « Gelingende Enttäuschungsreflexion, so Furths These, muß dem enttäuschten Subjekt selbst zugemutet und von ihm selbst geleistet werden, wenn die Enttäuschung nicht in neue Omnipotenzphantasien umschlagen soll.

Peter Furths sozial- und lebensphilosophisches Fragen und Denken ist gekennzeichnet von einem geradezu bohrenden Erkenntnisinteresse, auf das hin landläufige Meinungen und Ansichten einer stets grundsätzlichen und dialektisch vorgehenden Überprüfung unterzogen werden. Seine Aufsätze wie seine mündliche Lehre haben einen stark lebensphilosophischen Zug, insofern Peter Furth über die Fachphilosophie hinaus Kunst, Literatur, Religion und Politik zu Rate zieht. Es gibt nichts, was nicht Gegenstand seiner Philosophie als klassischer Liebe zur Weisheit werden könnte, die Philosophie als Universitätsdisziplin eingeschlossen. Peter Furth ist ein ausgesprochen intensiver, der Welt stets zugewandter Denker, der seinem Gegenüber kein achtlos hingeworfenes Wort oder Argument durchgehen läßt. Andererseits ist er nicht unter die zeitgeistproduzierenden Medienintellektuellen zu rechnen; mindestens seine kritische Distanz zur geistigen Stimmung in der späten Bundesrepublik macht dies deutlich. Anläßlich der Emeritierung ihres Doktorvaters schrieben seine Schüler Stephan Lahrem und Olaf Weißbach: »Arbeit und Enttäuschung sind zwei Kategorien, die für Peter Furth einen zentralen Stellenwert im philosophischen Denken der letzten (...) Jahrzehnte haben. « Die Erfahrung zweier totalitärer Ideologien, besonders des realexistierenden Sozialismus und seines epochalen Zusammenbruchs, hat Peter Furths skeptischen Blick auf das Arbeitskonzept als Modell des Politischen bestimmt: Die unaufhebbare Differenz zwischen antizipiertem und realisiertem Zweck richtet den Blick noch einmal auf das Problem der Entfremdung – und mündet in tiefe Skepsis gegen innerweltliche Erlösungshoffnungen und gegen praktisch anleitende Geschichtsphilosophieen in der Tradition idealistischer Schöpfungsmythen. 1995 hielt Peter Furth die Abschiedsvorlesung »Heuchelei und moralische Weltanschauung«. Zuletzt erschien der Beitrag »Schuld und Zivilreligion in Deutschland« in »Gelebte Religionen« (Festschrift für Hartmut Zinser zum 60. Geburtstag), hrsg. von Hildegard Piegeler, Inken Prohl und Stefan Rademacher (Würzburg 2004). Beide Texte sind in dem Sammelband »Troja hört nicht auf zu brennen« enthalten. 2015 erschien im Landt Verlag sein Buch »Massendemokratie. Über den historischen Kompromiß zwischen Liberalismus und Sozialismus als Herrschaftsform«.